Freitag, 13. Mai 2011
Sechs Fragen zum Aufschwung
Wo bleibt der Boom?
Die deutsche Wirtschaft wächst so rasant wie selten zuvor. Die Unternehmen investieren kräftig, der Einzelhandel jubelt und am Bau wird emsig gewerkelt. Auch die Nachbarländer profitieren von der deutschen Stärke. Doch kommt die Konjunkturerholung auch bei den Menschen an?
Die deutsche Wirtschaft strotzt vor Kraft. Die enormen Krisenverluste sind abgehakt, längst hat sich Deutschland zur Konjunkturlokomotive Europas entwickelt. Die deutsche Industrie investiert quer durch alle Branchen kräftig, der private Konsum brummt, und am Bau werden Verluste nach dem kalten Winter aufgeholt. Dank des überraschend starken Wachstums im ersten Quartal von 1,5 Prozent zum Jahresanfang ist der Einbruch aus der tiefen Rezession 2009 schneller als erwartet aufgeholt - und die Krisen rund um den Globus können der deutschen Wirtschaft bisher nichts anhaben. Die Konjunktur brummt.
Wann erreicht der Aufschwung den Geldbeutel?
Ja. Die Wirtschaftsentwicklung ist immer auch ein wichtiger Faktor bei Gehaltsforderungen in Tarifverhandlungen: Geht es der Wirtschaft gut und sprudeln die Unternehmensgewinne. Dann können Arbeitnehmervertreter in der Regel auch höhere Forderungen in den Verhandlungen durchsetzen.
Sichert Wachstum auch Arbeitsplätze?
Generell gilt: Je rasanter die Wirtschaft zulegt, umso eher stellen
die Unternehmen ein. Andererseits steigert eine hohe Beschäftigung den Konsum, was
sich wiederum positiv auf das Wachstum auswirkt. Nach den Angaben des Statistischen
Bundesamtes wurde die Wirtschaftsleistung im ersten Quartal 2011 von 40,4 Millionen
Erwerbstätigen erbracht. Das waren 552.000 Personen oder 1,4 Prozent mehr als ein
Jahr zuvor. Inzwischen könnte Experten zufolge der Fachkräftemangel in einigen Unternehmen
sogar das künftige Wachstum drosseln.
Warum wächst Deutschland so stark?
"Entscheidend für das hohe Wirtschaftswachstum war die sehr
kräftige Binnennachfrage, die in erster Linie dem Beschäftigungswachstum zu verdanken
ist", sagt Allianz-Volkswirt Lorenz Weimann. Deutschland hat seine Hausaufgaben
lange vor der Rezession gemacht, etwa mit der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes
oder Reformen wie Hartz IV. Vor allem moderate Tarifabschlüsse haben deutsche Produkte
auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig gemacht. Zumal die deutsche Industrie mit hoher
Produktivität fertigt und Waren "Made in Germany" von der Turbine bis
zur Luxuskarosse für gute Qualität stehen.
Wie wird das Bruttoinlandsprodukt berechnet?
Das Bruttoinlandsprodukt enthält den Wert aller erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen, die beispielsweise in einem Quartal oder Jahr innerhalb der Landesgrenzen produziert wurden. Darin enthalten sind alle Wirtschaftsbereiche vom kleinen Handwerksbetrieb bis hin zu Handel, Banken, Industrie, Landwirtschaft und den Leistungen des Staates.
Wie setzt sich das BIP in Deutschland zusammen?
Größte Komponente ist der private Konsum mit knapp 58 Prozent des BIP. Weitere wichtige Bestandteile sind die Investitionen von Unternehmen in Maschinen und Bauten (knapp 18 Prozent im vergangenen Jahr), der Außenbeitrag als Differenz von Exporten und Importen (rund 5 Prozent) und die Ausgaben des Staates (19,5 Prozent).
Als größte europäische Volkswirtschaft erreichte Deutschland 2010 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ein BIP von fast 2,5 Billionen Euro.
Harald Schmidt, Stephan Scheuer, dpa