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Montag, 17. Dezember 2018

Autoindustrie am Wendepunkt?: "Verlierer 2018 sind zwei deutsche Hersteller"

Die Autoindustrie blickt auf ein weiteres Rekordjahr zurück, was Absatz und Umsatz betrifft. Bei den Erträgen sieht das anders aus - das lässt aufhorchen. Sind die fetten Jahre vorbei? Hat der Abschwung begonnen? Droht eine ernste Krise? Autoexperte und Ökonom Helmut Becker liefert n-tv.de die Antworten und nennt die Gewinner und Verlierer 2018.  

n-tv.de: Herr Becker, allen Unkenrufe zum Trotz gibt es den Diesel noch, aber auch erste Fahrverbote. Chinas Automarkt wächst weiterhin und US-Präsident Donald Trump droht mit Strafzöllen auf europäische Autos. Hinzu kommt die Unsicherheit über den Brexit und Italien. Alles in allem ein denkwürdiges Jahr für die Automobilindustrie im Allgemeinen und die deutschen Hersteller im Besonderen. Haben Sie schon einmal ein ähnlich ereignisreiches Autojahr erlebt?

Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.
Helmut Becker schreibt für n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt. Becker war 24 Jahre Chefvolkswirt bei BMW und leitet das "Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK)". Er berät Unternehmen in automobilspezifischen Fragen.

Helmut Becker: Kurz und knapp: Nein! Eine solche Zusammenballung externer Herausforderungen, die auf die wohlgemerkt ausschließlich deutsche Automobilindustrie einprasselten, habe ich noch nie erlebt. Und ich bin seit 1974 in der und für die Autoindustrie tätig. Nein, 2018 war da schon sehr speziell.

Interne Probleme gab es darüber hinaus ja auch noch ...

Die kommen hinzu. Themen wie Elektroantriebe in jedweder Form, Vernetzung und Digitalisierung oder auch autonomes Fahren schlagen voll zu Buche. Vor allem auf der Kostenseite und damit zwangsläufig bei den Erträgen. Zusammengefasst: Die Autoindustrie war noch nie so unter Druck wie 2018.

Was war denn in Ihren Augen das alles überstrahlende Thema des Autojahres 2018?

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Eindeutig die Dieselfahrverbote und damit einhergehend die Tätigkeit der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die am Ende zur allgemeinen Verunsicherung der Käufer geführt hat. Der Einbruch beim Dieselmarkt hat die Hersteller ganz schön durcheinandergerüttelt. Das hat aber nur die deutschen Hersteller getroffen, denn nur die können Diesel. Betrachtet man die globale Autoindustrie generell, war das Hauptthema 2018 die drohenden Zoll- und Handelskriege und die sich ankündigende Konjunkturabkühlung.

Das Ganze ging aber einher mit weiter wachsenden Absatz- und Umsatzzahlen ...

Richtig, nach dem Motto "gewinnfreies Wachstum". Das ist die Besonderheit und Ausdruck der Vielzahl an externen und internen Belastungen - und ausnahmsweise einmal nicht dem Management anzulasten.

Viel Negatives irgendwie. Wird 2018 als ein verlorenes Jahr in die Autogeschichte eingehen?

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Verloren würde ich nicht sagen, schon allein weil eben Rekordabsätze und -umsätze erzielt worden sind.  Und allgemein auf dem Globus die Erkenntnis gewonnen wurde, dass das so mit dem ungehemmten Wachstum der individuellen Mobilität auf Basis fossiler Verbrennung nicht weitergehen kann. 2018 ist ein Jahr des Umbruchs in vielerlei Hinsicht: Rekordjahr einerseits, Zeitenwende andererseits. Aber auch konjunkturell hat die Autoindustrie  ihren Zenit überschritten, im zweiten Halbjahr hat der Abschwung eingesetzt. Aktuell sind alle  wesentlichen Märkte im Rückwärtsgang - allerdings bislang noch sehr maßvoll.

Apropos Märkte, wie lief es denn in Deutschland?

Die Neuzulassungen hierzulande werden 2018 wohl um zwei Prozent zurückgehen, ebenso in Europa. Besonderheiten wie Produktionsausfälle durch die neuen WLTP, das neue Abgasprüfverfahren, spielen auch eine Rolle, aber nur vorübergehend.

Wie erging es dem Absatzmarkt USA?

Hier hat sich der im letzten Jahr bereits angekündigte Absatzrückgang fortgesetzt. Auch der Markt hat seinen Zenit  überschritten. Auffallend ist das strukturelle Verschwinden der Limousine vom Markt zugunsten der Pick-up, Off-Roader und SUV. Von E-Auto-Hype keine Spur. Selbst in China waren die vergangenen Monate schwächer als erwartet.

Deutet das im Reich der Mitte auf eine konjunkturelle Ermüdung hin?

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Nein, eher strukturell. Zwar ist eine Marktsättigung in China - selbst bei einem jährlichen Zulassungsvolumen von rund 26 Millionen Neuwagen - nicht in Sicht. Aber die Zeit zweistelliger Wachstumsraten ist vorbei - wohlgemerkt für den Markt, nicht für die deutschen Hersteller.

Also war China für sie auch 2018 Hauptwachstumstreiber?

Ja. Die deutschen Hersteller konnten sich gegen den Trend weiter stark entwickeln. BMW, Daimler und VW verdanken ihr Absatzplus China. Daimler hat unter Vorstandschef Dieter Zetsche stark aufgeholt. Mit Brilliance hat BMW als ausländischer Hersteller erstmals einen chinesischen Autobauer voll übernommen. Absehbar ist, dass China für die deutschen Hersteller, die durch die Bank heute ein Drittel und mehr ihres Jahresvolumens dort verkaufen, weiter an Bedeutung gewinnt.

Wie lief es 2018 ganz allgemein für die drei deutschen Premiumhersteller Audi, BMW und Daimler?

2018 hat es in meinen Augen vor allem Audi hart erwischt. Das hatte mehrere Gründe, etwa die tiefe Verwicklung in den Dieselskandal, die Verhaftung des Vorstandsvorsitzenden Rupert Stadler mit anschließender langer Untersuchungshaft - das kratzt am Image und den Verkaufszahlen gleichermaßen.

Ist damit aus dem Dreikampf auf Augenhöhe ein Zweikampf um die Premiumspitze geworden?

Ja, das könnte man so sagen. BMW hat zwar etwas Boden auf Daimler gutgemacht, aber die Stuttgarter sind nach wie vor aufs Ganze gesehen Branchenprimus. Daimler muss aber hart kämpfen, denn BMW ist technologisch und strategisch dicht dran. Die Zielsetzung in München heißt nicht von ungefähr, 2020 wieder Nummer eins zu werden.

Im Blick müssen die Konzerne dabei den Handelsstreit zwischen den USA und China haben. Welche Rolle spielen diese Spannungen für die Autoindustrie?

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Bei den Streitigkeiten zwischen Washington und Peking, immer wieder forciert durch US-Präsident Donald Trump, standen aus deutscher Seite eben vor allem BMW und Daimler im Fokus. Beide haben sowohl in den USA als auch in China starke Marktpositionen inne, produzieren aber auch jeweils vor Ort mit hohen transregionalen Handelsverflechtungen. Glücklicherweise hat die EU eine Auseinandersetzung mit den USA in letzter Minute verhindert - vorerst. Wenn von dieser Seite etwas passierte, wären die deutschen Hersteller die Verlierer, weil sie noch immer große Stückzahlen in die USA exportieren.

2017 war das Auto des Jahres Ihrer Meinung nach der Streetscooter, ein kleiner E- Lieferwagen. Wer ist der Gewinner 2018?

(lacht) Mir ist nicht mehr eingefallen, auch 2018 heißt mein Auto des Jahres Streetscooter! Anfangs von schlechter Verarbeitungsqualität, hat er sich inzwischen zu einem Verkaufsschlager entwickelt, weil er jetzt in Großserie produziert werden darf und kann. Und wenn man sich gerade jetzt vor Weihnachten allein das wachsende Paket- und Lieferdienstaufkommen hierzulande ansieht, ist das Potenzial gewaltig. Auch Dieselfahrverbote sind ein unglaubliches Verkaufsargument.

Gibt es einen Verlierer des Jahres?

Nicht einen, zwei! In diese Kategorie fällt mit Sicherheit Audi - aber noch stärker Opel. Nach der Übernahme durch PSA wird das Produkt Opel immer uniformer, austauschbarer und ich befürchte, dass Opel über kurz oder lang vom Automarkt verschwindet.

Abschließend: Wie fällt Ihr Fazit für das Autojahr 2018 aus?

2018 war ein Übergangsjahr: Sieben fette Jahre und der Zenit liegen  hinter uns, die Fastenzeit hat begonnen.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de