Anleger wagen mehr Direktanlagen: Investieren in Russland und China
Direktanlagen in Schwellenländern? Zu riskant, zu volatil, zu umständlich - so lauten die gängigen Anlegermeinungen dazu. In jüngster Zeit dreht sich die Stimmung aber. Immer mehr Analysten und Portfoliomanager favorisieren Direktinvestitionen in den sogenannten BRIC-Staaten - und nennen Gründe.
Es gibt Anleger, die Direktinvestitionen in Schwellenländern wie Russland oder China bisher gescheut haben wie der Teufel das Weihwasser. Zu riskant, zu volatil, zu umständlich, so lauteten die Argumente. Stattdessen setzten die Investoren auf westliche Großkonzerne, die sich auf der Suche nach neuen Absatzmärkten immer stärker in den wirtschaftlich aufstrebenden Staaten Asiens, Lateinamerikas oder Afrikas engagieren. Doch diese Strategie könnte nun überholt sein.
"Vor allem aus Bewertungsgründen ist es derzeit der beste Weg, direkt in Schwellenländer und Wachstumsmärkte zu investieren, anstatt indirekt daran teilhaben zu wollen", sagt etwa Jim O'Neill von Goldman Sachs, Schwellenmarkt-Experte und Erfinder des Akronyms BRIC für die größten Wachstumsmärkte (Brasilien, Russland, Indien und China). Insbesondere die Anteilsscheine großer US-Konzerne werden mittlerweile so hoch bewertet, dass die Schwellenland-Titel vergleichsweise preiswert wirken.
Ein Aktienkorb mit multinational operierenden Konzernen wird im Vergleich zu den Schwellenmärkten im Schnitt mit einem Aufpreis von 20 Prozent gehandelt, wenn man das Verhältnis vom Aktienpreis zu prognostizierten Unternehmensgewinnen betrachtet. Der Preisunterschied ist nach Angaben von Goldman Sachs der größte seit 2007. Nach Einschätzung von Fondsmanagern von Blackrock könnte ein solcher Preisunterschied als Ausgangsbasis dafür dienen, dass die Titel der "Emerging Markets" bald deutlich nach oben gehen. Portfoliomanager James Bristow von Blackrock rät deshalb dazu, direkt in Schwellenmärkten zu investieren.
Für und ...
Auf der anderen Seite gibt es gute Gründe, auch an den Titeln der internationalen Großkonzerne festzuhalten: Erstens haben nicht alle Anleger die Nerven - oder den finanziellen Spielraum - um die mitunter starken Schwankungen an den Schwellenmärkten mitzumachen. Währungsrisiken oder politische Unsicherheiten können dort innerhalb weniger Tage stattliche Gewinne abschmelzen lassen.
Zweitens wimmelt es an den Börsen von Moskau, Shanghai oder Sao Paulo von Werten aus dem Rohstoff- und Industriesektor. Dagegen sind die von ausländischen Investoren favorisierten Konsumwerte schwerer zu finden und werden oft mit einem Aufpreis gehandelt.
Drittens gibt es einen Ort in der westlichen Welt, an dem Aktien von Firmen mit einem starken Schwellenland-Engagement noch relativ günstig sind: Europa. Infolge der Schuldenkrise seien europäische Aktien im Vergleich zu US-Titeln preiswert, sagt etwa Dale Winner, der bei Wells Fargo einen globalen Aktienfonds betreut. Er setze deshalb beispielsweise auf den Schweizer Uhrenhersteller Swatch oder den Luxusartikelkonzern Richemont anstatt auf US-Konzerne wie Avon und Colgate. All diese Unternehmen erwirtschaften mindestens die Hälfte ihrer Umsätze in den Schwellenländern.
... Wider
Doch diese Rechnung geht nicht immer auf, und das Engagement der Firmen in den Schwellenländern muss für Aktienanleger nicht immer mit satten Gewinnen einhergehen. Bei Coca-Cola zum Beispiel stieg der Umsatz in Afrika und Asien im zweiten Quartal um zwölf Prozent, während er in Amerika lediglich um ein Prozent zulegte und in Europa um vier Prozent fiel.
Ungünstig für den Anleger, dass die beiden letztgenannten Regionen mehr als die Hälfte zum Gesamtergebnis des Getränkeriesen beisteuern. Auch Procter & Gamble machen die mauen Geschäfte in den Industrieländern zu schaffen, die bis zu 60 Prozent zum Gesamtumsatz beitragen.
Bei Investitionen in Konzerne mit Geschäften in Schwellenländern müsse man akzeptieren, dass weiterhin 60 Prozent des Geschäftes in Gebieten stattfinde, wo das Wachstum bei nahezu null liege, sagte Nick Price, der ein Portfolio für Schwellenland-Aktien bei Fidelity Worldwide Investments betreut.
Quelle: n-tv.de