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Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Er mag und kann seinen Abschied nicht zelebrieren.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann: Er mag und kann seinen Abschied nicht zelebrieren.

Donnerstag, 02. Februar 2012

Letzte Präsentation bei Deutscher Bank: Ackermann geht ohne Victory-Zeichen

von Hannes Vogel

Josef Ackermann macht Deutschlands größtes Geldhaus von einer deutschen Kreditbank zum globalen Finanzriesen. Doch der Schweizer beendet seine Amtszeit mit enttäuschenden Zahlen. Zudem hinterlässt Ackermann eine Reihe von Prozessen, die den Ruf und die finanzielle Stabilität der Deutschen Bank gefährden.

Seinen letzten großen Solo-Auftritt als Chef der Deutschen Bank hatte sich Josef Ackermann wahrscheinlich anders vorgestellt. Beherrscht sitzt er in der Mitte des Podiums auf der Jahrespressekonferenz, umgeben von seinen Vorstandskollegen, und lobt die "ansehnlichen Ergebnisse" seiner Bank. Doch dann zeigt er einen kurzen Moment die Enttäuschung, die ihn in seinem letzten Jahr als Vorstandschef erfüllen muss: Die Investmentbanking-Sparte unter dem künftigen Co-Chef der Bank, Anshu Jain, habe im zweiten Halbjahr die Erwartungen "leider nicht erfüllen können", sagt Ackermann schmallippig.

Statt mit einem Victory-Zeichen wie im Mannesmann-Prozess muss Ackermann nach zehn Jahren an der Spitze der Bank deshalb mit einem langen Gesicht abtreten: Statt 10 Mrd. Euro wie einst geplant konnte das Frankfurter Institut gerade einmal 5,4 Mrd. Euro Gewinn vor Steuern erwirtschaften. Im letzten Quartal des Jahres 2011 schrieb die Bank operativ sogar rote Zahlen und fuhr einen Verlust von 351 Mio. Euro ein. Vor allem die von dem gebürtigen Inder Anshu Jain geleitete Kapitalmarktsparte schwächelte: Ihr Vorsteuergewinn ging 2011 um mehr als 40 Prozent auf 2,9 Mrd. Euro zurück. Schuld daran seien aber die wegen der Euro-Krise verunsicherten Märkte, nicht Jains Investmentbanker, versichert Ackermann.

Von der Kreditbank zum globalen Finanzriesen

Und dennoch offenbart das Ergebnis den tiefen Graben zwischen Investmentbanking einerseits und Privat- und Firmenkundengeschäft andererseits, der sich durch die Deutsche Bank zieht – und wie abhängig das Geldhaus von der Sparte bleibt. Zwar betont Ackermann wiederholt, dass diese "klassischen Geschäftsbereiche" 2011 bereits mehr als die Hälfte zum Gesamtgewinn beisteuerten. Doch Ackermann weiß: Ohne die Händler in London lassen sich zweistellige Milliardengewinne auf Dauer nicht erreichen. Gequält verteidigt der Schweizer daher das Kapitalmarktgeschäft: Die Deutsche Bank bekenne sich weiter voll zum Investmentbanking. Es "leistet einen zentralen Beitrag zum Wachstum der Realwirtschaft", wie Forscher in vielen Studien bestätigt hätten. Es klingt wie das zwanghafte Bekenntnis eines Abhängigen, der gerne vom Stoff lassen würde, aber nicht kann.

Bedeutender als die Zahlen ist deshalb das strategische Vermächtnis, das Ackermann mit seiner letzten Bilanz hinterlässt. Kein Banker hat Deutschland so polarisiert wie er, keiner steht mehr für den ungezügelten Finanzkapitalismus – und das Unbehagen, das die meisten Deutschen bei dem Gedanken daran befällt. Denn unter seiner Führung ist das Geldhaus von einer soliden Kreditbank zu einem globalen Finanzriesen geworden. Ackermanns Banker entwickelten sich von Strippenziehern der Deutschland AG zu Zockern im Weltfinanzsystem.

Für diesen Kulturwandel muss die Bank einen hohen Preis zahlen. Das Investmentbanking war jahrelang der Gewinnmotor der Bank. Doch nun holen dieselben zweifelhaften Zockergeschäfte der Händler in London und New York, die jahrelang für Rekordgewinne sorgten, die Deutsche Bank inzwischen mehr und mehr ein. "Kein Geschäft ist es wert, den guten Ruf der Bank zu ruinieren", sagt Ackermann deshalb heute. Ökonomische Ziele müssten auf ehrbare, moralisch vertretbare Weise erreicht werden. Es klingt wie ein Lippenbekenntnis, weil Anspruch und Wirklichkeit bei der Deutschen Bank weit auseinanderfallen.

Zweifelhafte Geschäfte belasten die Deutsche Bank

Denn inzwischen bedrohen die Investmentbanking-Geschäfte der Bank nicht nur ihren guten Ruf, sondern belasten sie auch finanziell immer mehr: 380 von den 422 Mio. Verlust, die das Investmentbanking im letzten Quartal 2011 eingefahren hat, gehen auf Belastungen durch Rechtstreitigkeiten zurück. Im Gesamtjahr summierten sich die Belastungen durch Prozesskosten in der vom designierten Co-Vorstandschef Anshu Jain geleiteten Investmentbank-Sparte sogar auf 655 Mio. Euro. Es scheint, als holte die Vergangenheit die Bank immer mehr ein: Wegen ihres Verhaltens auf dem US-Immobilienmarkt vor der Finanzkrise 2008 wird sie mit Prozessen überzogen.

Die Liste der Ankläger ist lang. Die US-Regierung, die Stadt Los Angeles, andere Banken haben die Deutsche Bank verklagt, mehrere US-Staatsanwaltschaften und Aufsichtsbehörden ermitteln: Es geht um zweifelhafte Geschäfte mit Immobilienkrediten und Kreditderivaten, mit der die Deutsche Bank in den goldenen Jahren vor der Finanzkrise Milliarden verdiente. Der Vorwurf: Die Bank soll gegen die Produkte gewettet haben, die sie Kunden selbst verkaufte, Investoren belogen, betrogen und getäuscht haben, indem sie ihnen den wahren Wert der faulen Papiere verheimlichte. Insgesamt 1 Mrd. Euro hat die Bank wegen der Streitigkeiten zurückgelegt. Er sei sich sicher, dass die Klagen die Bank sicher noch einige Jahre beschäftigen würden, sagte Ackermann. Fehler habe die Bank aber nicht gemacht: "Vieles wird uns angelastet, womit wir gar nichts zu tun hatten."

Doch auch in Deutschland ist ihr Ruf angeschlagen: Im März 2011 verdonnerte der Bundesgerichtshof die Bank, Schadensersatz an einen Mittelständler zu zahlen. Das Geldinstitut habe das Unternehmen beim Verkauf von sogenannten Zinswetten falsch beraten, urteilten die Richter. Die Bank hatte die hochriskanten und komplexen Produkte jahrelang an viele Kommunen und Mittelständler verkauft - viele machten mit den Derivaten Millionenverluste.

Schon seit dem dritten Quartal verzichtet die Deutsche Bank zudem auf 310 Mio. Euro Umsatzsteuer, weil diese im Zuge eines Steuerkarussells mit CO2-Verschmutzungsrechten möglicherweise zu Unrecht kassiert worden war. Sechs CO2-Händler sind deswegen in Frankfurt zu langjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Ob und wie die Deutsche Bank selbst in das Netz verstrickt ist, ist noch ungeklärt.      

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