"Niveau eines Entwicklungslandes": Commerzbank kritisiert Italien
Mit einem eigenen Prüfbericht nimmt Deutschlands zweitgrößte Bank die Eurozone genauer unter die Lupe: Überraschendes Lob gibt es für Portugal und Spanien. Italien kommt dagegen gar nicht gut weg. Hilfe könnte indirekt aus Deutschland kommen. Dort erkennt Coba-Ökonom Krämer eine "Zeitenwende bei den Löhnen".
Die Volkswirte der Commerzbank gehen mit dem Euro-Schwergewicht Italien hart ins Gericht: Zwar habe sich die Lage deröffentlichen Haushalte in den zurückliegenden Monaten gebessert, sagteChefvolkswirt Jörg Krämer. Strukturell hinke das Landder Entwicklung im Euroraum aber weit hinterher. "Die Rahmenbedingungenfür Unternehmen sind katastrophal und auf dem Niveau einesEntwicklungslandes." Auch bei der preislichen Wettbewerbsfähigkeit, dieKrämer an den Lohnstückkosten misst, verliere im Gegensatz zu vielenanderen Euro-Ländern weiter an Boden.
Genau umgekehrt bewertet der Volkswirt die Lage in anderenKrisenländern der Eurozone wie Spanien, Portugal oder Irland. Sie seien imGegensatz zu Italien zwar hinter dem Plan bei der Konsolidierung ihreröffentlichen Haushalte. Die Standortqualität habe sich aber ebenso wie diepreisliche Wettbewerbsfähigkeit verbessert.
"Für Italien gilt daher: MehrSchein als Sein", betonte Krämer. Er kritisierte insbesondere die Arbeitsmarktreformvon Regierungschef Mario Monti, die in seinen Augen gescheitert ist. "Ichkann nicht verstehen, ."
Bis 2015 wieder Durchschnitt
Spanien und Portugal werden dagegen ihren Verlust an Wettbewerbsfähigkeitgegenüber den anderen Euroländern nach Einschätzung der Commerzbank in drei Jahrenvollständig aufgeholt haben. Krämer begründetediese Prognose mit absehbar sinkenden Arbeitskosten in denvon der Schuldenkrise besonders stark betroffenen Ländern. Auch sei hier auf einem guten Weg.
"Spanien, Portugal und Irland dürften bei ihrer preislichenWettbewerbsfähigkeit bereits 2015 wieder den Euroraum-Durchschnitterreichen", sagte er. Diese Fortschritte in der Wettbewerbsfähigkeit dürften jedoch nur teilweise aus eigenerKraft gelingen, erklärte Krämer. Denn ausschlaggebend sei nicht nur die Lohnentwicklung in denKrisenländern.
Helfen werde den Portugiesen, Iren und Spaniern, dass die deutschen Lohnstückkostennach Jahren der tariflichen Zurückhaltung überdurchschnittlich zulegen dürften."Wir sehen ja jetzt schon eine Zeitenwende bei den Löhnen", sagte der Volkswirt. Die Löhne in Deutschland würden, so Krämer, "vermutlich vielstärker als in den vergangenen Jahren steigen (...), was den preislichenRückstand der anderen Länder verringert."
Wenn das Zugpferd schwächelt ...
Für die Eurozone insgesamt sei das jedoch keine erfreuliche Entwicklung. "Die Währungsunionals Ganzes wird schwächer, wenn ihre größte Volkswirtschaft nicht nur gegenüberden Peripherieländern, sondern auch gegenüber den Volkswirtschaften außerhalb desEuroraums an Wettbewerbsfähigkeit verliert." Auslöser dieser Entwicklung sei vor allem die fürDeutschland viel zu lockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), diehierzulande für ein jahrelang robustes Wirtschaftswachstum sorgen dürfte.
Trotz dieser Bedenken teilt Krämer nicht Ängste vor Preisblasen an dendeutschen Vermögensmärkten, insbesondere im Immobilienbereich. "Ich gehenicht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft überhitzt." Krämerargumentiert zum einen über den großen Außenhandelssektor Deutschlands. Dieserbegrenze den Spielraum für Lohnerhöhungen, da im Exportgeschäft der Preisfaktorund damit die Löhne eine große Rolle spielten.
Keine Angst vor der Immobilienblase
Mit Blick auf denImmobilienmarkt verwies der Ökonom auf die vergleichsweise konservativeVergabepraxis der deutschen Banken bei Hypothekenkrediten. Auch die iminternationalen Vergleich eher zurückhaltenden Kreditnehmer dürften einerBlasenbildung am Häusermarkt entgegen stehen.
Sehr skeptisch äußerte sich Krämer zu den Perspektiven Italiens. Die Arbeitsmarktreformvon Ministerpräsident Mario Monti ist seiner Meinung nach gescheitert. "Italienbröckelt im Hintergrund weiter", sagte der Volkswirt. Die Arbeitskosten dürftenin den kommenden Jahren steigen statt - wie es nötig wäre - sinken. "Ohne eineLösung in Italien wird die Staatsschuldenkrise aber nicht gelöst", sagte Krämer.
Tourismus fällt als Retter aus
Kurzfristig bleibt die Lage zumindest auch in Spanien jedoch weiter angespannt: Am spanischen Arbeitsmarkt führte der Tourismus imOsterferienmonat April nur zu einer kleinenEntlastung. Zusätzliche Einstellungen in der Tourismusbranche ließendie Zahl der Arbeitslosen gegenüber März um 0,1 Prozent auf 4,7 Millionensinken, wie das Arbeitsministerium mitteilte. Allerdings lag die Zahl derArbeitslosen immer noch um 11 Prozent höher als im Vorjahresmonat.
Spanien hat wegen der Wirtschaftskrise im Sog der geplatzten Immobilienblaseund der staatlichen Sparbemühungen mit der höchsten Arbeitslosigkeit imEuroraum zu kämpfen. Das Arbeitsministerium veröffentlicht keineArbeitslosenquoten, den jüngsten Angaben der europäischen StatistikbehördeEurostat zufolge lag die spanische Arbeitslosenquote im März bei 24,1 Prozentund damit mehr als doppelt so hoch wie die für den Durchschnitt der Eurozoneerrechnete Quote von 10,9 Prozent.
Quelle: n-tv.de