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Die Einsätze sind hoch.
Die Einsätze sind hoch.(Foto: imago/Eduard Bopp)
Dienstag, 21. April 2015

Gezerre um Milliardenhilfe: Griechenland hat die besseren Karten

Von Benjamin Feingold

Griechenlands Regierung ist sich sicher: Der Rest der Europäer wird am Ende doch zahlen. Zu groß sei die Angst vor den Folgen einer Pleite. Die Rechnung könnte aufgehen.

Der Griechenlandpoker geht in die nächste Runde. Vor dem Treffen der Euro-Finanzminister an diesem Freitag in Lettland wird hinter den Kulissen über ein griechisches Reformpaket verhandelt. Bisher hat Athen keine Vorschläge gemacht, die die Billigung der Geldgeber finden. Doch trotz drohender Staatspleite sind die Aussichten für Griechenland gut, denn die EU dürfte Griechenland aufgrund strategischer Überlegungen im Euro halten wollen.

Insbesondere die geostrategische Komponente ist entscheidend. Zusammen mit der Türkei bildet Griechenland die Südostflanke der Nato und den Zugang zum Mittelmeer. Der Ukrainekonflikt und die Unruheregion im Nahen Osten haben diese strategische Position nochmals verstärkt. Auch in der Flüchtlingspolitik ist man auf Athen angewiesen.

Finanzielle und sicherheitspolitische Interessen bedroht

Gerade vor dem Hintergrund, dass die Türkei unter Präsident Recep Tayyip Erdogan immer weiter vom Westen abrückt und Griechenland einen Annäherungsversuch in Richtung Russland gestartet hat, sind sicherheitspolitische Interessen gefährdet. Insbesondere die angestrebte Erdgaspipeline zwischen der Türkei und Griechenland, die den Balkanraum mit russischem Erdgas versorgen soll, dürfte für Verärgerung sorgen. Im Dezember letzten Jahres hat die EU noch den Bau einer Pipeline von Russland nach Bulgarien erfolgreich torpediert. Nach den Erfahrungen im Ukrainekonflikt will man den russischen Einfluss in Südosteuropa begrenzen. Griechenland hingegen hofft einerseits auf drei bis fünf Milliarden Euro Vorauszahlungen aus Moskau. Ob die allerdings fließen, ist unklar.

Andererseits spielt die griechische Seite bewusst die geostrategische Karte, um ein Druckmittel im Schuldenstreit zu haben. Das Kalkül: Der Westen wird aufgrund der finanziellen und sicherheitspolitischen Risiken einknicken und Geld bereitstellen. Bei einer Staatspleite könnte sich Griechenland Russland oder sogar verstärkt China zuwenden. Ein Schreckensszenario für Brüssel. Griechenland hat weniger zu verlieren. Das Land hat seit Ausbruch der Krise rund 20 Prozent an Wirtschaftsleistung eingebüßt, eine Massenarbeitslosigkeit von 26 Prozent zu beklagen und horrende soziale Probleme. Und was machen die Europäer? Sie fordern, die Griechen regelmäßig auf, ihre Zusagen einzuhalten. Doch die weigern sich – und halten derzeit die besseren Karten.

Athens Index als Turnaround-Kandidat

Mit diesen Trümpfen in der Hinterhand muss sich Athen nur fragen, wie weit Griechenland den Einsatz noch erhöhen kann, bis der Geduldsfaden der Partner reißt. Der Finanzmarkt beurteilt den Poker indes kritischer. Das Ratingunternehmen S&P hat kürzlich die Kreditwürdigkeit Griechenlands von B- auf CCC+ abgestuft und die Schuldenlast als nicht nachhaltig bewertet. Die Zinskurve ist seit Dezember stark invers und spiegelt das gesunkene Anlegervertrauen wider. Aktuell rentiert die zehnjährige griechische Staatsanleihe bei etwa 13,8 Prozent, während das deutsche Pendant auf 0,07 Prozent gesunken ist.

Auch der griechische Leitindex Athens General Index (ATG) ist unter Druck. Seit April 2014 bewegt er sich in einem Abwärtstrend und handelt aktuell knapp oberhalb des Februartiefs von 709 Punkten. Ein Fall unter diese Marke dürfte die Abgabebereitschaft nochmals intensivieren. Ein Wiedersehen mit dem Rekordtief von Sommer 2012 bei 410 Punkten kann dann nicht ausgeschlossen werden.

Sollte dennoch ein umfassender Griechenlandkompromiss in den nächsten Wochen gelingen - wovon auszugehen ist - dürfte der Athens General Index (ASE) ein Turnaround-Kandidat sein. Bei Rückeroberung des Februarhochs bei 949 Zählern würde sogar ein Doppelboden vorliegen und eine Trendwende möglich machen. Allen voran die unter starker Kapitalflucht leidenden Banken dürften unter diesem Szenario wieder aufatmen können und eine Investmentchance für risikobewusste Anleger darstellen.

Quelle: n-tv.de