Startseite
Die schwachen Ölpreise nähren Bedenken hinsichtlich der Inflationsziele der Notenbanken. Da heißt es, geschmeidig bleiben
Die schwachen Ölpreise nähren Bedenken hinsichtlich der Inflationsziele der Notenbanken. Da heißt es, geschmeidig bleiben(Foto: dpa)
Donnerstag, 22. Juni 2017

Wall Street gibt Gewinne ab: Erholter Ölpreis rettet Dax den Tag

Die Ölpreise können sich von ihren Tiefs etwas erholen. Anleger bleiben aber vorsichtig. Analysten warnen, das Barrel könnte 2018 nur noch 25 Dollar kosten. In den USA stützt die Aussicht auf eine Gesundheitsreform die Kurse nur vorübergehend.

Die deutschen Standardwerte haben ihre Verluste am Donnerstag dank wieder gestiegender Ölpreise etwas wettgemacht. Bis Handelsschluss pendelten die großen Indizes um die Nulllinie: Der Dax notierte am Ende 0,2 Prozent höher bei bei 12.802 Punkten. Die Wall Street schloss nahezu unverändert. Kurz vor Handelsende machten Verluste bei Finanzwerten und Konsumgütern Gewinne im Gesundheitssektor zunichte. Der neue Versuch der Republikaner zur Rückabwicklung der Gesundheitsreform Obamacare hatte die Kurse zunächst gestützt.

Der MDax der mittelgroßen Unternehmen verlor 0,2 Prozent auf 25.290 Zähler, während der Technologiewerte-Index TecDax ein Plus von 0,4 Prozent auf 2281 Zähler schaffte. Der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 schloss unverändert bei 3557 Punkten.

Seit der Dax-Bestmarke von 12.951 Punkten am Dienstagmorgen hatten die Anleger Kasse gemacht. Die schwachen Ölpreise hatten bei ihnen Bedenken hinsichtlich der Inflationsziele der Notenbanken genährt. Sollte die US-Notenbank Fed die Zinsen trotz einer sehr niedrigen Inflation weiter anheben, befürchten Experten Belastungen für die Konjunktur.

Das Verbrauchervertrauen im Euroraum hat sich derweil im Juni sehr viel besser entwickelt als erwartet. Wie die EU-Kommission im Rahmen einer Vorabschätzung mitteilte, stieg der von ihr ermittelte Index des Verbrauchervertrauens auf minus 1,3. Das ist der höchste Stand seit April 2001. Volkswirte hatten einen Stand von minus 3,0 prognostiziert.

Der Konjunkturaufschwung in Europa erfasst mehr und mehr Länder, und die Arbeitslosigkeit befindet sich auf dem langsamen, aber stetigen Rückzug. Zudem scheint die Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten die Stimmung vieler Verbraucher gehoben zu haben.

Auch an Unternehmensnachrichten mangelte es nicht. Bei Thyssenkrupp drängten die positiven Nachwirkungen eines Rüstungsauftrags einen Pressebericht über Probleme im Anlagenbau in den Hintergrund. Die Titel des Industrie- und Stahlkonzerns erreichten bei 25,30 Euro den höchsten Stand seit zwei Jahren und gewannen zuletzt 4,5 Prozent. Sie behaupteten damit den Spitzenplatz im Dax. "Der Markt spielt die Korvettenaufträge", sagte ein Händler. Der Verteidigungsausschuss habe die Milliarden-Aufträge am Mittwochnachmittag gebilligt, ergänzte er mit Blick auf verschiedene Medienberichte. "Viele Marktteilnehmer setzen nun auf ein neues technisches Kaufsignal", so der Händler weiter.

Als Stütze für SAP sahen Händler die guten Zahlen von US-Wettbewerber Oracle. Oracle schaffte es, über ein starkes Wachstum des Cloud-Geschäfts die fallenden Erlöse mit Softwarelizenzen mehr als auszugleichen. Der Gewinn stieg im vergangenen Quartal um knapp 15 Prozent auf 3,23 Milliarden Dollar. Auch der Ausblick auf das laufende Quartal hat die Analystenschätzungen übertroffen. Für SAP-Aktien ging es 0,8 Prozent nach oben.

Die Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank belegten mit Kursverlusten von 0,9 und 0,5 Prozent hintere Plätze im Dax. Sie litten trotz der Ölpreiserholung weiter unter Sorgen um die Zinsentwicklung. Die Branche leidet seit Jahren unter Niedrigzinsen, welche die Gewinnmargen im klassische Einlagen- und Kreditgeschäft schmälern.

Im Blick standen auch Stada und Merck. Bei Stada endet um Mitternacht die Annahmefrist für das Übernahmeangebot von Bain Capital und Cinven. Bislang liegt die Annahmequote des Gebots bei 41,38 Prozent, notwendig ist eine Quote von 67,5 Prozent. Es wird also knapp, wenngleich die meisten Händler optimistisch sind, dass die erforderlichen Stücke angedient werden. Sollte die Übernahme scheitern, geht Warburg davon aus, dass die Stada-Aktie unter den Fairen Wert von 60 Euro fallen wird. Stada verloren 0,9 Prozent.

Bei Merck richteten sich die Hoffnungen auf das MS-Medikament Cladribine, dessen EU-Zulassung am Freitag erwartet wird. Merck-Konzernchef Stefan Oschmann hatte kürzlich der "SZ" gesagt, die Medikamentenpipeline von Merck sei gut gefüllt. "Auch deshalb ist die Zulassung wichtig", sagt ein Händler. Für die Aktie ging es, auch mit den guten US-Branchenvorgaben vom Mittwoch, um 2,4 Prozent nach oben.

Video

Erholungspotenzial sehen Marktteilnehmer noch bei VW. "Der Markt könnte auf eine Entspannung in der Slowakei setzen", sagte ein Marktteilnehmer. Gewerkschaftschef Zoroslav Smolinsky habe zuletzt von "deutlichen Fortschritten" in den Verhandlungen gesprochen. Die Gewerkschaft fordert eine Lohnerhöhung um 16 Prozent. VW hatte 4,5 Prozent mehr in diesem und 4,2 Prozent mehr im kommenden Jahr angeboten. VW drehten mit 1,8 Prozent ins Plus.

Wall Street: Pharma und Biotech stützen Kurse

Eine Stabilisierung der Ölpreise und die Aussicht auf eine politische Verständigung in Sachen Gesundheitsreform haben die Wall Street zwischenzeitlich ins Plus gehievt. Zum Handelsende verließ Anleger dann wieder der Mut, die US-Börsen gaben ihre Gewinne wieder vollständig ab.

Händler verwiesen auf den Umstand, dass sich die Ölpreis trotz der moderaten Erholung noch immer auf einem extrem niedrigen Niveau bewegten. Gestützt wurde der Markt vom Gesundheits- und Biotechnologiesektor. Der Dow-Jones-Index fiel um 0,1 Prozent auf 21.397 Punkte, S&P-500 und Nasdaq-Composite stagnierten.

Etwas Auftrieb erhielten die US-Börsen von einer Gesetzesinitiative der republikanischen Senatsfraktion zur geplanten Gesundheitsreform. Dadurch stiegen die Chancen auf das Zustandekommen eines Kompromisses zwischen beiden Parlamentskammern. Der Gesundheitssektor zeigte sich mit einem Aufschlag von 0,7 Prozent relativ fest.

Im Dow führten Merck und Johnson & Johnson die Gewinnerliste mit Aufschlägen von jeweils 0,9 Prozent mit an. Wie schon am Vortag liefen auch Biotechnologiewerte gut, der Pharmasektor stellte mit einem Plus von 1,3 Prozent die festeste Branche.

Bei den Einzelwerten halfen positive Quartalsausweise der Aktie von Oracle. Der Softwarekonzern und SAP-Konkurrent hatte mit seinen Geschäftszahlen die Erwartungen der Analysten klar übertroffen. Die Aktie schnellte um 8,6 Prozent nach oben und markierte bei 51,85 Dollar ein neues Rekordhoch.

Rohstoffe: Öl bleibt billig

Der Ölpreis machte etwas Boden gut, befand sich aber nach wie vor in einem sogenannten Bärenmarkt, nachdem die Preise in den zurückliegenden sechs Monaten um über 20 Prozent gefallen waren. Das Barrel Rohöl der US-Sorte WTI erholte sich um 0,5 Prozent auf 42,74 Dollar, europäisches Referenzöl der Sorte Brent um 0,9 Prozent auf 45,22 Dollar. Die Einhaltung der Fördersenkungen von Mitgliedern des Erdölkartells Opec und Nicht-Mitgliedern hat nach Angaben des Überwachungsausschusses im Mai mit 106 Prozent das höchste Niveau seit Inkrafttreten erreicht. Zudem stützten Produktionsausfälle im Golf von Mexiko von 17 Prozent wegen des Tropensturms "Cindy" etwas.

Mehr als eine technisch bedingte Gegenbewegung des Ölpreises wollten Händler in den leichten Preissteigerungen aber nicht sehen. Denn auch wenn die US-Regierung am Vortag eine Abnahme ihrer Rohölvorräte gemeldet hatte, steigt die Ölförderung in den USA nach wie vor - zuletzt auf ein 22-Monatshoch. Auch in anderen Ländern, darunter Libyen, wird mehr Öl gefördert. Damit bleiben die Förderkürzungen, auf die sich andere große Ölproduzenten im Mai geeinigt hatten, ohne Wirkung auf den Ölpreis. Rohstoffanalyst Paul Horsnell von Standard Chartered sprach von einem "übermächtig bearishen Sentiment".

Gold setzte die am Vortag eingeleitete Erholungsbewegung fort und kletterte auf ein Einwochenhoch. Der Preis für eine Feinunze legte um 0,2 Prozent auf 1250 Dollar zu. Das Edelmetall profitierte von der Erwartung, dass die Zinsen in den USA letztlich langsamer steigen werden, als die US-Notenbank derzeit noch signalisiert. Befeuert wurden entsprechende Spekulationen zusätzlich durch die Bullard-Aussagen.

Asien: Takata-Aktie im freien Fall

An den ostasiatischen Aktienmärkten prägten im Handelsverlauf zwar Kursgewinne das Bild. Im Späthandel bröckelten diese aber vor allem in China. Auch in Tokio drehte der Nikkei-Index ins Minus. Dort schloss der Markt 0,1 Prozent leichter bei 20.111 Punkten.

In Tokio habe der im Verlauf anziehende Yen etwas gebremst, hieß es. Auslöser seien die am Markt gestiegenen Zweifel, dass die US-Notenbank das avisierte Zinserhöhungstempo auch beibehalten wird. Zu den größeren Verlierern gehörten dazu passend Aktien aus dem zinssensitiven Finanzsektor. Ein niedriges Zinsniveau erschwert das traditionelle Kreditgeschäft der Branche.

Für Gesprächsstoff sorgte in Tokio auch der Absturz der Takata-Aktie. Das wegen fehlerhafter Airbags, die vereinzelt auch zu Todesfällen führten, in eine schwere Krise geratene Unternehmen wird Medienberichten zufolge am Freitag oder am Montag Insolvenz beantragen. Nach dem Einbruch um 25 Prozent am Mittwoch brachen Takata um weitere 55 Prozent auf 110 Yen ab. Takata selbst sagte derweil, man habe noch keine Entscheidung über einen Insolvenzantrag getroffen.

An den chinesischen Börsen wirkte zunächst weiter die Entscheidung des Indexbetreibers MSCI, chinesische A-Aktien ab dem kommenden Jahr in seine Schwellenländerindizes aufzunehmen. Das werde längerfristig zu starken Mittelzuflüssen an den chinesischen Aktienmarkt führen, sagten Marktexperten.

Zum Handelsende gerieten die Kurse aber ins Rutschen, laut Markteilnehmern ausgelöst von einem "mysteriösen" Kursverfall bei der in Shenzhen notierten Aktie von Wanda Film Holding, der Unterhaltungstochter des Konglomerats Wanda Holding.

Wanda Film knickten 9,9 Prozent ein, zeitgleich geriet eine Wanda-Anleihe unter Druck, belastet von Gerüchten, dass mehrere Banken Wanda-Anleihen auf den Markt würfen. Wanda Film beantragte daraufhin, die eigene Aktie vom Handel auszusetzen. Analysten sagten, wenn sich die Unsicherheiten um diese Entwicklung bei Wanda gelegt hätten, dürfte sich der breitere Markt rasch wieder erholen.

Der Schanghai-Composite gab um 0,3 Prozent nach, der HSI in Hongkong pendelte zuletzt um den Vortageskurs. In Taiwan markierte der Taiex derweil nach einem weiteren Anstieg um 0,5 Prozent erneut ein 27-Jahreshoch. Taiwan Semiconductor stiegen um 1,2 Prozent auf ein neues Rekordhoch.  Stärker nach oben um 0,8 Prozent ging es in Sydney, nachdem der rohstofflastige australische Aktienmarkt am Vortag mit 1,6 Prozent sein größtes Tagesminus im bisherigen Jahresverlauf eingefahren hatte. Rückenwind sei unter anderem von gestiegenen Metallpreisen gekommen, hieß es.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen