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Erdogan bringt die türkische Lira gewaltig unter Druck. Goldman Sachs warnt: Sollte der Dollar auf 7,10 Lira steigen, haben die Institute keine Sicherheitspolster mehr.
Erdogan bringt die türkische Lira gewaltig unter Druck. Goldman Sachs warnt: Sollte der Dollar auf 7,10 Lira steigen, haben die Institute keine Sicherheitspolster mehr.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 07. August 2018

Erdogans Minister in Washington: Die USA-Reise stoppt den Lira-Crash nicht

Von Diana Dittmer

Ankara will den Streit über den in der Türkei festgesetzten US-Pastor Brunson mit einem Besuch in den USA beilegen. Die Märkte halten den Atem an. Denn die Probleme der Türkei lassen sich mit Diplomatie kaum lösen.

Ankara und Washington wollen es offenbar doch noch mal auf dem diplomatischen Parkett miteinander versuchen. In den kommenden Tagen wird laut der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu eine türkische Delegation unter Leitung von Vize-Außenminister Sedat Onal nach Washington reisen. Die Regierungen hätten sich bei bestimmten Streitthemen verständigt, berichten Medien unter Berufung auf Diplomatenkreise.

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Die Reise nach Washington ist allenfalls ein kleiner Silberstreif am Horizont. Der türkische Präsident selbst wird zu Hause bleiben. Die Absicht, dass sich nur Regierungsvertreter aus der zweiten Reihe treffen, macht den Finanzmärkten deshalb vielleicht nur kurz Mut. Nach dem katastrophalen Kurssturz um mehr als sechs Prozent am Montag - der größte Rückgang innerhalb eines Tages seit einem Jahrzehnt - hält die türkische Lira zwar kurz inne. Danach beginnt die Währung aber wieder zu fallen. Ein US-Dollar kostet mittlerweile 5,3 Lira. Für einen Euro sind erstmals sogar über sechs Lira fällig.

Entzündet hatte sich der jüngste Streit zwischen Ankara und Washington an dem in der Türkei festgesetzten US-Pastor Andrew Brunson. Nachdem es der US-Regierung nicht gelungen war, ihn zurück in die USA zu holen, hat Washington zwei führende türkische Minister sanktioniert und damit eine gefährliche Eskalationsspirale in Gang gesetzt. Der türkischen Wirtschaft laufen die Investoren bereits in Scharen davon. Durch den zusätzlichen Streit riskiert Recep Tayyip Erdogan, dass der Geldhahn komplett zugedreht wird.

Die Lira sei für negative Nachrichten anfällig, warnt Währungsanalyst Wolfgang Kiener von der BayernLB. Der Währungsverfall zeige, wie das Vertrauen ausländischer Kapitalgeber in das Land schwinde. Goldman Sachs wird deutlicher: Den türkischen Banken drohe bald die Luft auszugehen. Ihr Kapitalpuffer sei bei 7,10 Lira für einen US-Dollar aufgebraucht.

Urlauber können gar nicht genug Geld mitbringen

Die Regierung in Ankara verschließt davor lieber die Augen und verweist auf die brummende türkische Wirtschaft. In den ersten drei Monaten wuchs sie um 7,4 Prozent. Selbst China, die Zugmaschine der Weltkonjunktur, schaffte im selben Zeitraum lediglich 6,8 Prozent. Zudem rangiert das Land nach der Besucherflaute im vergangenen Jahr wieder weit oben auf der Beliebtheitsliste der Urlauber. Bis Juli reisten über sieben Millionen Sonnenhungrige an die Küsten rund um die Ferienhochburg Antalya. Das ist ein Drittel mehr als im Vorjahreszeitraum. Doch trotz voller Betten und Strände klagen Branchenvertreter, dass sie nichts verdienen.

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Schuld daran sind nicht dunkle Mächte, wie die Türkei gerne glauben machen möchte, sondern simple ökonomische Gesetze. Die Türkei importiert die meisten ihrer Waren. Bezahlt werden sie in harten Währungen. Für türkische Hoteliers und Gastronomen, die für ihre Leistungen schwache Lira bekommen, wird alles immer teurer. Allein in diesem Jahr hat die Landeswährung ein Drittel ihres Wertes verloren.

Ökonomen sind sich einig: Der Sinkflug der Landeswährung hat nichts mit Brunson oder den Sanktionen zu tun. Der Tiefenrauch der Lira begann viel früher und ist das unmittelbare Ergebnis einer verfehlten Wirtschaftpolitik. Dass bei der türkischen Boomgeschichte etwas gehörig falsch gelaufen ist, belegen auch die horrenden Inflations- und Arbeitslosenzahlen von über 15 Prozent.

Erdogan hat den Wirtschaftsboom mit geliehenem Geld erkauft. Ohne die Mittel, die die AKP-Regierung in Ankara nach dem gescheiterten Putschversuch 2016 in die Wirtschaft gepumpt hat, hätte es das explosionsartige Wachstum nicht gegeben. Die Regierung befeuerte die Kreditvergabe, um einer möglichen Rezession entgegenzuwirken. Noch heute hält die Notenbank trotz galoppierender Inflationszahlen auf Geheiß Erdogans die Zinsen niedrig. Das Ergebnis dieser Politik: eine gigantische Kreditblase.

Wirtschaftsboom mit geliehenem Geld

Allein die Verschuldung türkischer Unternehmen hat ein Ausmaß von 70 Prozent der Wirtschaftsleistung erreicht. Vor zehn Jahren waren es 20 Prozent. Türkische Firmen, Privatleute und der Staat leben seit Jahren maßlos über ihre Verhältnisse. Die Wirtschaft erholte sich dadurch zwar auch, aber die Regierung hat es versäumt, ihre Wirtschaftshilfen rechtzeitig wieder zurückzufahren.

Die Türkei ist so abhängig von ausländischem Kapital wie kaum ein anderes Land. Das Leistungsbilanzdefizit ist in den vergangenen Jahren nur gewachsen - 2017 betrug es 5,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Solange Geld neuer Investoren alte Löcher stopft, funktioniert das Schneeballsystem. Sobald das Land wegen zunehmender Inflation, politischer Unsicherheit oder Sanktionen für Investoren unattraktiver wird, droht der Kreislauf jedoch zu erliegen. Als Erdogan Vergeltungssanktionen gegen die USA ankündigte, stiegen die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen auf knapp 20 Prozent. Am Ende könnte die Wirtschaft unter dieser Last zusammenbrechen.

Experten schätzen die ökonomische Bedeutung der Sanktionen wegen Brunson als gering ein. Die viel größere Gefahr für die Türkei besteht darin, dass ihre Geldquellen versiegen. Der US-Senat hat jüngst ein Gesetz auf den Weg gebracht, das es den US-Vertretern bei der Weltbank und bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung verbietet, weiteren Krediten an die Türkei zuzustimmen. Die Türkei droht damit finanziell komplett auf dem Trockenen sitzen zu bleiben.

Die türkische Notenbank bleibt Erdogans Werkzeug

Der Kapitalmarkt wartet dringend auf ein Zeichen vom Bosporus. Doch die Zweifel, dass Erdogan zu einem Kurswechsel bereit ist, wachsen. Eine Leitzinserhöhung wäre überfällig, um die Inflation zu bremsen. Wahrscheinlich ist sie nicht. Am Montag versuchte die türkische Notenbank zumindest halbherzig die Banken zu stärken, indem sie die Obergrenze für den Devisenanteil herabsetzte, den sie zur Erfüllung ihrer Reserve-Anforderungen einhalten müssen. Der Schritt verschafft den Instituten laut den Währungshütern erst einmal 2,2 Milliarden Dollar an Liquidität.

Zu wenig, sagen Beobachter. "Wenn das alles ist, was sie tun, während die Lira im freien Fall ist, ist das ziemlich enttäuschend", zitiert die US-Finanzagentur "Bloomberg" einen Strategen der New Yorker Privatbank Privat Brown Brothers Harriman. Laut dem Commerzbank-Analysten Lutz Karpowitz dürfte die Entscheidung der Notenbank die Lira sogar noch zusätzlich schwächen. Auch die Analysten der BayernLB äußern sich skeptisch: Nur eine drastische Zinserhöhung der Notenbank könnte die hohe Inflation in der Türkei und die Abwertung der Währung stoppen. Wegen des politischen Drucks durch Erdogan sei allerdings fraglich, ob die Zentralbank die notwendige Handlungsfreiheit dafür besitze.

Die Urlauber mögen an die Küsten der Türkei zurückgekehrt sein. Aber die Investoren machen sich weiter rar. Der US-Pastor Brunson steht symbolisch für das politische Zerwürfnis der Nationen. Die eigentlichen Probleme der Türkei liegen aber tiefer. Wenn Erdogan nicht bald anfängt, den Geldgebern Gründe zu geben zurückzukehren, riskiert er eine gefährliche finanzielle Schieflage. Mögliche Folgen könnten Hyperinflation und Bankenpleiten sein. Selbst einen Staatsbankrott schließen Experten nicht aus. Ein Termin in Washington allein kann das alles nicht richten.

Quelle: n-tv.de