Donnerstag, 15. Oktober 2009
Hartnäckige Skepsis-Reste
Chemiebranche sieht Licht
In der Chemiebranche mehren sich die Anzeichen für ein Ende der heftigsten Rezession seit mehr als 30 Jahren. Die Nachfrage belebt sich vor allem in Asien und Lateinamerika, Firmengewinne steigen wieder.
Mitwirkende der Chemie-Show "Zaubervorlesung" präsentieren während der "Langen Nacht der Wissenschaft" in Erlangen ein Experiment.
(Foto: picture-alliance/ dpa)
Doch noch sind die Stimmen aus der Branche verhalten und warnen vor allzu großem Optimismus. Experten scheuen sich auch, aus den jüngsten positiven Meldungen einen allgemeinen Konjunkturtrend abzuleiten - obwohl die Branche als Frühindikator für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung gilt, weil sie nahezu alle Wirtschaftszweige beliefert.
Chemieexpertin Annett Weber von der BHF Bank hält den extremen Lagerabbau bei den Chemiekunden, der der Branche seit dem vierten Quartal 2008 zu schaffen gemacht hat, nun endgültig für beendet. Die Analystin sieht zudem Anzeichen, dass Chemiefirmen trotz des Wirtschaftsumfelds gestiegene Rohstoffpreise an die Kunden teilweise weiterreichen können.
Aber Weber bleibt vorsichtig: Weltweit hatten die Länder Konjunkturprogramme aufgelegt, die die Chemienachfrage unterstützt haben. "Wie die wirkliche Nachfrage ausschaut, wird sich zeigen, wenn diese einmal auslaufen", sagt die Expertin. "Die Frage ist jetzt, ob die Branche beim Absatzvolumen im Vergleich zu den Zeiten vor dem Einbruch zehn oder 15 Prozent darunter liegen wird, oder doch noch stärker, wie manche befürchten".
"Tal der Tränen durchschritten"
An den Börsen ist das bessere Stimmungsbild schon länger in den Kursen zu sehen. Allein im dritten Quartal legte die Aktie des Branchenprimus BASF rund 25 Prozent zu. Auch die die Papiere des US-Schwergewichts DuPont kletterten um 25 Prozent, die des Konkurrenten Dow-Chemical stiegen von Juli bis September sogar um 62 Prozent.
"Das Tal der Tränen ist durchschritten, jetzt geht es wieder aufwärts", hatte der Finanzchef des Chemiekonzerns Lanxess, Matthias Zachert, kürzlich das Stimmungsbild zusammengefasst. Unternehmen wie BASF und Bayer kündigten an, wieder auf volle Arbeitszeiten zurückzugehen. BASF begann zudem unlängst damit, die in Ludwigshafen vorübergehend stillgelegte zweite petrochemische Großanlage wieder anzufahren.
Bei dem pfälzischen Großkonzern spiegelt sich die Trendwende bereits in den Zahlen des dritten Quartals. So stieg im Vergleich zum zweiten Quartal der bereinigte operative Gewinn überraschend um fast zehn Prozent und auch beim Umsatz konnte der Konzern im Quartalsvergleich leicht um 2,4 Prozent zulegen. Zum Vorjahr waren dies jedoch immer noch Einbrüche von 20 beziehungsweise 19 Prozent.
Aber schon im vierten Quartal könnte es auch im Vorjahresvergleich für die Unternehmen wieder nach oben gehen: Denn dann werden die Firmen ihre Geschäftsentwicklung mit einem Vorjahresquartal vergleichen, in dem die Krise bereits voll durchgeschlagen hatte.
Chemiker mit zitternden Händen
Die Branche durchlief seit Herbst 2008 die heftigste Talfahrt seit den Zeiten der Ölkrise in den 70er Jahren. Die Rezession in Auto-, Bau- sowie Elektronikindustrie hatte sie mit Wucht getroffen. Die Konzerne fuhren daraufhin ihre Anlagen drastisch zurück und motteten sie sogar zeitweise ein.
Massive Sparprogramme wurden aufgelegt, um bei der wegbrechenden Nachfrage die Erträge einigermaßen zu sichern. In Deutschland wurden in diesem Jahr Tausende Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt, weltweit wurden auch massiv Stellen gestrichen. Zuletzt lag die Anlagenauslastung hierzulande gerade einmal bei im Schnitt rund 74 Prozent - das sind immerhin rund zehn Prozentpunkte unter Normalniveau.
rts