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VDA-Präsident Mattes: "Ohne geordnete und praktikable Lösungen für den Wirtschaftsverkehr stehen auch Jobs in der Automobilindustrie, insbesondere auf der britischen Seite, auf dem Spiel."
VDA-Präsident Mattes: "Ohne geordnete und praktikable Lösungen für den Wirtschaftsverkehr stehen auch Jobs in der Automobilindustrie, insbesondere auf der britischen Seite, auf dem Spiel."(Foto: picture alliance/dpa)
Mittwoch, 16. Januar 2019

"Unternehmen hängen in der Luft": Chaos-Brexit verunsichert deutsche Wirtschaft

Großbritannien ist der fünftgrößte Handelspartner Deutschlands. Entsprechend groß ist die Verunsicherung führender deutscher Wirtschaftsverbände nach der Ablehnung des Brexit-Deals. Angst liegt in der Luft.

Die harsche Ablehnung des Austrittsabkommens mit der EU durch das britische Parlament hat die Finanzmärkte zur Wochenmitte erst einmal kalt gelassen. "Die Märkte bleiben ruhig. Es hat den Anschein, als seien Händler und Investoren gut vorbereitet gewesen", sagte Chefstratege Michael McCarthy vom Broker CMC Markets. Größere Schwankungen gab es vor und nach der Abstimmung vor allem beim britischen Pfund. Mittlerweile hat sich die Lage aber auch hier beruhigt.

Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, rechnet nun damit, "dass man den Ausstieg um mindestens drei Monate verschieben wird", wie er beim Neujahrsempfang der Deutschen Bank am Dienstagabend in Berlin sagte. "Denn auch die übrige EU würde bei einem harten Brexit einen halben Prozentpunkt ihrer Wirtschaftsleistung verlieren - zu groß wären die Verwerfungen für den Handel, die Finanzierungsbedingungen und das Vertrauen der Investoren."

Die wichtigsten deutschen Wirtschaftsverbände sehen derweil die Ablehnung des Brexit-Abkommens durch das britische Parlament als schlechte Nachricht für die Unternehmen hierzulande. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnte vor dramatischen Folgen. "Unternehmen diesseits und jenseits des Ärmelkanals hängen weiter in der Luft. Ein chaotischer Brexit rückt in gefährliche Nähe", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Es drohe eine Rezession in der britischen Wirtschaft, die auch an Deutschland nicht unbemerkt vorüberziehen würde. Jede Unklarheit gefährde Zehntausende von Unternehmen und Hunderttausende von Arbeitsplätzen in Deutschland und vor allem in Großbritannien.

"Für deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel"

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) betonte, die Unternehmen müssten sich jetzt verstärkt vorbereiten. "Ohne Abkommen droht der Brexit völlig ungeregelt abzulaufen", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Für die deutsche Wirtschaft stehe viel auf dem Spiel. Großbritannien sei Deutschlands fünftwichtigster Handelspartner, das Handelsvolumen betrage 122 Milliarden Euro. Eine mögliche Verschiebung des EU-Austritts von Großbritannien um einige Wochen würde die Unklarheit wohl nur aufschieben, meinte Schweitzer.

Der Verband der Automobilindustrie (VDA) bezeichnete die Ablehnung des Brexit-Abkommens in London als "politisch fahrlässig". Es drohten schwerwiegende Konsequenzen für Bürger und Unternehmen in Großbritannien und Europa, sagte VDA-Präsident Bernhard Mattes. "Ohne geordnete und praktikable Lösungen für den Wirtschaftsverkehr stehen auch Jobs in der Automobilindustrie, insbesondere auf der britischen Seite, auf dem Spiel", betonte Mattes. Alle Beteiligten sollten jetzt daran arbeiten, einen ungeregelten Brexit noch abzuwenden. Vor diesem Hintergrund könne die Verschiebung des Austrittsdatums sinnvoll sein.

Ifo-Präsident Clemens Fuest forderte Großbritannien und die EU auf, die Verhandlungen zu einem Brexit-Abkommen wieder aufzunehmen. "Ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten muss vermieden werden", sagte Fuest. Beide Seiten sollten nun an den Verhandlungstisch zurückkehren und das Abkommen so anpassen, dass es für beide Seiten akzeptabel ist. "Alles andere wäre ein nicht akzeptables Politikversagen."

Verständnis für Nein des Unterhauses

Der Ifo-Forscher Gabriel Felbermayr zeigte Verständnis für die Ablehnung des Brexit-Deals durch das Unterhaus. "Das Nein der britischen Abgeordneten zum Trennungsabkommen ist absolut nachvollziehbar, weil es das Vereinigte Königreich auf den Status einer Handelskolonie herabstufen würde."

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) betonte, die Entscheidung des britischen Parlaments komme weder überraschend, noch habe sie die Wahrscheinlichkeit eines ungeregelten Brexits am 29. März 2019 substanziell erhöht. "Ich erwarte, dass ein wirtschaftliches Chaos verhindert wird, zum Beispiel durch Einzelabkommen für eine Übergangsphase", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. Ein zweites Referendum, und somit ein Verbleib in der EU, sei sogar ein Stück wahrscheinlicher geworden. Sollte es zum "harten Brexit" kommen, werde die deutsche Wirtschaft zwar getroffen, aber nicht übermäßig hart und nicht dauerhaft. "Deutsche Unternehmen haben immer wieder gezeigt, dass sie flexibel und schnell auf Schocks reagieren können", betonte Fratzscher.

Quelle: n-tv.de