Sonntag, 06. Juni 2010
Der Sündenbock der Société Générale
Skandalhändler Kerviel vor Gericht
Für die einen ist Ex-Händler Kerviel ein "Gauner", "Betrüger" oder gar "Terrorist". Andere sehen in ihm ein williges Opfer eines Finanzsystems kultivierter Grenzüberschreitungen. Nun soll ein Gericht klären, wie viel Schuld Kerviel für verzockte fünf Mrd. Euro trägt. Dabei drohen ihm bis zu fünf Jahre Haft und eine empfindliche Geldstrafe.
Er ist der Mann, der für einen der größten Bankenskandale der Geschichte gerade stehen muss. Der Fünf-Milliarden-Euro-Mann. Der Skandalhändler. "Er muss manipuliert worden sein", sagt eine Tante von Jérôme Kerviel - in Wahrheit sei er ein anständiger Mensch. Ab dem 8. Juni steht der 33-jährige Franzose in Paris vor Gericht. Er muss sich dafür verantworten, der Société Générale durch ungenehmigte Spekulationsgeschäfte einen Schaden von 4,911 Mrd. Euro zugefügt zu haben; manche machen ihn sogar dafür mitverantwortlich, dass nach Bekanntwerden des Verlustes die Finanzmärkte nachgaben und die US-Notenbank Fed die Zinsen absenkte.
Wie ein "Gauner", "Betrüger" und "Terrorist" wirkt Kerviel nicht. Eher wie eine Mischung aus "idealer Schwiegersohn" und Tom Cruise. Seinem ehemals obersten Chef, Christian Bouton, fallen aber keine anderen Wörter für den Ex-Händler ein. Kein Wunder, Bankchef Bouton wurde seinen Job durch den vor gut zwei Jahren aufgeflogenen Skandal los. Die Société Générale wirft Kerviel vor, sein Wissen über die Kontrollsysteme des Unternehmens missbraucht zu haben, um seine waghalsigen Geschäfte zu verschleiern. Vor Gericht steht er wegen Vertrauensbruchs, Fälschung und unbefugter Nutzung von Computersystemen.
Milliardenspiel
Kerviel hatte vor zehn Jahren in der Großbank just in der Abteilung angefangen, die für interne Kontrollen zuständig ist, im so genannten Middle Office. Fünf Jahre später wurde er Händler - und begann darauf zu wetten, wie Aktienindizes steigen oder fallen würden. Seine Spekulationen verschleierte er nach Angaben der Bank durch "extrem ausgefeilte und wechselnde Techniken". Wie das ging, wusste er ja bestens aus seiner Anfangszeit.
Im Januar 2008 soll Kerviel dann aufs Ganze gegangen sein und sein Spekulationsgebilde auf dutzende Milliarden Euro aufgeblasen haben. Als die Bank dies merkte, verkaufte sie seine Positionen - mitten in die Börsenkrise hinein - auf einen Schlag, um noch Schlimmeres zu verhindern. Ergebnis: 4,9 Mrd. Euro Verlust. Ein, zwei Tage später ging Kerviels Foto auf den Titelseiten der Presse um die Welt. Der "verrückte Händler", der das Bestehen seiner Firma und ihrer 130.000 Beschäftigten aufs Spiel gesetzt hatte.
"Wir haben das alle gemacht, wir waren darauf trainiert, wir wurden dafür bezahlt", sagt Kerviel, der sich als Sündenbock fühlt. "Es ging mir vor allem darum, Geld für die Bank zu verdienen." Dass er dafür immense Risiken einging, habe im Handelsraum jeder gewusst. In dem testosterongeschwängerten Klima seien "Rentabilität und Leistung" gefragt gewesen, sagt der frühere Trader grimmig. Seine Art hebt sich ab vom üblichen Gehabe der "Golden Boys" in den Banktürmen. Abends habe sein Chef immer den "Zählerstand" abgefragt, erzählt Kerviel. Wenn er viel verdient habe, sei ihm gesagt worden: "Das ist gut, du bist eine gute Nutte."
Kleiner Fisch
Kerviels Vater war Schmied, seine Mutter arbeitete in einem Friseursalon. "Ich habe schon bei meinem ersten Gespräch im Jahr 2005 begriffen, dass ich wegen meiner Universitätslaufbahn weniger galt als die anderen", sagte Kerviel im Laufe der Ermittlungen. Die anderen, das sind die Absolventen der Eliteunis, die im Jahr das Zehnfache seines Gehaltes einschoben - mit gerade mal hundertausend Euro war Kerviel ein kleiner Fisch bei der Bank.
"Er kommt nicht von der (namhaften Pariser Wirtschaftsuniversität) Dauphine oder der École Polytechnique, sondern aus Lyon und dem 'Back Office'", sagt ein Anwalt der Société Générale. "Er wollte zeigen, dass er der brillanteste ist." Kerviel drohen fünf Jahre Gefängnis und eine Geldstrafe von 375.000 Euro. Der Prozess soll am 25. Juni zu Ende gehen.
AFP