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US-Finanzminister Hank Paulson kennt als Ex-Chef von Goldman Sachs das Investmentbanking wie seine Westentasche.

US-Finanzminister Hank Paulson kennt als Ex-Chef von Goldman Sachs das Investmentbanking wie seine Westentasche.

Donnerstag, 25. September 2008

Rettung aus der Finanzkrise?

14 Fragen, 14 Antworten

Die US-Regierung will dem Finanzsektor mit einem 700 Milliarden Dollar schweren Rettungspaket aus der Krise helfen. Nicht nur bei Anlegern wirft das Notpaket Fragen auf. Antworten auf die 14 wichtigsten Fragen.

1. Wie konnte es zu dieser Krise kommen?

Auslöser war eine völlige Überhitzung des amerikanischen Immobilienmarktes. Über viele Jahre stiegen die Häuserpreise in den USA immer stärker an. Das verlockte immer mehr Amerikaner dazu, selbst Immobilien zu kaufen, sei es für sich selbst oder als Geldanlage. Um die Häuser zu finanzieren, nahmen viele Käufer Kredite auf. Lange Zeit wurde ihnen das sehr einfach gemacht: Banken konnten sich zu historisch niedrigen Zinssätzen Geld bei der US-Notenbank leihen. Durch dieses billige Geld konnten die Banken den Häuslebauern ihre Hypothekenkredite so billig anbieten, dass viele Amerikaner sich bereitwillig für die sicher geglaubten Immobilien hoch verschuldet haben.

Der Wertzuwachs der Immobilien war so stark, dass selbst Schuldnern mit geringer Kreditwürdigkeit Geld geliehen wurde, denn die damit finanzierte Immobilie diente als Sicherheit für den Kredit. Der Teufel steckte jedoch im Detail: Während hierzulande der Zinssatz für einen Kredit bei Abschluss des Vertrags für die gesamte Laufzeit festgeschrieben wird, wurden in den USA den Hauskäufern mit hohem Pleiterisiko oft Verträge angeboten, bei denen sich der Kreditzins während der Laufzeit an das aktuelle Zinsniveau anpasst. Gerade für finanziell schwache Kreditnehmer erwies sich das als Zeitbombe. So lange die Zinsen niedrig blieben, konnten sie ihre Raten oft problemlos zahlen. Als die Zinsen jedoch plötzlich stiegen, verteuerten sich dadurch ausgerechnet die Kredite der "schwachen Schuldner". Immer mehr von ihnen konnten ihre gestiegenen monatlichen Raten nicht aufbringen und mussten ihre Häuser zwangsversteigern.

Die Zahlungsausfälle gingen einher mit einem plötzlichen, deutlichen Rückgang der Immobilienpreise. Bei den Banken löste dies eine wahre Kettenreaktion aus, da sie die Kreditforderungen aus den Immobilienkrediten in Wertpapiere verpackt ("verbrieft") und weiterverkauft haben. Mit dem Wertverfall der Häuser sank der Wert der Papiere, die mit den Immobilienforderungen besichert waren. Die Verluste waren so stark, dass einige Hedgefonds, die in diesem Segment investiert waren, schließen mussten. Bei Investoren schrillten die Alarmglocken und sie zogen ihre Gelder im großen Stil aus dem Kapitalmarkt ab. Das Vertrauen war zerstört, was insbesondere für die Banken drastische Konsequenzen hatte: Der Interbankenmarkt, auf dem sich die Finanzinstitute bisher untereinander in großem Stil Geld geliehen hatten, trocknete quasi aus. Jede Bank musste befürchten, ihr Geld einer schwachen Bank mit hohen Risiken zu leihen und auf Verlusten sitzen zu bleiben. Damit die Banken dennoch über ausreichende Liquidität verfügten, musste die US-Notenbank Fed einspringen und gegen geeignete Sicherheiten Kredite vergeben.

Für Lehman Brothers kommt das geplante Rettungspaket zu spät.

Für Lehman Brothers kommt das geplante Rettungspaket zu spät.

2. Finanzminister Paulson plant ein Rettungspaket über 700 Milliarden Dollar. Was passiert mit dem Geld?

Das US-Finanzministerium will den Banken binnen zwei Jahren problematische Kredite und Wertpapiere abkaufen. Zum einen sind das Hypotheken für Wohn- und Geschäftsimmobilien, zum anderen Wertpapiere, bei denen Hypotheken als Sicherheit dienen. Ein Verkauf dieser Posten ist ohne staatlichen Eingriff unmöglich geworden, da Banken oder andere Investoren damit unkalkulierbare Risiken einkaufen würden. Das US-Finanzministerium stattet daher einen Notfonds mit 700 Mrd. US-Dollar aus, der den Banken diese riskanten Kredite und Wertpapiere abkaufen würde. Zum Vergleich: Diese schier unvorstellbare Summe ist gemessen an der Kaufkraft größer als das Bruttoinlandsprodukt der Niederlande. Welche Papiere zu welchem Preis von den Banken gekauft werden, liegt dabei ganz im Ermessen von Finanzminister Hank Paulson, Ex-Chef der einst größten Investmentbank Goldman Sachs. Kontrollen sind nach der bisherigen Planung nicht vorgesehen, weder eine Behörde noch ein Gericht dürften Paulson stoppen.

3. Wo kommen die 700 Milliarden Dollar her?

Amerika leiht sich das Geld über die Ausgabe neuer Staatsanleihen. Dank der unverändert hervorragenden Bonitätseinstufung der USA dürften die Anleihen auch in diesen turbulenten Zeiten ihre Abnehmer finden, beispielsweise bei Staaten mit hohen Devisenreserven. Sollten die Staatsanleihen überraschend nicht in vollem Umfang Abnehmer finden, könnte im Zweifel die US-Notenbank Fed einspringen und die Anleihen kaufen. Das wäre die moderne Form, die Notenpresse anzuwerfen.

4. Wie soll das Rettungspaket wirken?

Die Übernahme fauler Wertpapiere soll das Vertrauen der Banken untereinander wieder herstellen. Derzeit leihen sich die Institute untereinander kaum noch Geld zu akzeptablen Konditionen, da sie befürchten, bei einer Pleite des Gegenübers keinen Cent wiederzusehen. Anlass zur Sorge bereiten dabei genau die Papiere, die Paulson den Instituten nun abkaufen möchte.

Keine Bank weiß, wie viel die Risikopapiere wert sind, da seit Monaten kein Handel mehr mit ihnen zustande gekommen ist. Die Banken bleiben also auf den Papieren sitzen, wissen nicht, welche möglichen Verluste sie ihnen noch bescheren und können sie dank fehlender Preise auch nicht korrekt in die Bilanz schreiben. Diese Unsicherheit soll durch den Aufkauf riskanter Wertpapiere durch den Staat beseitigt werden.

Durch den Verkauf von Wertpapieren können diese bei den bisherigen Eigentümern keinen finanziellen Schaden mehr anrichten, zudem kommt durch den Aufkauf durch den Staat wieder ein Marktpreis zustande, der anderen Banken mit vergleichbar strukturierten Papieren einen Anhaltspunkt für die faire Bewertung gibt. Entscheidend wird letztlich jedoch nicht sein, ob tatsächlich keine hohen Risiken mehr im Portfolio einer Bank schlummern, sondern ob die anderen Banken dies auch glauben. Nur dann werden wieder die so dringend benötigten Finanzmittel fließen.

5. Wer legt den Preis für die Rettungskäufe fest?

Das genaue Verfahren ist noch unklar. US-Finanzminister Paulson hat sich jedoch für ein Auktionsverfahren ausgesprochen, bei dem sich die Banken gegenseitig unterbieten. Dabei würde der Staat für den Ankauf einer bestimmten Klasse von Wertpapieren einen Maximalpreis festsetzen. Anschließend könnten sich die Banken gegenseitig unterbieten, wodurch die Papiere mit dem niedrigsten Wert zuerst aus den Büchern der Banken verschwinden würden.

6. Funktioniert der Rettungsplan?

Das ist die Millionen-Dollar-Frage, die so niemand beantworten kann. Als ein entscheidender Faktor gilt, zu welchem Preis die kritischen Wertpapiere und Hypotheken aufgekauft werden. Das Problem: Ist der Preis zu niedrig, dann löst die Rettungsaktion nicht das Liquiditätsproblem der Finanzhäuser. Ist der Preis zu hoch, sanieren sich die Banken auf Kosten des Steuerzahlers, da der Rettungsfonds bei einem späteren Verkauf auf Verlusten sitzen bliebe.

7. Gibt es Alternativen zu dem 700-Milliarden-Dollar-Plan?

Zwar gibt es eine Reihe prominenter Kritiker an den Plänen und alternative Vorschläge, offiziell werden diese jedoch nicht diskutiert. Einen "Plan B" gibt es also nicht.

8. Warum lässt man die Banken nicht einfach pleite gehen?

Keine Bank ist von anderen Finanzhäusern unabhängig. Gerät eine Bank ins Trudeln, hat das immer auch negative Folgen für andere Geldhäuser. Das liegt zum einen daran, dass die Schieflage einer großen Bank bei großen wie kleinen Investoren die Sorge nährt, durch eine Bankpleite eigenes Geld zu verlieren. Was als Zweifel an der Sicherheit einer Bank beginnt, kann im schlimmsten Falle als "bank run" enden, bei dem die Bankkunden in langen Schlangen vor den Filialen stehen und ihr Guthaben auszahlen lassen wollen.

"Too big to fail": Der Versicherungsriese AIG wurde unter staatliche Aufsicht gestellt.

"Too big to fail": Der Versicherungsriese AIG wurde unter staatliche Aufsicht gestellt.

Der zweite Grund liegt in der engen Verflechtung der Banken, die sich durch die Produkte des Finanzmarktes ergibt. Bei einem drohenden Konkurs kann eine Bank zum Beispiel gezwungen sein, Teile ihres Vermögens wie zum Beispiel Aktien zu verkaufen. Solche Notverkäufe von Aktien drücken deren Preise - und das spüren auch andere Banken, denn deren eigenen Aktien werden dadurch ebenfalls im Wert geschmälert. Einige Banken verkaufen anderen Finanzhäusern zudem Versicherungen für Kredite, die dann einspringen, wenn ein Kreditnehmer seine Schulden nicht mehr zurückzahlen kann (so genannte Credit Default Swaps). Bricht eine Bank, die solche Versicherungen angeboten hat, selbst zusammen, sind damit auch ihre Versicherungen wertlos. Das bringt andere Banken in Schwierigkeiten, denn sie müssen nun plötzlich voll für die Risiken einstehen. Weil Banken für solches Risiko Geld vorhalten müssen, erhöht das wiederum den Druck auf die Liquiditätsversorgung.

9. Warum sind die Investmentbanken so stark betroffen?

Investmentbanken unterscheiden sich deutlich von Universalbanken, wie man sie in Deutschland kennt. Reine Investmentbanken sind nicht im Geschäft mit Krediten und Spareinlagen tätig. Stattdessen konzentrieren sie sich auf das lukrative Spekulieren mit Anleihen und Aktien sowie dem Geschäft mit Unternehmensfusionen und -übernahmen. Da sie keine Einlagen von Endkunden verwalten, gelten für sie deutlich geringere Sicherheitsauflagen, etwa bei der Ausstattung mit Liquidität. Das erlaubt Investmentbanken erheblich riskantere Geschäfte, die im Erfolgsfall deutlich mehr Rendite einbringen.

Die Art der Finanzierung macht Investmentbanken jedoch anfällig für Krisen am Kapitalmarkt, denn im Schnitt ein Viertel ihres nötigen Kapitals besorgen sie sich jeden Tag neu am Kapitalmarkt. Dadurch senken sie ihre Zinsen auf ein Mindestmaß, da es in normalen Börsenzeiten billiger ist, sich Geld kurzfristig zu leihen als über einen längeren Zeitraum. In Krisenzeiten wie diesen kommt die Investmentbanken diese Leichtigkeit des Seins teuer zu stehen: Sie müssten täglich das Vertrauen von Investoren gewinnen, die mit ihrem Geld die Finanzierung des Geschäfts der Investmentbank möglich machen - angesichts eines quasi ausgetrockneten Geldmarktes ist das jedoch leichter gesagt als getan. Die Sorge vor hohen Risiken der Investmentbanken im US-Immobilienmarkt ließ den Liquiditätsstrom versiegen und innerhalb kürzester Zeit brach die Finanzierung der einstigen Vorzeigehäuser der Wall Street zusammen.

10. Sind die Hypotheken und Wertpapiere in den Büchern der Banken denn gar nichts wert?

Welche Verluste im Einzelnen drohen, ist nicht absehbar - das ist ja gerade die Ursache der quälenden Unsicherheit bei den Banken. Offiziell besteht jedoch die Hoffnung, dass der Steuerzahler nicht die gesamten 700 Mrd. US-Dollar des geplanten Rettungspaketes schultern muss, sondern dass ein Teil der Papiere nach der Stabilisierung des Finanzsystems wieder verkauft werden kann.

11. Wieso müssen sich Banken überhaupt gegenseitig Geld leihen?

Wer an der Kasse im Supermarkt schon einmal versucht hat, angesichts eines leeren Geldbeutels seine Milch mit einem Anteil am Eigenheim zu bezahlen, wurde vermutlich schräg angeschaut, steckte aber stark vereinfacht in einer ähnlichen Situation wie eine Bank in Liquiditätsnot: Finanzinstitute müssen jederzeit ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen, und dafür benötigen sie Geld. Große Vermögenswerte im Eigentum der Bank nützen ihr dabei nur dann etwas, wenn sie auch kurzfristig zu Geld gemacht werden können, andernfalls steckt die Bank in Liquiditätsnot.

In erster Linie leihen sich Banken Geld bei der Zentralbank. Jeder Bank steht dabei ein bestimmtes Kontingent an Zentralbankgeld zu, das sie sich leihen kann. Der Zins dafür ist der Leitzins, der von der Zentralbank festgelegt wird. Benötigt eine Bank mehr Geld als ihr zugeteilt wurde, kann sie sich jeweils für eine Nacht bei der Zentralbank zusätzliches Geld leihen, zahlt dafür jedoch einen deutlich höheren Zins. Stattdessen kann eine Bank jedoch auch versuchen, Geld bei einer anderen Bank zu leihen, die dieses nicht benötigt. Für diese Geschäfte ist der Geldmarkt gewachsen, der für die Finanzhäuser eine sehr wichtige Quelle ist, um jederzeit über ausreichend Geld zu verfügen.

12. Täglich pumpen die Zentralbanken zusätzliche Milliardensummen in den Markt. Reicht das nicht?

Liquidität ist für Banken so nötig wie die Luft zum Atmen. Kommt es hier zu Engpässen, geraten die Institute ins Trudeln. Die Notenbanken springen daher in solchen Situationen ein und leihen den Banken sehr kurzfristig, häufig nur für einen Tag, frisches Geld. Dieses Geld ist kein Geschenk, das den Banken als Sozialtransfer übereignet wird, sondern eine Leihgabe für einen Tag. Nach einem Tag muss die Bank das Geld sofort samt Zinsen zurückzahlen. Die Liquiditätsspritzen fungieren also als eine Art Beatmungsgerät, das kurzfristig das System stabilisiert, aber keinerlei therapeutischen Nutzen hat. Hat sich das Umfeld der Bank nicht während der Geldspritze stabilisiert, ist das Kreditinstitut nach dem Abzug des Notenbankgeldes wieder in der gleichen klammen Situation wie zuvor.

13. Heizen Liquiditätsspritzen die Inflation an?

Wenn eine Zentralbank mit Liquiditätsspritzen die Ausstattung der Banken mit Geld stützt, dann erhöht sie damit zwar grundsätzlich die Geldmenge, was die Voraussetzung für die Entstehung von Inflation ist. Mit den Finanzspritzen ist jedoch keine dauerhafte Ausweitung der Geldmenge verbunden, da das Zentralbankgeld sehr schnell wieder vom Markt abgezogen wird. Die inflationäre Wirkung dürfte daher gering bleiben.

14. Was, wenn der Plan scheitert?

Die Folgewirkungen sind unabsehbar. Grundsätzlich droht der Zusammenbruch des gesamten Kreditwesens, was die Investitionen von Unternehmen und Haushalten unmöglich machen würde. Das hätte erhebliche negative Auswirkungen auf die gesamte Wirtschaft. Experten fürchten, dass in diesem Falle eine lang anhaltende wirtschaftliche Depression droht.

US-Notenbankchef Ben Bernanke (r.) mit seinem europäischen Kollegen der EZB, Jean-Claude Trichet.

US-Notenbankchef Ben Bernanke (r.) mit seinem europäischen Kollegen der EZB, Jean-Claude Trichet.

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