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Auch in St. Petersburg wird während der WM gekickt.
Auch in St. Petersburg wird während der WM gekickt.(Foto: REUTERS)
Samstag, 09. Juni 2018

Putin, Öl, Sanktionen : Russland hofft auf WM-Boom

Von Benjamin Feingold

Beim Wirtschaftswachstum ist in Russland noch viel Luft nach oben. Präsident Putin gibt sich zwar optimistisch. Doch seine Ankündigungen erinnern an die vollmundigen Versprechen der Fifa in Sachen WM.

Kurz vor Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft rückt Russland zusehends in den Fokus. Rund elf Milliarden Dollar hat das Land in den Bau und die Sanierung von zwölf Stadien investiert. Hinzu kommen weitere Milliarden für Infrastrukturprojekte. Der Fußballweltverband Fifa behauptet, dass der wirtschaftliche Nutzen die Kosten der WM übersteigen wird. Seine Prognose: Russlands Ökonomie fließen in den kommen Jahren bis zu 30 Milliarden Dollar mehr zu.

Ökonomen halten diese Schätzung allerdings für unrealistisch. Dabei könnte die Wirtschaft einen Schub sehr gut gebrauchen, denn die Wirtschaftsleistung war im ersten Quartal dieses Jahres um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft. Investoren sehen über die Konjunkturflaute allerdings bisher hinweg und haben den Aktienmarkt in die Nähe eines Rekordhochs getrieben.

Der Grund: Anleger haben sich offenbar damit abgefunden, dass die russische Wirtschaft trotz des Ölpreisanstiegs seit dem Frühjahr 2016 dem Wachstum der Weltwirtschaft hinterherhinkt. Und sie sehen deshalb erhebliches Aufholpotenzial. Deshalb steckte der Aktienmarkt auch den jüngsten Kursrückschlag von Anfang April schnell wieder weg, als die USA neue Sanktionen verhängt hatten.

Lässt das Wirtschaftswachstum momentan noch zu wünschen übrig, können andere Kennzahlen überzeugen. So lag die Inflationsrate mit zuletzt 2,4 Prozent in der Nähe des Rekordtiefs. Das ist für viele Russen eine sehr willkommene Entwicklung. Gleichzeitig hat Präsident Wladimir Putin die Ausgaben im Griff, weshalb das Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr lediglich 1,5 Prozent betragen hat. Die Folge: die Staatschulden lagen bei nur 17,4 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Von derartigen Zahlen können viele Länder in der EU oder auch die USA nur träumen.

Keine Währungskrise

Neben dem geringen Haushaltsdefizit verfügt Russland wegen des kräftigen Exports von Öl, Erdgas und anderer Rohstoffe wie Eisenerz und Stahl zudem über einen Leistungsbilanzüberschuss, der den Rubel wiederum stützt. Zur Leistungsbilanz gehören neben der Handelsbilanz (Aus- und Einfuhr von Gütern) auch die Dienstleistungsbilanz, die Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (Löhne und Zinsen aus dem Ausland) und die Übertragungsbilanz (beispielsweise Überweisungen von ausländischen Arbeitnehmern in ihre Heimatländer).

Im Gegensatz zu vielen anderen Währungen aus den Schwellenländern wie dem argentinischen Peso oder der türkischen Lira ist der Rubel daher nicht in einer Krise. Zwar ist er zuletzt etwas gesunken - auf 62 Rubel je Dollar -, damit tendiert er allerdings auf dem gleichen Niveau wie Anfang 2015.

Putin hat für seine zweite Amtszeit große Pläne. Er will die Wirtschaft bis zum Ende seiner Amtszeit 2024 zur fünftgrößten der Welt machen. Notenbankchefin Elvira Nabiullina bezeichnete das Vorhaben als "sehr ambitioniert", aber machbar. Viele Experten widersprechen: Die fünftgrößte Volkswirtschaft, Großbritannien, hatte 2017 ein Bruttoinlandsprodukt von umgerechnet 2,94 Billionen Dollar. Russland lag bei lediglich 1,6 Billionen Dollar.

Für umso mehr Aufsehen bei Investoren sorgt, dass Nabiullina Monat für Monat kräftig physisches Gold kauft. So ist der Goldbestand der russischen Notenbank 2017 um 224 Tonnen gestiegen. Bis Ende April 2018 sind weitere 81 Tonnen hinzugekommen, womit der Bestand auf 1909 Tonnen geklettert ist. Damit ist Russland das Land mit den fünftgrößten Goldreserven weltweit. Wenn das Land in dem Tempo weitermacht, wird der Viertplatzierte Frankreich (2436 Tonnen) innerhalb von drei Jahren überholt.

Mit den Käufen des Edelmetalls stemmt sich Putin gegen die Bedeutung des Dollar als Weltreservewährung. Gleichzeitig bereitet sich Moskau auf mögliche Krisenzeiten vor. Die führenden russischen Goldförderer wollen ihre Produktion bis 2030 annähernd verdoppeln. Damit würde Russland vom dritt- zum zweigrößten Goldförderer der Welt aufsteigen.

Rekorde am Aktienmarkt sind drin

Deutlich auf dem Weg nach oben ist auch der Aktienmarkt, so nimmt der Moex Index (ehemals Micex Index) seine Rekordhochs ins Visier. Beflügelt wird er von den Öl- und Gasaktien, die rund die Hälfte der Indexgewichtung ausmachen. So entfallen derzeit 15,5 Prozent auf Lukoil und 14,7 Prozent auf Gazprom, womit die beiden Werte den Index mit weitem Abstand anführen.

Die nun anstehende Fußball-WM in Russland könnte zu einer Veranstaltung der Superlative werden. Anschließend dürften sich Investoren aber wieder auf die Fundamentaldaten des Landes fokussieren. Präsident Putin dürfte es zwar schwerfallen, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Sollte aber der Ölpreis nach der jüngsten Korrektur wieder nach oben drehen und auch andere Rohstoffe wie Kupfer teurer werden, könnte zumindest der Aktienmarkt auf Rekordfahrt bleiben.

Quelle: n-tv.de