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Die Ölwirtschaft steht unter wachsendem Druck: ein Bohrlochkopf von Occidental Petroleum in Hobbs, New Mexiko.
Die Ölwirtschaft steht unter wachsendem Druck: ein Bohrlochkopf von Occidental Petroleum in Hobbs, New Mexiko.(Foto: REUTERS)
Donnerstag, 13. Juli 2017

Wettpumpen zwischen USA und Opec: Der nächste Öl-Crash kommt schon bald

Von Diana Dittmer

Trotz Förderlimits der Opec kostet ein Fass Öl nur halb so viel wie vor drei Jahren. Die Welt hat mehr Öl, als sie braucht: Die USA "fracken", was der Schiefer hergibt - und die Opec pumpt dagegen an. Doch für die Golfstaaten gibt es kein Entrinnen.

Die Opec und die mit ihr verbündeten konventionellen Ölförderer drücken auf die Produktionsbremse, um den Ölpreis zu stützen. Aber jeder Versuch, das Überangebot auf dem Weltmarkt zu drosseln und die Preise zu stabilisieren, verpufft. Denn die Förderer in den USA "fracken" bei jeder noch so kleinen Preiserhöhung, was der Schiefer hergibt. Es ist ein Teufelskreis. Auf dem Ölmarkt geht es längst nur noch darum, wer beim Kampf um Marktanteile den längeren Atem hat - die Produzenten am Persischen Golf oder die unkonventionellen Förderer von Schieferöl in den USA.

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Die Ölpreise WTI und Brent notieren derzeit knapp unter 50 Dollar je Fass. Allein seit Jahresbeginn ist Öl um ein Fünftel billiger geworden. Von den Höchstständen bei über 100 Dollar vor drei Jahren ist das schwarze Gold damit weit entfernt. Und die Talfahrt wird weitergehen. Wenn die Ölschwemme anhalte und die Opec keine weiteren Maßnahmen treffe, werde der Preis "bald" unter 40 Dollar fallen, warnt Goldman Sachs. Ganz skeptische Prognosen gehen davon aus, dass Öl bald sogar für weniger als 20 Dollar zu haben sein wird.

Die konventionellen Förderer und die Staaten, die ihren Wohlstand auf Öl gebaut haben, geraten durch den Preisverfall immer mehr unter Druck. Sie sind gezwungen, zu pumpen, was das Zeug hält, um ihre Staatskassen zu füllen. Daran wird sich auf absehbare Zeit nichts ändern.

Keine Chance für die Opec

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Der jüngste Monatsreport des Ölkartells zeigt, dass die eingezogenen Förderlimits der Allianz der konventionellen Produzenten eher Kosmetik als ein ernst gemeinter Versuch sind, die Preise zu stabilisieren. Im Mai haben sie nicht nur so viel Öl gefördert wie seit sechs Monaten nicht mehr, die Opec hat auch ihre eigene Zielmarke für die monatliche Förderung übertroffen. Auch die Öl-Lagerbestände verheißen für den Ölpreis nichts Gutes: Sie liegen über dem aussagekräftigen Fünfjahres-Durchschnitt.

Schuld an der Ölschwemme der Opec sind vor allem die Sorgenkinder Nigeria und Libyen. Ihnen hat das Kartell wegen schwieriger innenpolitischer Lagen ausdrücklich erlaubt, so viel zu fördern, wie sie wollen. Für die afrikanischen Staaten ist diese Ausnahmegenehmigung ein Segen. Während die anderen Mitglieder die Produktion drosseln müssen, können sie versuchen, Marktanteile zu erobern.

Die Disziplin des Kartells wird auf eine harte Probe gestellt. Zumal noch zusätzlicher Druck aus den USA kommt: Laut dem Energie-Beratungsdienst PIRA werden die USA dank des Fracking-Booms bis 2020 unter die zehn größten Ölexporteure der Welt aufsteigen. In drei Jahren wird die dortige Ölindustrie vier Mal so viel Crude-Leichtöl exportierten wie 2016, prognostiziert PIRA. Die USA wären damit auf Augenhöhe mit Ölgiganten wie Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Die Golfstaaten stehen unter ungeheurem Druck. Saudi-Arabien, das jahrzehntelang in Petrodollars schwamm, wies 2015 ein Haushaltsdefizit von 100 Milliarden Dollar aus. Riad hat wegen des Preiscrashs schon ein Drittel seiner Währungsreserven verbrannt und muss den Kapitalmarkt anzapfen. Andere Förderländer wie Russland, Nigeria oder Venezuela trifft der Preisschock noch viel schlimmer.

Überlebenskampf für die Golfstaaten

Sie alle haben die Frackingindustrie schlicht unterschätzt. Der Preisschock hinterließ zwar auch in den USA seine Spuren: Über 100 Unternehmen gingen pleite und übermütige Investoren erlitten Milliardenverluste. Aber die neue Industrie ist viel robuster als erwartet. Sie erholt sich vom Preisverfall auch deutlich schneller. Der Öldienstleister Baker Hughes zählt aktuell 952 Bohrtürme, 12 mehr als noch vergangene Woche. Im Vergleich zum Vorjahr sind es sogar 512 Rigs mehr.

Die neue Fördertechnik der US-Firmen hat einen entscheidenden Vorteil: Sie ist günstiger als die konventionelle Produktion im arabischen Wüstensand. Außerdem können sie ihre Produktion schneller drosseln oder erhöhen. Denn die Motoren der Rigs kann man genauso schnell stilllegen wie anschmeißen. Preise um 40 Dollar lassen niemanden jubeln, aber ist das Ölfeld einmal erschlossen und stehen die Bohrtürme, sind die meisten auch profitabel. Ölprojekte in der Tiefsee können erst recht nicht mithalten: Sie sind noch teurer.

Für die Golfstaaten gibt es nur einen kleinen Trost: Öl und Gas werden noch "auf Jahrzehnte" von zentraler Bedeutung für die Energieversorgung der Welt bleiben, sagt der Chef des saudi-arabischen Ölkonzerns Aramco, Amin Nasser. Es bestehe "breite Einigkeit", dass "Benzin weiter im Zentrum des Energiemixes stehen wird", auch wenn erneuerbare Energien an Bedeutung gewinnen, wie er Anfang der Woche beim Welt-Erdöl-Kongress in Istanbul sagte. Wenn die Welt nun nicht so schnell vom Öl loskommt, lohnt es sich also auch für die traditionellen Ölstaaten, zu kämpfen: Am Ende werden auch ihre Reserven wieder gebraucht, wenn die unkonventionellen Ölvorkommen in den USA erschöpft sind. Die Frage ist nur, wie die Scheichs bis dahin überleben sollen.

Pumpen bis zum bitteren Ende

Denn ihre Möglichkeiten sind begrenzt: Die Opec-Allianz kann den Dingen ihren Lauf lassen. Die Ölpreise würde angesichts der Ölschwemme weiter sinken. Oder sie kann versuchen, die Preise zu stabilisieren, indem sie weiter auf die Förderbremse tritt. Das würde die Preise kurzfristig stützen, bietet der Frackingindustrie aber auch eine weitere Steilvorlage, die Überproduktion mit ihren eigenen Bohrtürmen weiter anzuheizen.

Es ist ein Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Die Ölförderer sind gezwungen, auf Gedeih und Verderb auf hohem Niveau weiter zu pumpen, um sich ein möglichst großes Stück des Kuchens zu sichern - egal, was es kostet. Denn die Aussichten, dass sich die Kontrahenten am Golf und in den USA auf gemeinsame Förderlimits verständigen, ist gering. Der nächste Öl-Crash wird kommen.

Quelle: n-tv.de

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