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Montag, 23. April 2018

Es war einmal ein Crash: Automobile Fake News - und nackte Fakten

Von Helmut Becker

Die Abgasskandale zeigen ihre Wirkung: Der Diesel ist tot, der VW-Konzern steht vor dem Aus - das sind nur zwei Schlagzeilen, die durch die Öffentlichkeit geistern und sich als automobile Fake News herausgestellt haben.

"Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich völlig ungeniert!" Satiriker Wilhelm Busch hat damit eine Verhaltensweise beschrieben, derer sich nach Meinung von Öffentlichkeit und Medien ein gutes Jahrhundert später die deutsche Autoindustrie, allen voran der Volkswagen-Konzern, akribisch befleißigten. Doch diese und andere Meinungen über die Autoindustrie oder einzelne Hersteller entpuppen sich im Nachhinein als reine Spekulationen und Fehlurteile, als "Fake News" im Trumpschen Sinne.

"Fake News" 1

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre als Chefvolkswirt bei BMW tätig und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.
Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre als Chefvolkswirt bei BMW tätig und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Der viel beschworene Untergang des Volkswagen-Konzerns! Verstöße gegen Abgasgesetze und -normen mit Milliardenstrafzahlungen, Verschleierung und Verschleppung von juristischen und medialen Aufklärungsversuchen. Das Unterlaufen von allen möglichen ethisch-moralischen Normen des Verhaltens ehrbarer Kaufleute auf der obersten Führungsebene. Noch nie stand in Deutschland ein Großunternehmen dermaßen unter Druck wie der VW-Konzern seit Herbst 2015.

Mit der Folge, dass zunächst die Medien, dann - aufgestachelt von denselben - die öffentliche Meinung in Deutschland dem VW-Konzern sowohl ungeheure Imageverluste wie auch schreckliche Absatz- und Gewinneinbußen bis hin zum Exitus vorhersagten - mit erheblichen Beschäftigungs- und Einkommenseinbußen für die gesamte Volkswirtschaft. Gelegentlich wurde sogar die Zerschlagung des VW-Konzerns gefordert.

Die Wirklichkeit

Nichts dergleichen trat ein. Im Nachhinein erwies sich die ganze mediale VW-Apokalypse als das, was altgediente Markt- und Branchenkenner von Anfang an vorhergesagt hatten: als mediales Schlagzeilen-Getöse, bar jeder Kenntnis des Verhaltens von Autokäufern. Düpiert mussten automobile Untergangspropheten aus Medien und Wissenschaft zur Kenntnis nehmen, dass der VW-Konzern 2017 trotz allem mit 10,74 Millionen verkauften Autos einen neuen Rekord aufgestellt hat und abermals der weltgrößte Autobauer blieb, das beste Ergebnis seiner Geschichte erzielte und den Nettogewinn mit 11,4 Milliarden Euro zum Vorjahr verdoppelt hat und den Umsatz 6,2 Prozent auf 230,7 Milliarden Euro steigern konnte. Das entsprach in etwa dem BIP von Portugal und war ein Drittel größer als in Griechenland. Ein Autokonzern vor dem Untergang sieht anders aus.

"Fake News" 2

Der Dieselmotor ist tot! Am 27. Februar 2018 hat das Leipziger Bundesverwaltungsgericht in zwei Urteilen den Weg für Dieselfahrverbote in besonders belasteten Städten frei gemacht. Sie stellen zwar kein "Muss" für Fahrverbote dar, allerdings sind diese zulässig, wenn keine anderen Mittel zur Absenkung der Stickoxidbelastung unter die EU-Grenzwerte möglich sind.

Für die Öffentlichkeit und viele Medien war damit alles klar: Allein aus dem potenziellen Verbot wurde das Todesurteil für den Dieselmotor abgeleitet: Die Dieselabgase seien schuld am Tod von Abertausenden Menschen. Folge: Der Absatz von Dieselautos brach im zweistelligen Bereich ein, ihr Anteil an den Neuzulassungen fiel innerhalb weniger Monate um fast 20 Prozentpunkte auf fast ein Drittel.

Die Wirklichkeit

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Das Gegenteil ist richtig. "Deutschland sollte stolz auf den Diesel sein!", wie die "Bild"-Zeitung schrieb. Der Dieselmotor ist besser als sein Ruf, wir führen die Dieseldiskussion zur falschen Zeit, die Stickoxidprobleme sind inzwischen gelöst - nur, niemand will das mehr hören oder glauben.  Zum Beleg führt "Bild" zehn Fakten an, von denen die Wichtigsten sind:

  1. Der Dieselmotor ist der effizienteste und sauberste Motor für Pkw, jedem Benzinmotor, aber auch in der Gesamtumweltbilanz jedem E-Auto mit deutschem Energie-Mix überlegen (ganz abgesehen von der extrem gefährlichen und umweltschädlichen Herstellung von Batteriezellen weit weg vom Schuss deutscher Umweltpusseligkeit). Die Stickoxid-Probleme sind bei den neuesten Dieselmotoren technisch gelöst. Tests sogar der Deutschen Umwelthilfe haben ergeben, dass sieben der zehn saubersten Diesel aus dem VW-Konzern kommen.
  2. Die Stickoxid-Werte in Deutschland sinken, auch in den belasteten Städten, von 2,9 Millionen Tonnen im Jahre 1990 auf 1,2 Millionen Tonnen 2015. Mit den ergriffenen Maßnahmen des "Diesel-Gipfels" ist ein weiterer Rückgang programmiert. Aber das braucht eben Zeit!
  3. Hinzu kommt, dass die Stickoxidmeßwerte oft nicht stimmen, weil die Messstationen erwiesenermaßen falsch positioniert sind und zu hohe Werte messen. Im Übrigen sind die gesetzlichen Stickoxid-Grenzwertvorgaben für den Straßenverkehr teilweise um ein Vielfaches niedriger als jene für die Arbeitsstätten in Büros und Fabrikhallen.
  4. Die EU-CO2-Ziele sind ohne Diesel nicht zu schaffen. Dieselautos sind verbrauchsgünstiger als Benziner und stoßen daher weniger CO2 aus, zumal der Trend zu großen SUV weiter anhält. Ohne Dieselautos bleiben die CO2-Ziele eine Null-Nummer.

Fake News 3

Autonomes Fahren mit Roboterautos macht den Verkehr sicherer und senkt die Anzahl von Unfalltoten.

Die Wirklichkeit

Das Gegenteil dürfte der Fall sein. Zwar gibt es nur empirische Erkenntnis über Unfälle mit tödlichem Ausgang in den USA, wo Roboterautos bereits in Arizona und Kalifornien im Straßenverkehr zugelassen sind. Diese allerdings lassen den Schluss zu, dass die Unfälle im "Normal-Betrieb", also mit einem Fahrer am Steuer, nicht stattgefunden hätten. Und das, obwohl selbst in den USA bisher nur wenige autonome Autos auf den Straßen unterwegs sind und auf eben diesen das Verkehrsgeschehen ein völlig anderes ist als auf den hochfrequentierten Straßennetzen im dichtbesiedelten Deutschland.

Im Übrigen kann sich die Unfallbilanz der deutschen Verkehrspolitik der letzten Jahrzehnte durchaus sehen lassen. Zwar ist die Anzahl der Unfälle aufgrund der zunehmenden Verkehrsdichte ebenfalls im Zeitverlauf gestiegen, die Anzahl der Verkehrstoten hat dennoch deutlich abgenommen: Von 19.193 im Jahr 1970 (Kfz-Bestand: 16,78 Millionen) auf 3177 Tote 2017 (Kfz-Bestand:  etwa 56 Millionen). Völlig ohne Roboterautos.

Quelle: n-tv.de