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Sonntag, 27. September 2009

Markus Zschaber: Die Deutschland AG 2.0

Das realwirtschaftliche Wachstum Deutschlands sank vier Quartale nacheinander. Allein zwischen dem 2. Quartal 2008 und dem ersten Quartal 2009 reduzierte sich die ökonomische Leistungserstellung um über 6,5 Prozent. Auslöser für die Zunahme der rasanten Falldynamik war in der ex-post-Betrachtung die Insolvenz des US-Bankhauses Lehman Brothers, die zu einer massiven Reduktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage führte.

Deutschlands Hauptproblem war die hohe Abhängigkeit vom Export sowie von Investitionen, die aufgrund der globalen Produktionsschwäche massive Einbußen verzeichnen mussten. Daraus abgeleitet, sollte in einer Beurteilung der deutschen Wirtschaft vor allem das ökonomische Potenzial der größten Handelspartner genau fokussiert werden.

Es steht fest, dass die Binnennachfrage in Deutschland unter keinem guten Stern steht, da die demographische Situation alles andere als eine attraktive potentielle Basis bildet. Sicherlich werden die Interventionen der Regierung den Staatskonsum stützen, nachhaltig einen starken Konsumenten aber nicht ersetzen können. Der Vorteil in Bezug auf den privaten Konsum, welcher durch den gesamten Verlauf der Weltwirtschaftskrise mehr oder weniger stabil blieb, war die Tatsache, dass der deutsche Immobilienmarkt keinen Preisübertreibungen ausgesetzt war. Darüber hinaus schützten natürlich die ausgefeilten Sozialsysteme, wie beispielsweise die Maßnahmen der Kurzarbeit, die Konsumaktivität in Deutschland im Gegensatz zu anderen Nationen wie Spanien oder den USA. Die Arbeitslosenquote stieg zuletzt um 0,7 Prozentpunkte auf 8,3 Prozent im August 2009, was im internationalen Vergleich, vor dem Hintergrund der Schwere der Krise, immer noch als moderat einzustufen ist.

Ende der Kurzarbeit mit Folgen

Nach meinen Hochrechnungen bin ich mir allerdings sicher, dass im kommenden Jahr die Arbeitslosenzahlen durchaus einer höheren negativen Steigerungsdynamik ausgesetzt sein werden, da sich die Phase der Kurzarbeit dem Ende entgegen neigt und die aktuellen Stabilisierungen im Produktionszyklus die zuvor reduzierten Kapazitäten nicht nachhaltig nach oben ansteigen lassen wird. Insgesamt ist der Produktionszyklus in einer Phase der Stabilisierung, was auch die jüngsten Wachstumszahlen verdeutlichen. Verantwortlich dafür ist vor allem der Lagerzyklus sowie der Außenbeitrag, welcher vordergründig einen positiven Eindruck vermittelt. In der Detailanalyse ist aber zu erkennen, dass die Importe markant gefallen sind, was wiederum den Nettoexport positiv unterstützte. Nach meiner ökonomischen Bewertung erkenne ich ebenfalls eine gewisse Beständigkeit in Bezug auf die deutschen Auftragsvolumina, welche natürlich vor allem durch die markant expansive Ausweitung der Geldmenge durch die weltweiten Notenbanken zu Stande kommt.

Zusammengefasst darf aber nicht vergessen werden, dass das produzierende Gewerbe in Deutschland in den vergangenen zwölf Monaten den schlimmsten Einbruch seit über 60 Jahren durchlebte. Vor allem die Investitionsgüter reduzierten sich massiv und das Finanzsystem sowie die soziale Marktwirtschaft standen bis zum März dieses Jahres auf dem Prüfstand. Ich möchte nochmals erinnern, dass in diversen Medien in Deutschland Stimmen laut wurden, die sich offensiv für einen Systemwechsel aussprachen. Nur die über 4.500 Milliarden schweren Investitionsprogramme weltweit konnten die Märkte stabilisieren. Fakt ist, dass aktuell eine Stabilisierung im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland erkannt werden kann. Es darf aber nicht vergessen werden, dass die Zahlen hier immer noch gut 20 Prozent niedriger sind als noch vor einem Jahr. Ich bin mir sicher, dass wir nach der Stabilisierung auch in eine gewisse expansive Phase übergehen werden. Die Frage ist nur, wie nachhaltig und wie stark diese sein wird.

R ückschlagspotenzial in der Produktion

Mit Blick auf die Vorleistungsgüter, wie beispielsweise die chemische Industrie, kann derzeit eine gewisse Belebung erkannt werden, was mich auch zu der Beurteilung kommen lässt, dass sich der Produktionszyklus in Deutschland kurzfristig leicht verbessern sollte. Nach meinen Berechnungen sollte sich aber zur Jahreswende bzw. im ersten Quartal des Jahres 2010 durchaus ein nicht unbedrohlicher Grad an Rückschlagspotenzial in Bezug auf die Produktion ergeben. Mit Blick auf das sehr tiefe Niveau, von welchem sich seit Mitte des Jahres 2009 bis zur Mitte des Jahres 2010 eine annualisierte Zuwachsrate der Produktion von 4,5% prognostizieren lässt, könnte die Entwicklung zwar als dynamisch eingestuft werden, dies bedeutet aber noch keine wirkliche Gesundung der Gesamtwirtschaft. Kalkuliert man die besagte Zuwachsrate in eine funktionale Produktionsmatrix ein, errechne ich, dass die Kapazitätsauslastung der deutschen Industrie immer noch rund 10 Prozent unterhalb des Durchschnitts der letzten Dekade liegen sollte.

Der Aufschwung könnte sich daher als trügerisch erweisen, denn viele Unternehmen werden ihre Kostenseite noch weiter reduzieren müssen, um die Profitabilität zu steigern. Das könnte wiederum negative Zweitrundeneffekte für die Konsumaktivität bzw. Investitionsnachfrage beinhalten.

Deutschland gilt sicherlich als eine der widerstandsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Doch in der aktuellen Euphorie darf nicht vergessen werden, dass wir bis jetzt nur eine Stabilisierung sehen, eine neue Expansionsphase aber frühestens im zweiten Quartal des Jahres 2010 erwartet werden kann.

Als Vermögensverwalter gehöre ich mit Sicherheit nicht zu den Pessimisten, aber als Ökonom zu den Realisten und ich möchte vor allem mit Blick auf die Wahl hier in Deutschland, die neue Regierung aufrufen, die strukturellen Probleme, die zweifelsohne immer noch bestehen, anzugehen und das sehr zarte Pflänzchen (Wirtschaft) nicht zu zertrampeln.

Ihr Markus Zschaber

Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.

Quelle: n-tv.de