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Freitag, 09. Juli 2010

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Grimmige Gold-Gedanken

von Martin Morcinek

Philosophie, Demokratie und Teile der Mathematik entstammen allesamt Regionen mit hohen Sommertemperaturen. Kein Wunder also, wenn es nun auch hinter heimische Schläfen zu köcheln beginnt.

Von Natur aus mit einem langen Gesicht begabt: Der Esel, hier ein gewöhnlicher Equus Asinus asinus.
(Foto: [picture-alliance/ dpa])
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Neulich träumte dem Kollegen in einer gewitterreichen Sommernacht, er säße in einem Stall mit einem Esel, der auf märchenhafte Weise pures Gold statt Mist ins Stroh fallen ließ. Was für eine Überraschung: Das Glück war groß, das Leben einfach, der Reichtum schien unermesslich. Doch - wie so vieles im internationalen Rohstoffhandel - hatte auch die Sache mit dem Esel einen hässlichen Haken.

In Güte und Gewicht war das Gold unzweifelhaft echt, rein, schwer und gediegen. Allein die Form wich dann doch unangenehm weit vom Standardbarren ab, und auch die gelbe Farbe fehlte. Ein wüster Albtraum? Ein unverkäufliches Eselsprodukt? Immerhin: Die kiloschweren Edelmetallboller strahlten Unze für Unze Werthaltigkeit aus und vermittelten dem Eigentümer des Esels ein Gefühl von Sicherheit. Es soll sogar, berichtete der Träumer im kleinen Kreis, sogar wie Gold gerochen haben: Die Ankunft im sicheren Hafen? Seine Kollegen heuchelten Verständnis.

Damit es niemand verwechselt, gibt es den Prägestempel: Gold, hier in Form des Kilobarren.
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Auch im Stall kam es anders als erträumt: Allen eilig angestellten Tests und den Urteilen um Rat gefragter Experten zum Trotz habe der Markt die Nachricht vom Goldesel unfreundlich aufgenommen. Das stumpfe Märchengold sei wie Blei in den Regalen gelegen. Anleger hätten die Finger fest auf ihren Taschen gehalten, nur der Esel, das Wundertier, der habe vor Marktzuversicht geschrien.

Auch lange nach dem Erwachen noch, so berichtete der unglückliche Träumer nachdenklich, habe ihn die Frage durch den Tag begleitet, worin der Wert von etwas eigentlich bestehe. Ist es das begrenzte Angebot, ist es die Nachfrage? Kaufen die Menschen Gold wegen der Farbe?

Wer bestimmt den Preis?

Dem Mann muss geholfen werden. Der Griff ins Regal war reine Routine. "Wert", so heißt es in Meyers Lexikon, sehen die Wirtschaftswissenschaften in der "Bedeutung, die einem Gut im Hinblick auf die Bedürfnisbefriedigung beigemessen" werde. Aha. Der objektive Wert eines Gutes entspreche seinem Gebrauchswert, also der Verwendbarkeit des Gutes für einen bestimmten Zweck.

Geboren in Hanau, geehrt in Kassel, begraben in Berlin: Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gelten als Urväter der deutschen Sprachforschung.
(Foto: [picture alliance / dpa])
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Gablers Wirtschaftslexikon ergänzte verlässlich, "Wert" sei der "Ausdruck der Wichtigkeit eines Gutes, die es für die Befriedigung der subjektiven Bedürfnisse besitzt, wie sie sich etwa in seinem Nutzen und in der betreffenden Präferenzordnung des Wirtschaftssubjektes widerspiegelt."

Gebrauchswert, Tauschwert, Wirtschaftswert: Das, was die Märkte in Preisen ausgedrücken, basiert also stets auf den mehr oder weniger gut begründeten Ansichten von mindestens zwei Menschen, dem einen, der das Gold haben will, und dem anderen, der es loswerden möchte. Einer von beiden, so möchte man meinen, muss sich wohl irren.

Mit solcherart fundiertem Trost versorgt, ging der Kollege nach getanem Tagewerk in den Feierabend, nur um am nächsten Morgen von seinen neuesten Traumgespinsten zu berichten. Es träumte ihm, so hieß es, er habe seinen Esel an einen bisher wenig bekannten Zulieferer der Elektroindustrie verkauft, und das für 100 Mrd. US-Dollar. In anderen Zeiten, in den Tagen der Gebrüder Grimm, wäre diese und andere Geschichten noch ganz anders ausgegangen.

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