"Wir tapsen ziemlich im Dunkeln": Euro zackt sich in die Tiefe
Die Stimmungsschwankungen an den Devisenmärkten schicken den Kurs der europäischen Gemeinschaftswährung auf eine turbulente Berg- und Talfahrt. Am Nachmittag fällt der Euro immer weiter zurück. Analysten geraten in Erklärungsnot.
Der Euro hat seine leichten Gewinne aus dem Handelsverlauf am Nachmittag wieder abgegeben. Die Gemeinschaftswährung fiel bis in die Nähe des Zwei-Jahres-Tiefs und notierte zuletzt bei 1,2235 Dollar. Zuvor war der Kurs zeitweise bis auf 1,2333 Dollar gestiegen.
Anlegerschienen weiterhin an den Plänen der Euro-Retter zu zweifeln, hieß es Markt. Damit überwiege weiter das Misstrauen gegenüber dem Euro - trotz einigerverhaltener Lichtblicke in der Schuldenkrise. So beschlossen die Euro-Finanzministerin Brüssel rasche Hilfen für den maroden spanischen Bankensektor - die ersten 30Mrd. Euro sollen noch in diesem Monat fließen.
"Auch wenn viele Detailsunklar bleiben, ist das ein Schritt in die richtige Richtung", kommentierteJürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup. Die Renditen für Spaniens Staatsanleihengaben von hohem Niveau aus deutlich nach. Positive Nachrichten kamen auch aus demzweiten großen Euro-Krisenland Italien, wo die Industrieproduktion im Mai leichteAnzeichen einer Besserung zeigte.
Am späten Nachmittag sorgten kolportierte Aussagen des italienischen Regierungschefs Mario Monti am Markt für Aufsehen. Monti soll demnach angedeutet haben, dass theoretisch auch Italien Hilfen des ESM beanspruchen könnte. "Das ist die logischeFolge der aufgeweichten Auflagen", sagte Ulrich Leuchtmann, Devisenanalyst derCommerzbank dazu. "Der Gang unter den Rettungsschirm tut keinem mehr weh",ergänzte er. Unklar blieb zunächst, in welchem Zusammenhang Montis Äußerungen fielen.
Einige Händler machten technische Gründe für die starken Kursausschläge beim Euro verantwortlich. Nachrichten, die den Euro fundamental bewegten, suche man vergeblich, hieß es. Am Vormittag hatte der Euro angezogen, weil Anleger darauf setzten, dass das Bundesverfassungsgericht den EU-Fiskalpakt und den Euro-Rettungsschirms ESM durchwinken werden. In Karlsruhe wird seit Dienstagmorgen über die Verfassungsmäßigkeit dieser Instrumente zur Eindämmung der Euro-Krise verhandelt. Ein Ergebnis wird erst in einigen Wochen oder Monaten erwartet.
In London kursierten Gerüchte, das Bundesverfassungsgericht habe die Euro-Rettungsinstrumente bereits durchgewunken. "Wir tapsen hier ziemlich im Dunkeln", sagte ein Marktexperte dazu in Frankfurt. Bundesfinanzminister , der an der mündlichen Verhandlung teilnahm, erklärte, eine deutliche Verschiebung der Gesetze könnte weit über Deutschland hinaus für "erhebliche weitere Verunsicherung an den Märkten" führen. Er rief das Gericht zu einer raschen Entscheidung auf. Sollte die Verfassungsmäßigkeit des Fiskalpakts und des allerdings infrage gestellt werden, könnte der Euro schnell in Richtung 1,19 Dollar fallen, prognostizierte Torsten Gellert von FXCM. Die Gemeinschaftswährung ist mit 1,2255 Dollar zuletzt bereits auf ein Zwei-Jahres-Tief gefallen.
Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs gegen Mittag auf 1,2285 (Montag: 1,2293) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,8140 (0,8135) Euro. Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,79210 (0,79360) britische Pfund, 97,64 (97,81) japanische Yen und 1,2010 (1,2010) Schweizer Franken fest. Ein Kilogramm Gold kostete 40.900,00 (40.670,00) Euro.
Bewegungen in Ungarn und Australien
Die mauen chinesischen Importdaten schwächten derweil den australischen Dollar gegenüber dem US-Dollar. Nach der Veröffentlichung der Zahlen rutschte der australische Dollar von 1,02 US-Dollar auf 1,0163 US-Dollar und geht aktuell mit 1,0172 um. Die zunehmende Risikoscheu der Anleger sei der Grund für den zum Yen schwächeren Dollar, meinte ein Devisenexperte aus Japan. Inzwischen notiere der Dollar nur noch bei 79,26 Yen, nachdem er zuvor ein Hoch bei 79,59 Yen gesehen hatte. Er rechne aber nicht mit einem weiteren Rückgang, weil "auch einige Käufer im Markt sind". Unterstützt sah er den Dollar bei 79,00 Yen.
Der ungarische Forint profitierte am Vormittag von den Aussichten auf eine rasche Unterstützung für die spanischen Banken, die die EU-Finanzminister am Vorabend beschlossen hatten. Zum Euro notierte die ungarische Währung bei 287,62 Forint, nach 288,52 Forint am späten Vorabend. Devisenhändler der Raiffeisen Bank sahen den Forint in einer Spanne zwischen 288,00 und 289,30. Auf diesem Niveau wurde er bereits zu Wochenbeginn und vor dem Wochenende gehandelt.
Der Forint wird vor allem von den jüngsten Entwicklungen in der Eurozone bewegt, aber auch die Kommentare von Ungarns Chefunterhändler mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF), Mihaly Varga, finden Beachtung. Dieser hatte gesagt, dass die Regierung bei den anstehenden Verhandlungen mit dem IWF über neue Kredite in punkto neue Steuern unnachgiebig sein werde.
Quelle: n-tv.de