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Montag, 20. Juni 2016

Welt-Handelsindex: Brexit-Sorgen trüben Stimmung

Ein Gastbeitrag von Markus C. Zschaber

Ein Brexit bringt weder für die EU noch Großbritannien Vorteile bringen. Die Konsequenzen sind zwar schwer abzuschätzen. Doch signifikante wirtschaftliche und politische Schäden sind sehr wahrscheinlich.

Dr. Markus C. Zschaber
Dr. Markus C. Zschaber

Die globale Handelsaktivität schaltet einen Gang zurück – einmal mehr sorgen politische Unsicherheiten für eine Verlangsamung der internationalen Güter- und Warenströme. Die Weltindustrieproduktion gerät aktuell etwas ins Stocken. Während im Vormonat noch größtenteils die Daten aus dem "Welt-Handelsindex" einen Anstieg der weltweiten Nachfrage verzeichneten, zeigte sich in den vergangenen vier Wochen eine leichte Trendwende zum Negativen. Die ansteigende Unsicherheit hinsichtlich des Brexits und die damit verbundene Sorge, dass ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU zu weiteren Austritten führen könnte, haben zu einem Anstieg der Verunsicherung bzw. Zurückhaltung der globalen Nachfrage geführt. "Die Einflussnahme eines Brexits auf die Weltwirtschaft bleibt realökonomisch zwar begrenzt, allerdings kann ein Umfeld, welches durch Verunsicherung geprägt ist, sehr schnell zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung führen, die wiederum eine Verschärfung der eigentlichen Realität verursachen kann", beschreibt Markus C. Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltung, die monatlich den "Welt-Handelsindex" veröffentlicht, die aktuelle Lage mit Blick auf die Ergebnisse.

Es ist völlig offen, wie die Abstimmung am 23. Juni tatsächlich enden wird, und jegliche Spekulation über ihren Ausgang gleicht im Moment einem Blick in die Glaskugel. "Genau das ist es, was sich in den Köpfen der Einkaufsmanager aktuell abspielt. Kalkulationen und Vorhersagen, was die Zukunft bringen wird, sind nur mit hohen Qualitätsverlusten zu prognostizieren, insofern halten sich alle in ihren Bestellungen und Investitionen ein wenig zurück", so Zschaber weiter. Lediglich der Konsum- und Dienstleistungszyklus bleibe außergewöhnlich konstant und bildet die große Stütze.

Der Wachstumsstatus der Weltwirtschaft geht im Vergleich zum Vormonat somit leicht zurück, verharrt aber noch auf ordentlichem Niveau. Gerade die beschriebenen konstanten Entwicklungen im globalen Konsumzyklus bilden qualitative Widerstandskräfte von Seiten der Wirtschaft. Hinzu kommt, dass sich jüngst das Gesamtdatenbild aus China verbesserte, aber auch in den USA, der Eurozone und explizit in Deutschland konnte ein stabiler Trend im gesamtwirtschaftlichen Gebilde quantifiziert werden. "Die Frage, die sich aber stellt ist, wie viel Zeit die Regierung in Großbritannien nach dem Ergebnis bekommt, um unabhängig vom Ausgang den Eindruck klar nach außen zu vermitteln, dass man politische Lösungsansätze vorbereitet hat", führt der Vermögensverwalter aus.

"Fakt ist, dass das Vereinigte Königreich rein ökonomisch betrachtet eng mit der EU verbunden ist. Mehr als die Hälfte aller britischen Exporte gehen in andere EU-Staaten, welches einem Anteil von knapp 14 Prozent des britischen BIP entspricht. Noch größer ist der Anteil an Gütern, die Großbritannien einführt. Durch den Brexit wären sie aufgrund von Zöllen belastetet, durch verteuerte Ausfuhrwaren sind vor allem die britischen Exportunternehmen gefährdet", so Zschaber weiter.

Hier wird häufig auf Norwegen oder die Schweiz verwiesen, beide Nationen hätten freien Zugang zum Binnenmarkt, obwohl sie keine EU-Mitglieder sind, doch beide Länder müssen im Gegenzug die freie Zuwanderung von Arbeitskräften aus der EU akzeptieren. Genau dieser Punkt ist aber einer der Hauptanstöße für die Abhaltung eines Referendums im UK. "Ich bin fest davon überzeugt, dass die EU keinen freien Binnenmarkt langfristig mit Großbritannien ohne Freizügigkeit akzeptieren wird", konstatiert der Experte. Aus diesem Grund wäre ein Austritt sicherlich langfristig ein Spiel mit dem Feuer für Großbritannien. "Großbritannien betritt, sofern es aus der EU austreten würde, wirtschaftliches Neuland, und die daraus abzuleitende Ungewissheit könnte zu einer Welle der Kapitalflucht und einer Zahlungsbilanzkrise führen. Das Vereinigte Königreich importiert mehr als es exportiert, weshalb es auf das Vertrauen ausländischer Kreditgeber angewiesen ist. Hinzu käme ein nicht zu unterschätzendes politisches Risiko", verweist der Verwalter auf die potenziellen Gefahren.

Noch deutet der "Welt-Handelsindex" mit einem Niveau von über 67% nur eine leichte Abkühlung der Handelsnachfrage im weltweiten Kontext zum Vormonat an, allerdings zeigt die Vergangenheit, wie sensibel das Nachfragesentiment ist. Erinnerungen werden wach an eine Zypernkrise, Ukrainekrise oder andere Staatskrisen, auch wenn die inhaltliche Themenlage eine ganz andere ist. Wichtig ist, dass die globale Realwirtschaft nicht erneut wieder in ein politisches Szenario hineingedrängt wird, in denen unkalkulierbare Risiken dominieren und ganze Nachfragemärkte negativ beeinflusst werden.

Das Resultat wäre ein temporärer Nachfragerückgang wie beispielsweise 2014 während der Ukrainekrise, und die größten Verlierer wären die exportorientierten Nationen. Das Risiko, dass aus der aktuellen Vorsicht der Einkäufer ein gesamtwirtschaftlicher Nachfragerückgang Realität wird, ist in den letzten Wochen etwas gestiegen. Man solle den Teufel nicht an die Wand malen, unterschätzen darf man den Brexit aber auch nicht. Die Politik muss endlich verstehen, dass Konjunkturbewegungen Schwankungen der Auslastung des allgemeinen Produktionspotenzials darstellen, welche durch Verschiebungen der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage entstehen. Die Nachfrage muss stabil gehalten werden um zukünftigen Krisen erfolgreich entgegenzuwirken.

Zusammengefasst: Ein Brexit-Szenario würde sowohl für die EU als auch für das Vereinigte Königreich wenig Vorteile bringen. Die Konsequenzen eines solchen Austritts sind aufgrund der zu treffenden Annahmen schwer abzuschätzen. Je nach unterstellter Schärfe des Austritts sind signifikante wirtschaftliche und politische Schäden aber sehr wahrscheinlich. Dies könnte bis zu 1 Prozent des Welthandelswachstums kosten, nach hauseigenen Kalkulationen.

Der Welthandel befindet sich in seiner Grundtendenz zwar auf Erholungskurs, allerdings wird die Geschwindigkeit durch die politische Themenlage gebremst. Sofern die kommenden Ereignisse sich zum Positiven wenden, wird in der Qualität der Entwicklungen eine gute Chance gesehen, dass die Weltwirtschaft weiter an Fahrt zulegen sollte. Dann sollte sich der Nachfragetrend auf den Handelsmärkten in Asien, USA und in Europa weiter verstärken.

Was bedeutet das für den Anleger:

Zschaber: "Die starken Verwerfungen durch die Furcht vor einer weltweiten Wachstumsschwäche oder eines möglichen Brexits, werden die Finanzmärkte auch bis auf weiteres beeinflussen. Fakt ist aber, wenn ich mir das fundamentale Grundwerk der Weltkonjunktur anschaue, dann sieht es im Grunde genommen besser aus, als von vielen erwartet wurde. Auch von den Unternehmensergebnissen ausgehend sehe ich, dass die Erwartungen in der Tendenz übertroffen werden, hier und da auch zwar Enttäuschungen vorkommen, aber eben deutlich mehr über den Erwartungen liegende Ergebnisse geliefert werden."

"Wir favorisieren weiterhin ganz eindeutig US-Firmen und europäische Aktientitel, speziell aus Deutschland. Ich erwarte, dass eine Sektorrotation von defensiven Anlagen hin zu mehr zyklischen Aktien stattfinden sollte, da diese bei einer ansteigenden Dynamik des Wachstums mehr profitieren. Die Unternehmen, welche wir hier präferieren haben sehr gesunde Bilanzen, dieses ist sehr wichtig, um eventuellen, wenn auch unwahrscheinlichen Schwächephasen nachhaltig standzuhalten. Aktien bleiben trotz der jüngsten Entwicklungen weiterhin mein Thema für 2016".

Dadurch, dass der "Welt-Handelsindex" ein dynamisches Gesamtbild des Welthandels zusammengefasst bietet und detailorientierte Analysen auch hinsichtlich der Konjunkturlage ermöglicht, können schnelle und aktive Reaktionen auch im Welthandelsportfolio erfolgen. Das Musterdepot zum "Welt-Handelsindex" wird innerhalb dieser Berichterstattung vierteljährlich erwähnt, es beinhaltet diverse Anlageklassen, übergewichtet Aktieninvestments oder ETF's auf Märkte und Branchen, die insbesondere an den Welthandelsaktivitäten partizipieren.

Funktionsweise Welt-Handelsindex:

Der "Welt-Handelsindex" fasst alle relevanten Daten aus den vier primären Transport- und Handelswegen (Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport) zusammen, gewichtet diese und verdichtet sie in einem Index. Der Index bietet zum ersten Mal ein Gesamtbild des Welthandels zusammengefasst in einer Zahl, erfasst damit unter anderem auch die Auswirkungen der Globalisierung und überwindet funktionale und regionale Beschränkungen, der zum Beispiel nur regional ausgerichteten Indikatoren.

Indexstände oberhalb eines Niveaus von 50 Punkten deuten einen wachsenden Welthandel an, inmitten einer expandierenden Gesamtwirtschaft. Unterhalb des Niveaus von 50 lässt sich dagegen aussagen, dass die Welthandelsaktivität schrumpft, wobei ab einem Niveau von unter 45 sogar eine deutliche Kontraktion der Gesamtwirtschaft zu erwarten ist.

Quelle: Die Vermögensverwaltungsges. Dr. Markus C. Zschaber mbH stellt den Index monatlich exklusiv dem "Handelsblatt" und dem "Nachrichtensender n-tv" zur Verfügung. Informationen zum Index unter www.zschaber.de oder www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de