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(Foto: picture alliance/dpa)
Mittwoch, 15. Mai 2019

Post-Chef Appel wirbt für EU: "Populisten können keine Antworten geben"

Vor der Europawahl positioniert Post-Chef Frank Appel sich und seinen Konzern eindeutig: Er wirbt bei seinen Mitarbeitern für die EU und warnt vor rechtspopulistischen Parolen. Für ihn steht sein Engagement nicht im Widerspruch zu seiner Rolle als Konzernchef, sagt er n-tv.de im Interview.

n-tv.de: Innerhalb Ihres Unternehmens und auch in der Öffentlichkeit werben Sie aktuell für die Europawahl und warnen eindringlich vor einem Erstarken des Populismus. Wie groß ist die Gefahr, in der die EU bei der jetzt bevorstehenden Wahl schwebt?

Frank Appel: Migration, Digitalisierung, Globalisierung - unsere Welt steht vor großen Veränderungen. Es ist unsere Aufgabe, diese Veränderungen zu erklären und den Menschen so die Unsicherheit zu nehmen, die zu schnellen und einfachen Antworten führt. Ich sehe, dass momentan viele Dinge zu stark vereinfacht werden, gerade in Bezug auf Europa. Populisten können keine hinreichenden Antworten auf die Fragen unserer Zeit geben und am Ende müssen oft diejenigen bezahlen, die zuvor dafür gestimmt haben. Ich bin aber zuversichtlich und denke, bei der Wahl droht der EU keine Gefahr. Ich glaube, dass die Wahlbeteiligung deutlich höher ausfallen könnte als zuletzt. Mittlerweile äußern sich viele Menschen deutlich "pro Europa", deutsche Wirtschaftsvertreter und -verbände zum Beispiel. Und im Ausland beobachte ich das genauso.

Sie mischen sich ganz konkret in den aktuellen Wahlkampf ein. Wie vereinbaren Sie das mit Ihrer Rolle als Chef eines Konzerns mit Hunderttausenden Mitarbeitern, Millionen Kunden und als Repräsentant Ihrer Aktionäre? Muss man sich da nicht neutral verhalten?

Ich bin ein Bürger dieses Landes und ich habe das Privileg, dass meine Meinung gehört wird. Gerade aus diesem Grund sehe ich es als meine Aufgabe an, deutlich Position zu beziehen - für die Beteiligung an der Wahl, für Europa und gegen populistische Vereinfachung.

Unter Ihren Mitarbeitern in Deutschland sind doch bestimmt auch AfD-Wähler und in Großbritannien auch Brexit-Befürworter.

Das kann sein - unser Unternehmen hat allein in Europa rund 300.000 Mitarbeiter. Gemeinsam mit deren Partnern sind das mehr potenzielle Wähler als Luxemburg Einwohner hat. Wir sind damit naturgemäß auch ein Querschnitt der Gesellschaft.

Wie gehen Sie damit um?

Die Kollegen kommen ja nicht zu mir und sagen, ich wähle jetzt diese oder jene Partei. Das will ich ja auch gar nicht wissen. Aber wir werben in unseren internen Medien seit Wochen ganz gezielt für die Beteiligung an der Europawahl und betonen, was die EU für unser Unternehmen bedeutet, wie wichtig die EU für unsere Arbeitsplätze ist. Nehmen wir ein Beispiel aus Großbritannien: die "Buy British"-Kampagne vor einigen Jahren. Könnte etwa DHL als Teil eines deutschen Mutterkonzerns, der Deutschen Post AG, noch Dienstleistungen für den britischen Staat erbringen, wenn es künftig "Buy British" hieße? Wir als deutsches Unternehmen erbringen heute völlig selbstverständlich viele Dienstleistungen für die britische Regierung, was wir in so einem Fall nicht mehr dürften. Das zeigt doch, wie merkwürdig die ganze Diskussion ist. Die Stärke unseres Unternehmens ist unsere Internationalität. Wir verbinden Menschen nicht nur in Europa, sondern in 220 Ländern der Welt. Das müssen wir weiter erklären und das fordere ich auch von unserem gesamten Management. Wir stellen deshalb gezielt Materialien bereit, um vor Ort auf allen Ebenen mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern über Europa und die Europawahl zu reden. Ich erwarte von unserem Management, dass wir uns gemeinsam engagieren. Nicht für eine bestimmte Partei oder politische Richtung, aber für ein offenes, freies und faires Europa.

Aber darf man das als Chef und als Unternehmer, sich so politisch positionieren?

Ich habe eine klare Meinung zu Populismus und zu Thesen von Parteien, die allzu sehr simplifizieren, und diese Meinung muss man auch artikulieren, finde ich. Auch und gerade als Manager eines so großen Unternehmens.

Wo sehen Sie als Manager die dringendsten Baustellen der EU? Welches sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten europolitischen Probleme, die nach der Wahl angegangen werden müssen?

Ich bestreite nicht, dass wir innerhalb der EU einiges verbessern müssen. Aber vieles ist auch jetzt schon sehr gut: Wir haben immer noch die mit Abstand besten Gesundheitssysteme, wir haben die beste Infrastruktur im weltweiten Vergleich, wir haben die besten Sozialsysteme. Trotzdem heißt es immer: Wir haben so große Baustellen! Ja, wir haben das Thema Migration. Wir brauchen als Europäische Union ein Einwanderungsgesetz und wir brauchen auch eine Einigung, wie wir mit Schutzsuchenden umgehen. Auch im Hinblick auf Digitalisierung, Bildung und Infrastruktur müssen wir Fortschritte machen. Aber auch in diesen Bereichen hat Europa einen sehr guten Standard, den wir weiterentwickeln müssen.

Lassen Sie uns ein konkretes Thema aus dem Europawahlkampf ansprechen: Was halten Sie von einem europäischen Mindestlohn?

Ich befürworte den Mindestlohn grundsätzlich, wobei dieser natürlich an die Wirtschaftsleistung und Lohnstruktur des jeweiligen Landes angepasst sein muss. Deshalb kann es keinen einheitlichen Mindestlohn für Europa geben. Wir sollten aber daran arbeiten, die Sozialsysteme besser anzugleichen. Das Gleiche gilt für die Steuersysteme. Das Problem ist, dass sich die EU-Mitgliedstaaten nicht auf eine einheitliche Besteuerung einigen können. Alle Regierungen wollen möglichst viel von den Steuereinnahmen für sich behalten und bieten Unternehmen dafür Anreize und Möglichkeiten, in ihrem Land Steuervergünstigungen in Anspruch zu nehmen. Für uns wäre es am einfachsten, wenn wir als Konzern eine einzige Steuererklärung in Europa abgeben und die Regierungen dann untereinander regeln, wie viel Geld in welches Land geht.

Werden Sie sich auch bei der nächsten Bundestagswahl so engagieren wie jetzt vor der Europawahl?

Das weiß ich noch nicht. Die nächste Bundestagswahl ist ja noch ein bisschen hin. Wir fahren jetzt - so kurz vor der Europawahl - unsere Aktivitäten vor allem in den internen Kanälen noch einmal hoch und schauen dann, wie die Resonanz ausfällt. Mir persönlich ist Europa eine Herzensangelegenheit. Ich gehöre zur ersten Generation, die von diesen 70 Jahren Frieden und dem anhaltenden Aufschwung in Europa profitiert hat. Ich habe miterlebt, wie sich Europa verändert hat und was aus den Ländern geworden ist. Die Entwicklung in den osteuropäischen Ländern, aber auch in Portugal oder Spanien ist einfach sensationell! Und daher stört es mich, wenn diese Errungenschaften heute nicht wahrgenommen werden. Wir sollten die Vorteile der EU schätzen, für uns, für unsere Kinder und für die nachfolgenden Generationen. Und deswegen äußere ich mich dazu.

Mit Frank Appel sprachen Juliane Kipper und Max Borowski

Quelle: n-tv.de