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Freitag, 10. August 2018

Crash am Devisenmarkt: Sommergewitter für die Türkei und ihre Lira

Von Benjamin Feingold

Der Kurs der türkischen Lira testet immer neue Tiefstände und bringt Unternehmen und Wirtschaft des Landes in die Klemme. Mit dem vorgestellten neuen Wirtschaftsmodell soll der Befreiungsschlag gelingen. Es fehlt jedoch an Innovationen und Überzeugungskraft.

Seit Wochen steht die türkische Währung unter Druck. Immer neue Tiefstände testet die Lira. Ein Ende scheint nicht in Sicht. Vor diesem Hintergrund versuchen der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und sein Finanzminister und Schwiegersohn Berat Albayrak den massiven Verfall der Landeswährung zu stoppen und das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Nicht weniger als ein neues Wirtschaftsprogramm kündigen sie dazu an.

Doch tatsächlich findet sich darin wenig Neues. Vielmehr hat Staatschef Erdogan hat seine alten Forderungen wiederholt, die Türken mögen doch ihre Devisen  - Euro und Dollar - wieder in Lira tauschen. So soll die taumelnde Währung gestützt werden. Doch bei einer Inflation von mehr als 15 Prozent im Jahr fehlen dazu schlicht die Anreize.

Ein Fünftel Wertverlust

"Die lang erwartete Rede von Erdogan und seinem Finanzminister hat es nicht geschafft, den Verfall der Lira zu stoppen", sagt dann auch Ricardo Evangelista, Senior Analyst von ActivTrades. Sie ist bis auf fast 6,90 Lira pro US-Dollar gefallen und hat allein heute in der Spitze fast ein Fünftel an Wert verloren – ein Erdrutsch am Devisenmarkt. Aktuell notiert der Lira-Kurs bei fast 6,40 pro Dollar.

"Die türkische Lira spiegelt die schwierige Situation in der sich die Türkei derzeit befindet wider. Ein massives Leistungsbilanzdefizit, hohe kurzfristige Staatsverschuldung, eine zu lockere Geldpolitik sowie politisches Risiko führten zu einer Vertrauenskrise bei den internationalen Investoren", sagt Anton Hauser, Fondsmanager des ERSTE Bond Danubia, die unter anderem in türkische und russische Staatsanleihen investiert sind.

Goldman Sachs warnt vor einer großen Gefahr für die türkischen Banken durch den Lira-Verfall. Sobald der Kurs bei 7,10 Lira pro Dollar notiert, sei der Kapitalpuffer aufgebraucht. Daher besteht auch eine Ansteckungsgefahr für europäische Banken, die in der Türkei stark engagiert sind, wie etwa die spanische BBVA und die italienische Unicredit, deren Aktienkurse mit Verlusten von jeweils circa fünf Prozent auf die Krise der türkischen Lira reagierten.

Stärkung der Zentralbank angekündigt

Finanzminister Albayrak versucht, mit seiner Präsentation des neuen Wirtschaftsmodells die Situation zu beruhigen, die sich nach den angekündigten Sanktionen der USA noch einmal verschärfen könnte. Zudem hat der US-Senat ein Gesetz auf den Weg gebracht, das der Weltbank und der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung verbieten soll, weitere Kredite an die Türkei zu vergeben. Das würde das Land am Bosporus hart treffen, da es dort zahlreiche Kredite laufen hat und das vergleichsweise hohe Leistungsbilanzdefizit finanzieren muss.

Der Finanzminister hat sehr allgemein über die neue türkische Wirtschaftsausrichtung gesprochen und nur wenig konkretisiert. Betont wurde eine unabhängige Geldpolitik, denn die Unabhängigkeit der Zentralbank sei von "kritischer Bedeutung" für die Türkei. Außerdem soll die Wirtschaft neu ausgerichtet werden. Doch genaue Ziele oder Maßnahmen nannte er nicht.

Bloße Willensbekundungen aber beruhigen Investoren kaum. Und obendrein hat US-Präsident Donald Trump noch mehr Öl ins Feuer gegossen: Zeitgleich zur Vorstellung des neuen türkischen Wirtschaftsprogramms twitterte er, die Zölle auf türkischen Stahl und Aluminium auf 50 beziehungsweise 20 Prozent verdoppeln zu wollen. Das trifft den immerhin sechstgrößten Stahlproduzent der Welt hart.

Quelle: n-tv.de