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In dem Salar de Uyuni finden sich die weltweit größten Vorkommen von Lithium.
In dem Salar de Uyuni finden sich die weltweit größten Vorkommen von Lithium.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 25. Juni 2017

Jagd nach "weißem Gold": Lithium - Fluch und Segen

Von Matthias Lauerer

Früher dachten viele Leute bei Lithium an einen Song von Nirvana. Das hat sich geändert: Laptops und E-Autos machen aus Lithium den Rohstoff der Zukunft. Während Bergbaufirmen und Investoren feiern, leidet die Umwelt.

Gleißend hell zeichnet sich das Weiß des 10.000 Quadratkilometer großen Salzsees Salar de Uyuni gegen das Knallblau des Himmels ab. Dann streicht ein leichter Windhauch über die im Boden liegende Energiequelle. Hier, in Bolivien, schlummert der Schlüsselrohstoff, der unseren Energiebedarf stillen soll: Lithiumkarbonat. Mehr als fünf Millionen Tonnen sollen es sein.

Tausende Kilometer von Deutschland befindet sich das "Lithiumdreieck." Im bettelarmen Bolivien, dem aufstrebenden Chile und dem strauchelnden Argentinien werden über 55 Prozent aller Vorräte vermutet. Laut Forschern des US Geological Surveys sind es in der Reihenfolge 22,7, 18,9 und 16,4 Prozent. Doch was hat der Rohstoff mit unserer Zukunft zu tun?

Vor über 50 Jahren entdeckte ein US-amerikanisches Minenunternehmen den Rohstoff in Chile. Als es weiterforschte, fanden sich weitere Lagerstätten des "weißen Goldes" in den Nachbarländern. Mittlerweile ist der Abbau eine Wette auf die Zukunft. Ohne das Lithiumkarbonat gäbe es keine Lithiumbatterien. Die sind leichter als herkömmliche Batterien, halten länger und lassen sich ohne "Memoryeffekt" wieder und wieder laden. Denn: Bei Nickel-Kadmium oder Nickel-Metall-Hybrid-Batterien "merkt" sich die Batterie stets ihren letzten Füllstand - und verliert so ein Paar Prozent der Kapazität.

Die gesamte Autoindustrie setzt auf die Elektromobilität, weltweit werden Batteriefabriken gebaut. In Notebooks und Handys werkeln Lithium-Ionen-Akkus und treiben so die digitale Gesellschaft an. In einem Smartphone finden sich zwar nur wenige Gramm der Substanz. In einem Laptop sind es immerhin 200 Gramm. Und in einem Pkw - mit E-Batterie - sind es 22 Kilogramm.

Ein Vorteil des Lithiums und seiner Ionen liegt auch in deren Größe. Ein Lithium-Ion kann seine Ladung auf sehr kleinem Raum aufnehmen. Das unterscheidet es von anderen Trägerstoffen. Der Rohstoff ist rar, begehrt und entsprechend teuer. Dennoch haben sich die Preise für Lithium-Ionen-Batterien in den vergangenen Jahren halbiert – und dieser Trend muss anhalten, um für den Massenmarkt taugliche, günstige Akkus herzustellen.

Bergbauriesen wie Albemarle, SQM oder FMC bauen das uralte Mineral ab. Michael Schmidt von der Deutschen Rohstoffagentur bezeichnet das Leichtmetall als einen "Schlüsselrohstoff der kommenden Jahrzehnte." Denn neben der E-Mobilität wird das Thema der Speicherung regenerativer Energiequellen immer wichtiger. Hintergrund: Die durch heftige Winde oder intensive Sonneneinstrahlung erzeugte Energie wird netzunabhängig in Lithium-Ionen-Batterien gespeichert. Später lässt sich die aufbewahrte Energie ohne Aufwand wieder abrufen. Dieser Ansatz ist für die Energienetze der Zukunft wichtig. Nur so können die Firmen Spannungsspitzen in den je nach Wetterlage produzierten Strommengen ausgleichen - und für eine kontinuierliche Belieferung aus alternativen Energiequellen sorgen.

Geldsegen und gute Geschäfte

Das Fördern des Lithiums in Südamerika ist ein sehr lukratives Geschäft. Bisher holte man etwa 300.000 Tonnen Lithiumkarbonat aus dem Boden. Seit 2015 hat sich der Preis für den Rohstoff nahezu verdreifacht. Für eine Tonne bezahlten Käufer im Juni 2015 noch 7000 Euro. Derzeit werden zwischen 18.000 und 21.000 US-Dollar pro Tonne bezahlt.

Was Investoren freut, ist für die vom Abbau betroffenen Regionen ein ökologisches Desaster. Denn will man die Substanz aus mindestens 40 Zentimeter Tiefe holen, verschlingt das gigantische Wassermengen. Für die Herstellung von einer Tonne Lithiumsalz werden zwei Millionen Liter Wasser verbraucht. All das geschieht in einer der trockensten Gegenden der Erde. Der Prozess ist schnell erklärt: Das Lithium kommt in den unterirdischen Wasserläufen vor. Per Explosion wird der Zugang freigelegt. Für die Gewinnung werden einige Millionen Kubikmeter salz- und lithiumhaltige Lösung in riesige Becken geleitet und mit Frischwasser angereichert. Durch die intensive Sonneneinstrahlung verdunstet das Wasser. Die so gewonnene Flüssigkeit hat einen Lithiumanteil von fünf Prozent. Danach trennt man das Magnesium heraus.

"Die Umweltbelastungen durch Staub und die Wasserentnahme sind enorm", sagt Juliane Ströbele-Gregor gegenüber n-tv.de. Sie forscht an der Freien Universität Berlin am Lateinamerika-Institut zum Thema. In Chile gebe es, anders als in Bolivien, auch einen örtlichen Bürgerwiderstand. "In Argentinien, hier zum Beispiel im 'Salar hombre muerto' wird gemeinsam mit Toyota produziert. Die lokalen Reaktionen in den drei Ländern sind unterschiedlich. Sie reichen von Zustimmung und Forderung nach Beteiligung an den Einnahmen bis hin zu lokaler Ablehnung und Widerstand", so Ströbele-Gregor.

Kehren wir an den Salzsee zurück. Wer genau hinschaut, sieht Andenflamingos, die nur dort heimisch sind. Die vom Aussterben bedrohte, grazile Tierart arrangiert sich mit dem Verlust des einst unberührten Lebensraums. Geht der Lithiumabbau so weiter, ziehen die seltenen Tiere zunächst ein Stück fort - bis ihnen eines Tages auch der letzte, verbliebene Rückzugsort von den Baggern der Rohstoffkonzerne genommen wird.

Quelle: n-tv.de

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