Mittwoch, 06. Januar 2010
Hoffen auf den Aufschwung
Firmen riskieren etwas
Jahrelang hatten die deutschen Firmen die Nase vorn, nun droht ein Dämpfer im internationalen Vergleich: Die Hürde heißt "preisliche Wettbewerbsfähigkeit".
Die Unternehmen profitierten in den Boom-Jahren von großer Auslandsnachfrage, moderater Lohnpolitik und Sparprogrammen. So konnten sie etwa den starken Euro besser wegstecken als manches Nachbarland. Die Rezession traf die erfolgsverwöhnte Wirtschaft dann aber mit voller Wucht: "Wenn Produktion und Erträge einbrechen und man Arbeitskräfte hält, sinkt die Produktivität und die Lohnstückkosten steigen", resümiert DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier.
Im laufenden Jahr wird sich zeigen, ob das Krisenmanagement vieler Unternehmen richtig war: Deutsche Firmen schicken ihre Beschäftigten in die Kurzarbeit, US-Firmen ihre Mitarbeiter in die Arbeitslosigkeit. "Die entscheidende Frage von 2010 wird sein: Ist die Erholung ausreichend, um das Beschäftigungsniveau ohne staatliche Hilfe zu halten?", sagt Michael Grömling, Konjunkturexperte vom arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Dies hänge vor allem vom Produktionsniveau ab.
Deutscher Arbeitsmarkt stabil
In den USA hat sich die Arbeitslosenquote von Ende 2007 bis Ende 2009 auf rund zehn Prozent verdoppelt, in Deutschland hingegen sank sie - nach der international vergleichbaren ILO-Statistik - von 8,0 auf 7,6 Prozent. Während in den USA bisher 7,2 Mio. Jobs der Rezession zum Opfer fielen, sank in Deutschland die Zahl der Erwerbstätigen zwischen Oktober 2008 und November 2009 nur um 217.000. Allerdings gab es auf dem Höchststand im Mai 2009 über 1,5 Mio. Kurzarbeiter.
Warum tun sich deutsche Unternehmen mit Entlassungen so schwer? Begründet wird dies oft mit dem Kündigungsschutz und der gesellschaftlichen Verantwortung des Mittelstandes. Vor allem haben Betriebe ihre Lektion gelernt, als ihnen im Aufschwung 2007/08 gut ausgebildetes Personal fehlte. "Die Firmen haben mit dem Fachkräftemangel die Problematik im Nacken", sagt Chefökonom Treier vom Deutschen Industrie- Handelskammertag (DIHK).
Dafür nehmen sie aber eine sinkende Produktivität in Kauf. Zudem steigen die Lohnstückkosten, die ausdrücken, wie viel Lohn oder Gehalt für eine Produkt- oder Dienstleistungseinheit bezahlt werden muss. Anfang 2009 lagen diese Kosten elf Prozent höher als im Frühjahr 2008, im Produzierenden Gewerbe explodierten sie sogar um ein Viertel. Im gleichen Zeitraum sank die Produktivität um rund drei Prozent und zieht seitdem nur leicht an. Die US-Wirtschaft hingegen steigerte ihre Produktivität im vergangenen Sommer um 8,1 Prozent und damit so stark wie seit sechs Jahren nicht.
Exporteure setzen auf Qualität
Der Preiskampf im Wettbewerb macht zumindest den Exporteuren weniger Sorgen: "Deutschland hat nie über Preise konkurriert, sondern über Qualität und Problemlösungskompetenz", betont Jens Nagel, Geschäftsführer beim Exportverband BGA. Die Krise habe auch für manch "reinigendes Gewitter" gesorgt, ergänzt Treier. Künftig stünden zunehmend Produkte im Mittelpunkt, die sich stärker an Umwelttechnologie und Energieeffizienz orientierten und an steigender Nachfrage im Gesundheitssektor. "Für diesen Strukturwandel brauchen die Unternehmen hoch spezialisierte Fachkräfte." Deshalb nähmen die Firmen auch die Kosten hin, die die Kurzarbeit für sie mitbringe. Letztlich könnten die hohen Lohnstückkosten ein "vorübergehendes Phänomen" darstellen.
Treier bleibt aber realistisch: Dieses Jahr dürfte die Arbeitslosigkeit im Schnitt um 500.000 auf 3,9 Mio. steigen, dabei fielen allein 300.000 Jobs in der Industrie weg. "In vielen Bereichen reicht die Kurzarbeit nicht aus."
Die Wirtschaft setzt nun auf einen schnellen Aufschwung. "Das ist eine Wette auf die Zukunft: Das Modell funktioniert ausgezeichnet, wenn die Weltkonjunktur bald wieder anspringt", meint BGA-Mann Nagel und gibt sich optimistisch: "Schlimmer wird es nicht mehr." Vorsichtiger hingegen äußert sich Grömling. Sollte sich die Konjunktur 2011 nur schleppend erholen, verschlechtere sich die Wettbewerbsfähigkeit und die Lohnstückkosten dürften steigen, befürchtet der IW-Experte. "Dann wird das eine oder andere Unternehmen nicht mehr wie 2009 auf Reserven zurückgreifen können und Entlassungen werden nicht zu vermeiden seien." Dann werde auch in Deutschland das "amerikanische Verfahren" angewandt.
Einen Blick in die Glaskugel, ob der deutsche Weg der richtige ist, wagt kaum ein Experte: "Das wissen wir erst in einem Jahr", sagt Grömling.
Klaus Lauer, Reuters