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Große Sorglosigkeit: Börsianer wollen nicht korrigieren, was eigentlich gesund wäre.
Große Sorglosigkeit: Börsianer wollen nicht korrigieren, was eigentlich gesund wäre.(Foto: picture alliance / Frank Rumpenh)
Dienstag, 19. Juni 2018

Risiken werden ignoriert: Anleger sollten sich langsam anschnallen

Ein Gastbeitrag von Thomas Buckard

Eine radikale Regierung in Italien, der durch die USA erzwungene Boykott des Iran, ein möglicher Handelskrieg und Schwierigkeiten beim Brexit. Den Börsianern scheint das egal zu sein. Doch es ist Vorsicht geboten.

Es ist schon erstaunlich, wie hartnäckig die Aktienanleger die bestehenden Risiken ignorieren. Der VDax New notiert gerade einmal bei 16 Punkten. Der Volatilitätsindex errechnet auf Basis von Terminkontrakten die in den kommenden 30 Tagen erwarteten Schwankungen bei den Dax-Werten. Da Anleger Volatilitäten immer als Risiko interpretieren, gilt: Je höher der VDax-New steht, desto größer ist die Angst der Anleger vor Rückschlägen am Aktienmarkt. Umgekehrt bedeutet der Punktestand von rund 16, dass sich die Börsianer derzeit kaum Sorgen machen.

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Anlässe, verstärkt in Deckung zu gehen, gibt es jedoch genug. Der harte Kurs der neuen italienischen Regierung gegenüber Flüchtlingen lässt befürchten, dass Rom auch in anderen Bereichen kompromisslos agiert. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die USA deutschen Firmen, die auch in den Vereinigten Staaten Geschäfte machen, verbieten, mit dem Iran zu handeln. Noch gravierender wäre es, wenn der Handelsstreit zwischen den Amerikanern und der EU weiter eskalieren würde und auch europäische Autoexporte mit Strafzöllen belegt würden. Schließlich ist auch der Brexit bislang noch nicht auf einem guten Weg.

Konjunktur könnte an Dynamik verlieren

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Dazu kommen fundamentale Risiken. Der Konjunkturzyklus befindet sich bereits in einer späten, fortgeschrittenen Phase. In den USA ist die Wirtschaft fast überhitzt. Angesichts einer Arbeitslosenquote von nur noch vier Prozent besteht fast Vollbeschäftigung und damit Inflationsgefahr. Dies könnte sich noch verschärfen, sollten Firmen tatsächlich im großen Stil ihre Standorte in den Vereinigten Staaten ausbauen oder neue eröffnen - so wie Präsident Donald Trump das wünscht.

Noch werden die Aktienkurse an der Wall Street durch das Gewinnwachstum der Unternehmen getragen. Das könnte noch bis zum nächsten Jahr so weitergehen. Nach mehreren Leitzinserhöhungen hätte dann die amerikanische Notenbank Fed die Option, bei einem möglichen Konjunktureinbruch mit Zinssenkungen die Wirtschaft zu unterstützen.

In Europa wurden die Konjunkturprognosen dagegen bereits gesenkt - vor allem auch in Deutschland. Der ZEW-Index fiel zuletzt auf den tiefsten Stand seit sechs Jahren. Gleichzeitig sank der Ifo-Index fünf Monate in Folge. Im Gegensatz zur amerikanischen Fed kann die Europäische Zentralbank (EZB) die Leitzinsen nicht mehr senken - denn diese stehen bereits bei null Prozent.

Trotz dieser geopolitischen und fundamentalen Risiken wollen die Aktienmärkte nicht richtig korrigieren, was eigentlich gesund wäre. Unter dem Strich ist der Deutsche Aktienindex Dax seit dem Jahresanfang seitwärts gelaufen. Das amerikanische Pendant, der Dow Jones, notiert sogar leicht im Plus. Allerdings entwickelten sich die Aktienmärkte in den zurückliegenden Monaten zwiegespalten. Die Tech-Werte legten insgesamt zu, während defensive Aktien wie Konsumgüterhersteller deutlich schwächer tendierten.

Déjà-vu

Diese Entwicklung erinnert an 1999. Während Warren Buffett damals mit seinen Anlagen, zum Beispiel klassischen Konsumgüterherstellern oder Transportwerten, im Minus lag und von vielen als ewig Gestriger belächelt wurde, verdienten sich die Spekulanten am Neuen Markt eine goldene Nase. Wie es dann von 2000 bis 2003 weiterging, ist uns allen noch in schmerzlicher Erinnerung.

Auch heute macht es für Anleger wieder Sinn, sich defensiver zu positionieren. Das bedeutet, auf alles vorbereitet zu sein, das Portfolio breit über alle Anlageklassen zu streuen und auch die jetzigen "Looser-Aktien" im Depot zu belassen, wenn die Qualität stimmt. Die Zeiten können sich schnell ändern. Viele bedeutende Standardwerte notieren aktuell unter ihren 200-Tage-Linien und damit unterhalb ihres längerfristigen Trends. Der Dax notiert noch knapp darüber. Ebenso der amerikanische S&P-Index, der die 500 größten in den USA notierten Aktiengesellschaften umfasst. 

Bis zum Sommer könnten die Märkte noch laufen, dennoch sollten Anleger die Anschnallgurte bereithalten und sich auf zwischenzeitliche Korrekturen einrichten. Liquidität ist dabei das oberstes Defensiv-Gebot, Stopp-Loss-Limite sind die Sicherheitsgurte. Vor allem sollten Investoren nicht nervös werden und keine emotionalen Fehlentscheidungen treffen.

Thomas Buckard ist seit dem Jahr 2000 Gründungsmitglied der MPF AG. Als Vorstand ist er für die Kundenakquisition und -betreuung zuständig. Zuvor arbeitete der passionierte Bergsteiger im Private Banking der Deutsche Bank AG.

https://www.mpf-ag.de

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Quelle: n-tv.de