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Donnerstag, 06. Dezember 2018

Blutroter Börsentag in Frankfurt: Dax rauscht ungebremst in die Tiefe

Mit der Verhaftung der Huawei-Finanzchefin auf Betreiben der USA erreicht der Handelskonflikt der beiden größten Volkswirtschaften eine neue Eskalationsebene. Hoffnungen auf eine Entspannung lösen sich in Luft auf. Für die deutsche Wirtschaft keine guten Aussichten,

Befürchtungen über eine erneute Eskalation internationaler Handelsstreitigkeiten schicken den Deutschen Aktienindex (Dax) auf Talfahrt. Der Dax schloss 3,5 Prozent schwächer bei 10.811 Punkte. Seit der Startglocke hat der Index fast 400 Punkte verloren und erst die 11.000er Marke und später auch die 10.900er Hürde gerissen. Es war der größte Tagesverlust seit dem Brexit-Votum in Großbritannien im Juni 2016. Der Anleihenmarkt profitiert von seinem Ruf als sicherer Hafen, dort steigen die Kurse. Der MDax gab 3,1 Prozent nach. Der TecDax verlor 2,7 Prozent.

Am Vorabend war der Dax mit einem vergleichsweise moderaten Abschlag von 1,2 Prozent bei 11.200 Punkten aus dem Handel gegangen. Allerdings hatte es gestern keinen US-Handel gegeben. Grund war Staatsakt für den verstorbenen Ex-Präsidenten George Bush sen. Die neuerliche Eröffnung der Wall Street beschleunigte am Nachmittag die Talfahrt. Der Dow-Jones-Index notiert aktuell mit 3,1 Prozent im Minus.

"Im Moment ist alles etwas außer Kontrolle", sagt Analyst Michael Antonelli von R.W. Baird & Co. Dass Peking bekräftigt hat, die mit den USA vereinbarten Handelserleichterungen "sofort" umzusetzen, entfaltet keine stützende Wirkung. Für Verunsicherung sorgen auch die weiter stark schwankenden Ölpreise vor dem Hintergrund des gerade stattfindenden Opec-Treffens in Wien. Zudem blieb der ADP-Arbeitsmarktbericht mit einer Zunahme von 179.000 Stellen im privaten Sektor im November leicht unter der Prognose. "Das Jobwachstum ist stark, hat aber wahrscheinlich seinen Höhepunkt erreicht", sagt Mark Zandi, Chefökonom von Moody's Analytics.

Brexit, Italien, Frankreich

Ein Belastungsfaktor ist unverändert der Handelsstreit zwischen den USA und China. Neu ist hier die Festnahme von Huawei-Finanzchefin Meng Wanzhou in Kanada, immerhin Tochter des Firmengründers des seit kurzem zweitgrößten Smartphone-Herstellers der Welt. "Die Chinesen werden diese Verhaftung als neue Provokation werten", sagt Thomas Altmann von QC Partners. Auch andere Marktteilnehmer fürchten nun wieder eine Eskalation des Handelskonflikts. Der Managerin des chinesischen Netzwerkausrüsters und Smartphone-Herstellers wird einem Medienbericht zufolge vorgeworfen, gegen Sanktionen verstoßen zu haben, die die USA gegen den Iran verhängt hatten. Die Festnahme der chinesischen Top-Managerin hatte bereits im fernöstlichen Aktienhandel für erheblichen Wirbel gesorgt.

Aber auch die Unsicherheit über den anstehenden Brexit, der 2019er Haushalt von Italien und die massiven Proteste und Ausschreitungen in Frankreich halten die Anleger momentan davon zurück, ihr Geld an den Börsen in Europa zu investieren.

Defensive Branchen profitieren, wie bereits am Vortag, von den aktuellen Umschichtungen. Diese Sektoren führen die Indexliste mit den geringsten Verlusten an. Sämtliche Branchen liegen aber im Minus.

"Der Dax wird abverkauft"

Anzeichen für einen Stimmungsumschwung sind nicht in Sicht: Der Dax mit seinen 30 Schwergewichten der deutschen Börsenlandschaft liegt beinahe geschlossen im Minus. In der Kursbetrachtung seit Jahresbeginn betragen die Verluste im Dax mittlerweile mehr als 16 Prozent. Seit seinem Jahreshoch hat der deutsche Benchmark-Index mehr als 20 Prozent an Wert verloren. "Der Dax wird abverkauft, also auch die Schwergewichte, die Autos", fasste ein Händler die Lage zusammen. Verkäufe kämen "fast ausschließlich von Maschinen und über Stopps", also über automatische Handelsmechanismen und vorab gesetzte Kursmarken.

Zu den größten Tagesverlierern im deutschen Leitindex zählten die Aktien von Daimler, die mit einem Minus von 6,3 Prozent. Weit oben auf der Verkaufsliste tauchen daneben Titel wie Infineon, Thyssenkrupp und Covestro auf.  Mit 7,71 Euro notierte die Aktie der Deutschen Bank auf einem neuen Rekordtief. Im Handel wird darauf verwiesen, dass die Prämien am Markt für Kreditausfallversicherungen jüngst deutlich angezogen sind. Einzig der Wohnnungskonzern Vonovia kann sich leicht im Plus halten. Für Deutschlands größten Immobilienkonzern laufen die Geschäfte dank steigender Mieten in den Metropolen und seiner jüngsten Zukäufe weiter gut.

VDax misst steigende Nervosität

Dazu kommen die seit dem Vortag schwelenden Konjunktursorgen. Mit Blick auf die Zinsentwicklung bei den US-Staatsanleihen unterschiedlicher Laufzeiten hatten Beobachter von klaren Abschwungsignalen gesprochen. Auslöser der Befüchtungen war die Bildung einer "inversen Zinskurve", in der Anleihen mit kurzer Laufzeit mehr Rendite bringen als Bonds mit langer Laufzeit.

Hinter solchen Entwicklungen stehen die Konjunktureinschätzungen der Investoren über verschiedene Zeiträume hinweg: Wenn die kurzfristigen Renditen höher ausfallen als die Renditen der Langläufer, deutete dies in der Vergangenheit meist eine Konjunkturabkühlung an. "Seit dem zweiten Weltkrieg hat sich die US-Zinskurve achtmal invertiert und jedes Mal folgte darauf eine Rezession", warnte etwa Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Ein Konjunktureinbruch in den USA dürfte über den Export schnell auch die deutsche Wirtschaft treffen, lautet die Befürchtung.

Die aktuellen Kursverluste bei Aktien bleiben nicht auf den Frankfurter Handel beschränkt. Der Eurostoxx50 gibt gut 2,2 Prozent nach. Der als "Angstbarometer" bezeichnete VDax, der die Nervosität der Anleger misst, stieg zuletzt um knapp zehn Prozent auf 21,89 Punkte an. Das war der höchste Stand seit drei Wochen. Der europäische Volatilitätsindex VStoxx legte um 13,5 Prozent zu auf 21,67 Zähler.

Quelle: n-tv.de