Großes Rätselraten : Dax fährt Achterbahn
Was für ein Tag: Der deutsche Leitindex geht mit kräftigen Gewinnen in den Feierabend. Damit beendet er eine beeindruckende Berg- und Talfahrt überraschend positiv.
Der deutsche Leitindex Dax ist mit Gewinnen aus dem Handel gegangen und schloss 1,5 Prozent im Plus bei 7056 Punkten. Der MDax legte 1,5 Prozent auf 10.873 Zähler zu, während der TecDax 0,9 Prozent auf 797 Punkte stieg.
Der Dax hat im Verlauf eine regelrechte Berg- und Talfahrt hingelegt. Zunächst kletterte der Leitindex angesichts von Konjunkturdaten aus China bis auf 7024 Punkte, fiel dann aber plötzlich auf 6911 Zähler. Dann arbeitete er sich langsam wieder vor und pendelte lange um den Schlusskurs vom Freitag. Nach Konjunkturdaten aus den USA enschied er sich zu einem veritablen Schlussspurt.
Händler rätseln
Angesichts positiv interpretierter Konjunkturdaten aus China startete der Dax mit kräftigen Gewinnen in den Tag, bevor er plötzlich ins Minus drehte. Börsianer zeigten sich über die plötzliche Abwärtsbewegung überrascht, über die Gründe für den zeitweisen Kurssturz wurde munter gerätselt. Am Markt hieß es vielfach, dass Sorgen um eine Eskalation der Euro-Krise die Investoren wieder eingeholt haben. So verwies ein Börsianer auf den schwachen Einkaufsmanagerindex aus Frankreich. "Auf unserer Liste, was dieses Jahr in Europa noch schief gehen könnte, steht Frankreich ganz oben", meinte Holger Schmieding von der Berenberg Bank. Eine Krise in Frankreich, sei die Krise, die die Eurozone bislang noch nicht gehabt habe.
"Vielleicht braut sich in Spanien wieder etwas zusammen", mutmaßte ein Händler. Ein anderer begründete das zeitweilige Dax-Minus mit charttechnischen Faktoren. Ein dritter vermutete, dass größere EuroStoxx50 -Verkaufsprogramme auf dem Futuremarkt die Indizes ins Minus gedrückt haben.
Andere verwiesen auf die auffallende Schwäche der Bankenwerte. So gaben Deutsche Bank. Commerzbank und auch Aareal Bank zeitweise kräftig nach. Händler führen das auf Berichte zurück, dass einige Banken die Mittel aus den Liquiditätsspritze der Europäischen Zentralbank vorzeitig zurückzahlen wollen.
Gerade die Bereitstellung zusätzlicher Liquidität hat eine sich anbahnende Kreditklemme in der Eurozone verhindert. Fast die gesamten Mittel haben die Banken aber bei der EZB geparkt. Das ist für die Banken teuer, da sie deutlich geringer verzinst wird als die 1 Prozent, die sie für die Aufnahme der Mittel zahlen müssen. Offenbar finden die Banken nicht genügend Anlagemöglichkeiten für das Geld. Die Kreditnachfrage in der Eurozone bleibt weiter schwach.
Doch andere Händler zweifelten an dieser Argumentation - zumal die Deutsche Bank betonte, das geliehene Geld erst am Ende der Laufzeit zurückzuzahlen. "Das ist lediglich die typische Reaktion: Tauchen die Sorgen um die Euro-Krise wieder auf, leiden automatisch die Finanzwerte", seufzte ein Börsianer.
Andere Händler hatten für die Ausschläge eine weitere Erklärung parat: den "Bundesbank-Schreck". Demnach hatte eine Fehlinterpretation von Bundesbank-Aussagen für den schnellen Kursrückgang im Dax gesorgt und den Index fast 100 Punkte vom Tageshoch zurückgedrückt.
Am Donnerstag hatte die Bundesbank mitgeteilt, als Sicherheit bei Refinanzierungsgeschäften keine staatlich garantierten Bankanleihen privater Gläubiger aus Griechenland, Irland und Portugal mehr zu akzeptieren. Das habe nun zu Gerüchten geführt, die Bundesbank würde keine portugiesischen Bonds mehr als Sicherheiten annehmen. Doch die Bundesbank stellte klar, dass Staatsanleihen von dem Schritt ausdrücklich nicht betroffen seien. Wahrscheinlich sei das Gerücht durch eine zu generalisierende Übersetzung ins Englische - in "Bonds" - ausgelöst worden, so ein Marktbeobachter.
China sorgt für Zuversicht
Dabei hatte der Tag mit Kursgewinnen begonnen: Der offizielle chinesische Einkaufsmanagerindex war im März auf den höchsten Stand seit elf Monaten geklettert – Analysten hatten mit einem Rückgang gerechnet. Der Index sorgt für Erleichterung, da der alternative - von HSBC berechnete Index - im März bei 48,3 Punkten liegt. Werte unter 50 signalisieren ein Schrumpfen der Wirtschaftsaktivitäten.
"Das dürfte die Furcht vor einer zu starken Abkühlung der chinesischen Wirtschaft wieder etwas abflachen lassen", schreibt IG Markets-Analyst Cameron Peacock. "Die Daten dürften für Risikoappetit und einen guten Start in das neue Quartal sorgen", sagt Mike Jones, Devisenstratege bei BNZ im neuseeländischen Wellington. Die Sorge um eine "harte Landung" der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt würden damit etwas zerstreut. Zuvor reagierten in der Nacht bereits die asiatischen Aktienmärkte positiv auf den Einkaufsmanagerindex. Auch die Preise für Industriemetalle zogen angesichts der offenbar weiter unter Dampf stehenden Wachstumslokomotive China an.
Flut von Einkaufsmanagerindizes
Am Vormittag sorgten Einkaufsmanagerindizes für das Verarbeitende Gewerbe des Euroraums im März für Unterstützung. Dabei handelte es sich um die zweiten Veröffentlichungen. Zunächst interpretierte die Börse die Daten positiv. "Vor allem, dass Italien weiter leicht zugelegt hat, sorgt für Beruhigung", sagt ein Händler. Die Vorzeichen hätten auf einen Rückgang gedeutet. In Deutschland ging die Abkühlung weniger stark zurück als erwartet, in Ländern wie Irland oder der Schweiz seien die Daten besser als erhofft ausgefallen. Lediglich Frankreich sei etwas deutlicher als erwartet nach unten revidiert worden, dies dürfte jedoch hauptsächlich am schwachen Automobilmarkt gelegen haben. "Per Saldo ist der von vielen erwartete Einbruch nicht gekommen - der Markt sollte kräftig zulegen", so ein anderer Händler. Doch er irrte sich.
Auf den zweiten Blick wurden die Daten unter dem Strich negativ gesehen. So merkten die Analysten von IHS Global Insight an, dass die Schwäche weit verbreitet gewesen sei. Lediglich in Irland und Österreich sei die Aktivität im Verarbeitenden Gewerbe nicht gesunken. Bedenklich stimme, dass sie in Frankreich so schnell wie seit 33 Monaten nicht mehr zurückgegangen sei. Insgesamt seien die Zahlen enttäuschend und verstärkten die Sorge, dass die Wirtschaftsleistung im Gemeinsamen Währungsgebiet im ersten Quartal gesunken sei. Nachdem das Bruttoinlandsprodukt im Schlussvierteljahr 2011 bereits um 0,3 Prozent gesunken sei, befände sich der Euroraum damit wieder in der Rezession.
Im späten Handel ging es dann wieder nach oben. Einige Börsianer führten das auf US-Konjunkturdaten zurück. Mit dem ISM-Index für März war der wichtigste Frühindikator besser ausgefallen als erwartet. "Der Index liegt komfortabel in der Expansionszone", so Ulrich Wortberg, Marktstratege bei der Hessischen Landesbank. Die erhöhte Beschäftigungskomponente spreche, wie schon die Entwicklung der Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, für einen robusten Aufbau neuer Stellen in der größten Volkswirtschaft der Welt.
"Es sieht nach einem größeren Kaufprogramm in Europa aus", meinte ein anderer Händler. "Der Markt ist brutal schwer zu fassen", sagte ein anderer.
Feiertage nahen
Nachrichten zu einzelnen Unternehmen waren Mangelware. "Gerade das verstärkt dann die Wirkung der Konjunkturdaten", mahnte ein Händler. Technisch sei der Dax jedoch zunächst weiter auf Erholungskurs. Gut unterstützt sei der Index bei 6900 Punkten.
Der Handel wurde wohl auch von Neupositionierungen zum Beginn des neuen Quartals geprägt. "Umgewichtungen und Sektorrotation dominieren", sagte ein Händler. Dies hänge stark von den individuellen Positionen der Marktteilnehmer ab, daher seien einheitliche Trends in Europa kaum erkennbar. Selbst innerhalb gesuchter Branchen wie Automobil oder Technologie gebe es oft Verlierer und Gewinner zugleich. Das Volumen sei jedoch in der Woche vor Ostern gering.
Viele Marktteilnehmer schienen bereits im Urlaub zu sein. "Wenn ich eine Mail rausschicke, kommt eine Menge schon mit Out-of-Office-Mitteilung zurück", so ein anderer Händler. Offen sei daher die Frage, wie nachhaltig Trends seien, die in dieser Woche aufgenommen würden.Im Dax führten Adidas die Gewinnerliste mit einem Plus von 4,3 Prozent an. Nach einer Kaufempfehlung der Deutschen Bank legten die Aktien der Deutschen Post 2,7 Prozent zu. Dagegen lagen Lufthansa mit 0,22 Prozent im Minus.
Außerhalb der Indizes rutschen die jüngst aus dem TecDax abgestiegenen Aktien von Q-Cells um 40,5 Prozent auf 13 Cent ab. Der ums Überleben ringende Solarkonzern muss wohl ohne staatliche Hilfen auskommen und Börsianer fürchten um den Konzern.
Das angekündigte Gebot der Deutschen Telekom für die Übertragungsrechte an der Fußball-Bundesliga zog Sky Deutschland im MDax tiefer ins Minus. Die Titel des Bezahlfernsehsenders verbilligten sich um 6 Prozent. "Die Telekom schafft jetzt Fakten, das ist negativ für Sky", sagt ein Händler. Dass Sky die Übertragungsrechte bei einem Erfolg der Telekom dann genauso wie andere Anbieter von dem Konzern erwerben müsse und nicht mehr exklusiv besitze, dürfte sich negativ auf Kosten und Gewinnmargen des Senders auswirken.
Im TecDax setzten Gigaset ihre Talfahrt fort und tendierten 5,8 Prozent im Minus. Schon Freitag - als der Telefonherstellers Unternehmen seine Zahlen und den Ausblick für das laufende Jahr vorgelegt hat – gaben die Papiere kräftig ab.
Quelle: n-tv.de