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Donnerstag, 25. April 2013

Endlich an der Börse!: Evonik betritt seitlich das Parkett

Von Samira Lazarovic

Im dritten Anlauf soll es klappen: Evonik feiert endlich sein Börsendebüt. Kleinanleger bleiben erstmal außen vor. Aber den Spezialchemiekonzern sollte man im Auge behalten, glauben Analysten. Denn hier kommt eine Chemieaktie, mit der Anleger auch in wackligen Zeiten ruhig schlafen können.

Aktie in "deep purple": Ob die Farbe den Anlegern mehr Glück bringt, als Magenta?
Aktie in "deep purple": Ob die Farbe den Anlegern mehr Glück bringt, als Magenta?(Foto: picture alliance / dpa)

Drei Versuche sind am schlechten Marktumfeld gescheitert, nun will Evonik endlich den Gang auf das Börsenparkett wagen. Dafür hat sich der Konzern hübsch gemacht: Die Mehrheit an der Energietochter Evonik-Steag und viele Immobilien wurden verkauft, Randaktivitäten wie Industrieruße oder Farbstoffe aussortiert. Derart aufgehübscht wirbt Evonik im Börsenprospekt mit schönen Dividenden und Konzernchef Klaus Engel schwärmt von einem "attraktiven Wachstum ohne Abenteuer".

Doch die Kleinanleger bleiben bei der Zeichnung außen vor. Denn die Eigner des Essener Konzerns, die RAG Stiftung und CVC Capital Partners, bieten ihre Anteile in Höhe von 14 Prozent ausschließlich institutionellen Investoren an und wollen damit zusammen zwei Mrd. Euro einnehmen. Kurz vor dem Evonik -Börsengang sind Aktien im Wert von 345 Millionen Euro platziert worden. Zum Zug kamen institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland. Losgeschlagen wurden Aktien zu einem Preis von je 32,20 Euro.

Evonik in Zahlen

Evonik erzielte 2012 mit rund 33.000 Mitarbeitern einen Umsatz von 13,6 Mrd. Euro und ein operatives Ergebnis (bereinigtes EBITDA) von 2,6 Mrd. Euro.

Die Spezialchemieaktivitäten sind in 3 Berichtssegmenten zusammengefasst:

* Consumer, Health & Nutrition

* Resource Efficiency

*Specialty Materials

Der "kleine Weg" an die Börse ist jedoch für Branchenbeobachter nicht unbedingt ein Manko: „Jetzt geht es ein bisschen durch die Hintertür, weil der Börsengang eben schon ein paar Mal gescheitert ist und man sich nicht wieder von plötzlichen Marktgegebenheiten überraschen lassen will“, meint Markus Roß von der WGZ Bank. Der Analyst hält es für eine elegante Lösung, zunächst institutionelle Investoren ins Boot zu holen und dann über das Listing zu versuchen, weitere Anteile an den Markt zu bringen. „Wichtig ist, dass überhaupt mal der Börsengang funktioniert, da haben die Ankerinvestoren nun eine Plattform für ihre Pläne geschaffen“, glaubt auch Matthias Schell von der Landesbank Baden-Württemberg.

In den letzten Wochen hatten CVC und RAG bereits zwölf Prozent an große Investoren wie den Staatsfonds Temasek aus Singapur veräußert, der nun 4,6 Prozent kontrolliert. Die Emissionsbanken setzen darauf, dass einige der früh eingestiegenen Neu-Aktionäre ihre Evonik-Papiere gleich wieder auf den Markt werfen und so den Markt in Schwung bringen. Auch CVC, die 2008 mit 25 Prozent eingestiegen waren, dürften weiter Kasse machen wollen, heißt es. Die RAG Stiftung setzt dagegen auf die Dividenden des Chemieriesen. Zusammen mit den Einnahmen aus dem Börsengang sollen diese der RAG helfen, die Ewigkeitslasten aus dem Steinkohlebergbau zu tragen.

Bitte abwarten und beobachten

Was der Kleinanleger nun von dem Ganzen hat, kann man jetzt noch gar nicht sagen, bestätigt Lars Hettche vom Bankhaus Metzler. „Da nicht gezeichnet werden kann, heißt es abwarten.“ Interessant sei der Titel dennoch: „Evonik gehört aus meiner Sicht auf jeden Fall zu den hoch qualitativen Chemiefirmen. Viel Spezialchemie, die relativ nahe am Endkunden ist, relativ wenig Commodity-Produkte, die nun einmal stark schwanken mit dem Wirtschaftszyklus.“ WGZ-Analyst Ross gefällt zudem, dass Evonik nicht nur bei den Produkten sehr gut diversifiziert, sondern auch international breit aufgestellt ist.

Ganz unabhängig vom Wirtschaftszyklus sei Evonik aber nicht, betont Hettche. „Die Hälfte der Abnehmer kommt aus zyklischen Bereichen, als da wären Auto, Bau, Chemieindustrie, Maschinenbau etc.“ Bei einem Wirtschaftseinbruch würde Evonik den Nachfragerückgang bei diesen Unternehmen auch zu spüren kriegen.

Konkurrenz für Akzo Nobel und Lanxess 

Insgesamt sehen die Analysten in Evonik jedoch eine stabile Anlagealternative zu Chemietiteln wie Akzo Nobel oder Lanxess, auch wenn sich die Unternehmen aufgrund der unterschiedlichen Produktpaletten nur schwer vergleichen lassen. Bei nachlassender Nachfrage hätten Lanxess und Akzo Nobel tendenziell mit einem größeren Ergebniseinbruch zu kämpfen als Evonik, glaubt Hettche.

Die Kehrseite sei jedoch, dass in einer Aufschwungphase die Ergebnisse etwa bei Akzo Nobel deutlich stärker anziehen würden, als bei Evonik. „Chance und Risiko gehen an der Börse immer Hand in Hand“, erinnert der Analyst. Aus seiner Sicht lasse sich das Unternehmen daher gut mit der Linde-Aktie vergleichen. „Wenn ein Investor gerne Geld im Bereich Chemie anlegen, aber ein bisschen ruhiger schlafen möchte, könnten Evonik in Frage kommen.“

EV / EBITDA

Die Kennziffer steht für

     Enterprise Value
   _________________

            EBITDA

Wie beim Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) steht eine Überschussgröße im Nenner: Das bekannte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Im Zähler steht mit dem Enterprise Value, kurz EV, der Unternehmenswert. Dieser setzt sich zusammen aus der Summe der Marktkapitalisierung und der Nettoverschuldung. Wie beim KGV ist der EV / EBITDA ein Gewinnmultiplikator und soll beispielsweise Unternehmen einer Branche unabhängig von ihrer Größe vergleichbar machen. Als Faustregel gilt hierbei: Je geringer, desto besser.

Mehr Gedanken als um die Nachtruhe der Anleger oder die Konjunkturanfälligkeit macht der Analyst sich um die Bewertung der Aktie: „Die Stücke, die platziert worden sind, deuten auf ein Enterprise-Value (EV) von fast 19 Mrd. Euro hin“, erklärt Hettche. Letztes Jahr habe das operative Ergebnis, EBITDA, bei knapp 2,6 Mrd. Euro gelegen. „Damit sind wir in einem Bereich von 7 – 8 EV / EBITDA, das ist schon relativ sportlich. Die meisten Chemieunternehmen sind in den vergangenen Wochen in der Korrektur klar darunter gefallen.

Nicht zuletzt gebe es die verschiedenen Interessen der Großinvestoren, von der RAG Stiftung, CVC oder den neuen Teilhabern wie Temasek, die die Sache kompliziert machten. „Da bleibt es spannend, wie attraktiv die Aktie nach ihrem Börsengang letztlich aussehen wird“, meint Hettche.

Quelle: n-tv.de