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Dienstag, 26. April 2011

Eine neue Ära der Offenheit?: Die Fed beginnt zu reden

Gespannt blicken Devisenexperten nach Washington: Dort steht Mitte der Woche eine Premiere an. Die US-Notenbank folgt dem Vorbild der Europäer - erstmals wird Fed-Chef Bernanke den geldpolitischen Kurs der USA am Tag der Entscheidung kommentieren.

Verfahrene Situation: Fed-Chef Ben Bernanke (links) und Finanzminister Timothy Geithner halten das geldpolitische Steuerruder bis zum Anschlag gedreht.
Verfahrene Situation: Fed-Chef Ben Bernanke (links) und Finanzminister Timothy Geithner halten das geldpolitische Steuerruder bis zum Anschlag gedreht.(Foto: REUTERS)

Ungeachtet der Zinswende in Europa steuert die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) unbeirrt einen ultra-lockeren geldpolitischen Kurs. Experten sind sich weitgehend einig, dass Fed-Chef Ben Bernanke den Leitzins bei der anstehenden Entscheidung am Mittwoch nahe null halten und zugleich die Konjunktur mittels Notenpresse weiter ankurbeln wird. Auch wenn keine großen Überraschungen zu erwarten sind, läutet die Zinssitzung des Fed-Offenmarktausschusses (FOMC) dennoch eine Premiere ein: Erstmals in der fast hundertjährigen Geschichte der Notenbank wird ihr Präsident den Beschluss sowie den vierteljährlichen Konjunkturausblick auf einer Pressekonferenz erläutern.

Bernanke reagiert damit auch auf Forderungen aus der Politik, die hinter verschlossenen Türen getroffenen Entscheidungen einer breiten Öffentlichkeit näher zu bringen. Mit der "Transparenzoffensive" folgt er zugleich dem erfolgreichen Vorbild der Europäischen Zentralbank (EZB), die Journalisten stets detailliert über ihre Zinsentscheide informiert. Damit sind derzeit die Gemeinsamkeiten mit der EZB jedoch weitgehend erschöpft, denn geldpolitisch befindet sich die Notenbank auf der anderen Seite des Atlantiks geradezu in einem anderen Universum.

Das Heer der Arbeitslosen

Während EZB-Chef Jean-Claude Trichet mit der Straffung des Leitzinses um einen Viertelprozentpunkt auf 1,25 Prozent der anziehenden Inflation den Kampf angesagt hat, päppeln Bernanke und seine Kollegen in den regionalen Notenbanken den wackeligen Aufschwung in den USA weiter auf. Obwohl die Wirtschaft wieder Tritt gefasst hat, bereitet es den Notenbankern große Sorge, dass der Arbeitsmarkt noch Jahre von einer Normalisierung entfernt ist. Die Krise hat acht Millionen Amerikaner den Job gekostet, der Stellenaufbau kommt nur zögerlich in Gang. Die Fed muss wegen ihres "doppelten Mandats" mit Argusaugen darüber wachen, dass der Arbeitsmarkt wieder auf die Beine kommt. Denn anders als die EZB soll sie neben Preiswertstabilität auch noch Vollbeschäftigung fördern.

Dennoch sind im Kreis der Fed-Spitzenbanker zuletzt Stimmen lauter geworden, die vor den Folgen einer zu lange betriebenen Nullzinspolitik warnen. Ihr Wortführer ist der Präsident der Federal Reserve von Minneapolis, Naranya Kocherlakota. Er hat laut über eine Zinserhöhung in diesem Jahr nachgedacht, falls die Inflation aus dem Ruder laufen sollte.

Am Bond-Markt steht der Exit an

Von solchen Signalen an die Märkte hält Bernanke jedoch offenkundig nichts. Auch wenn sich die Fachöffentlichkeit bereits auf eine Straffung im nächsten Jahr eingerichtet hat, betonte er zuletzt weiterhin, der Ölpreisanstieg sei ein vorübergehendes Phänomen und biete somit keinen Grund für überzogene Inflationssorgen. Dem Fed-Chef dürfte die Pressekonferenz daher gelegen kommen, den Kurs der mächtigsten Zentralbank der Welt abzustecken und internen Kritikern damit zuvorzukommen. Er könnte die neue Bühne zugleich dazu nutzen, Vorbehalte gegen die lockere Fed-Politik auszuräumen. Kritiker befürchten, dass die Notenbank mit ihren Milliardenspritzen für die Konjunktur den Boden für eine neue Vermögenspreisblase bereitet.

Der großen Finanzkrise ab 2008 war ebenfalls eine Phase sehr niedriger Zinsen vorausgegangen. Die günstigen Kreditkonditionen hatten unter anderem den Markt für private Wohnimmobilien in den USA kräftig angeheizt. Die Preise waren enorm gestiegen. Viele US-Bürger hatten große Schulden aufgenommen, um an den Wertsteigerungen mitzuverdienen. Banken und freie Kreditvermittler hatten ihnen die Fremdkapitalaufnahme erleichtert und zum Teil die üblichen Beschränkungen bei der Kreditvergabe aufgehoben.

Kommt "Quantitative Easing", Teil 3?

Trotz aller Bedenken gehen Experten davon aus, dass die Fed ihr 600 Mrd. Dollar schweres Anleihen-Ankaufprogramm wie geplant bis Ende Juni weiterlaufen lässt. "Normalerweise folgt auf eine Phase der geldpolitischen Lockerung eine Phase des Innehaltens und dann eine Straffung", meinte der frühere Notenbank-Mitarbeiter Robert Perli vom Institut ISI in Washington.

Der Sparzwang der Regierung und der noch immer daniederliegende Häusermarkt in den USA dürften Bernanke Argumente an die Hand geben, seinen lockeren geldpolitischen Kurs trotz der Konjunkturerholung fortzusetzen. Wahrscheinlich wird die Fed versuchen, nach dem Ende des Ankaufprogramms einen sanften Übergang zu schaffen. So könnte sie nach dem Laufzeitende der Anleihen erneut in solche Papiere investieren: "Ich rechne damit, dass die Bilanz auf diese Weise einige Zeit konstant gehalten wird", meinte Perli.

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Quelle: n-tv.de