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Mittwoch, 09. April 2008

Lufthansa hat die große Wahl: Boeing wie Airbus top

Schon fast regelmäßig treffen die Hiobsbotschaften aus dem "Fliegerstädtchen" Everett bei Seattle ein: Ein ums andere Mal hat der US-Flugzeugbauer Boeing den Erstflug seiner zweistrahligen Boeing 787 verschoben. Ursprünglich war er für August 2007 geplant. Branchenkenner schließen nicht aus, dass der "Kunststoff-Jet" sogar mit zweijähriger Verspätung an die Kunden ausgeliefert wird. Erst mit großem zeitlichem Abstand soll das europäische Konkurrenzmodell Airbus A350 XWB folgen. Die Verzögerungen bei den beiden dominanten Flugzeugherstellern lassen die Deutsche Lufthansa jedoch kalt. "Wir haben alle Zeit der Welt. Wir können in Ruhe abwarten, für welches Flugzeug wir uns am Ende entscheiden werden", erklärte Lufthansa-Manager Nico Buchholz in Seattle.
 
Der Leiter des Konzern-Flottenmanagement ist die Schlüsselfigur beim Einkauf neuer Flugzeuge für die deutsche Vorzeige-Airline. Trotz aller Verspätungen und schwierigen Produktionsprobleme bei beiden neuen Jets lässt Buchholz keine Zweifel aufkommen: "Beide Neuentwicklungen werden am Ende sehr gute Flugzeuge werden. Das ist ganz sicher."
 
Rollout reine Show
 
Wann die erste Boeing 787, deren Programmstart Anfang 2003 erfolgte, allerdings wirklich zum Jungfernflug abheben wird und wann es dann zu den ersten Auslieferungen kommen kann, vermag auch Buchholz nicht zu beurteilen: "Ich rechne allerdings damit, dass der Erstflug noch in diesem Jahr stattfinden wird." Sicher ist nur, dass die erste Boeing 787, die am 8. Juli 2007 in einer feierlichen Zeremonie vor 40.000 Zuschauern präsentiert wurde, vorläufig nicht abheben wird, wenn es denn überhaupt je der Fall sein sollte. Denn diese Boeing war Branchenkennern zufolge ein eilig für die pompöse Rollout-Feier montiertes Flugzeug, das entgegen allen lauten und vor allem voreiligen Lobeshymnen des Boeing-Managements bis heute nicht flugfähig ist.

Umso größer ist der Druck für Boeing, denn die 787 ist das bislang am meisten georderte Flugzeug der Konzerngeschichte. Bis jetzt liegen nicht weniger als 857 Bestellungen von 56 Kunden aus aller Welt für die Boeing 787 vor, die als erstes Verkehrsflugzeug der Welt zu über 50 Prozent aus Verbundwerkstoffen - einschließlich Rumpf und Tragflächen - besteht. Drei Versionen sollen angeboten werden: Für Strecken zwischen 4600 und 5650 Kilometern bei 290 bis 330 Passagieren (787-3), von 14.200 bis 15.200 Kilometer Reichweite bei 210 bis 250 Passagieren (787-8) und von 14.800 bis 15.750 Kilometer Reichweite bei 250 bis 290 Passagieren (787-9).
 
Bestellungen liegen vor
 
Erstkunde war im April 2004 die japanische ANA mit 50 Bestellungen. Vor allem aber, so hat Boeing versprochen, wird die Boeing 787 nicht nur 20 Prozent weniger Treibstoff verbrauchen als herkömmliche Flugzeuge dieser Größenordnung und damit die Werte des Airbus A380 erreichen, sondern auch die Reichweite der ganz großen Langstreckenflugzeuge. Für den Airbus A350 XWB, der 2012 zum Erstflug starten und ab 2013 zur Auslieferung kommen soll, liegen auch bereits 366 Bestellungen von 20 Kunden vor. Allein die arabischen Airlines Qatar Airways und Emirates haben 80 bzw. 70 A350 XWB bestellt.

Die Deutsche Lufthansa wird möglicherweise erst in eineinhalb bis zwei Jahren ihre Entscheidung treffen. "Wir brauchen diese Flugzeuge erst ab 2015 und deshalb können wir in Ruhe abwarten", betont Buchholz. "Beide Flugzeuge haben Vor- und Nachteile. Die Entscheidung wird uns deshalb sehr schwer fallen."
 
Fortschritt auf beiden Seiten
 
Sowohl die Boeing 787 als auch der Airbus A350 XWB zeichnen sich durch eine fortschrittliche Technologie aus, durch wesentlich niedrigere Emissionen, geringeren Treibstoffverbrauch und auch durch eine weitere starke Lärmreduzierung. Während der Airbus A350 XWB erheblich von den bei der A380 gewonnenen Erkenntnissen profitieren wird - auch wenn der Langstreckenjet nach wesentlichen Einwänden großer potenzieller Kunden noch einmal gründlich neu gestaltet worden ist -, beschreiten die Amerikaner mit ihrer Boeing 787 in punkto Verbundwerkstoffe weitgehend Neuland.
 
Vor allem für Passagiere beeindruckend sind die extrem großen Fenster (47 x 28 Zentimeter), eine bisher unbekannte Dimension. Ein Nachteil des Airbus A350 XWB ist laut Branchenkennern, dass die Europäer dieses Flugzeug (bislang) nur mit einem Triebwerk (Rolls Royce) anbieten, während bei Boeing die Kundschaft zwischen zwei Triebwerksherstellern (General Electric und Rolls Royce) wählen kann. Ein wichtiger Vorteil der A350 XWB: Das Flugzeug ist etwas größer als die amerikanische Konkurrenz, kann aber genauso weit fliegen. Beide Hersteller versprechen, dass ihre Flugzeuge 0,85 Mach (unter Mach 1 versteht man die Schallgeschwindigkeit) fliegen und damit so schnell wie die schnellsten heutigen Großraumflugzeuge sein werden.
 
Von Karl Morgenstern, dpa
 

Quelle: n-tv.de