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Per Saldo: Angst vor der toten Katze

Springt die Katze aus freien Stücken - oder wird nachgeholfen?
(Foto: REUTERS / n-tv.de)

Freitag, 13. August 2010

Per Saldo

Angst vor der toten Katze

Nikolas Neuhaus

Mit einem Rekordwachstum meldet sich die deutsche Wirtschaft zurück. Begleitet wird die Schampuslaune von Gewinnsprüngen der großen Industriekonzerne. Es ist an der Zeit, etwas Wasser in den Wein zu gießen.

"Selbst eine tote Katze hüpft noch, wenn sie nur aus ausreichender Höhe fallen gelassen wird", heißt eine zynische Börsenweisheit. Wenn auf dem Parkett der Kurs einer Aktie auf dem steilen Weg in den Keller zwischendurch noch einmal kräftig anzieht, sprechen abgebrühte Händler deshalb vom berüchtigten "Dead Cat Bounce". Nicht nur Börsianer kennen dieses kurze Aufbäumen vor dem endgültigen Weg nach unten. Die Amerikaner fürchten etwa dieser Tage ein erneutes Abrutschen in die Rezession, den "double dip", doch auch die deutsche Wirtschaft sollte sich nicht in allzu großer Sicherheit wiegen.

Zugegeben, die jüngsten Wachstumszahlen sind beeindruckend. Um 2,2 Prozent ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal 2010 gewachsen, so stark wie nie im vereinigten Deutschland. "Wir erleben derzeit einen Aufschwung XL", entzückt sich Wirtschaftsminister Brüderle, "Das ist der Wahnsinn", attestieren sonst eher trockene Bankenvolkswirte. Ein Blick in die Bücher der großen Dax-Konzerne verrät, dass sich die Erholung auf breiter Front durch fast alle Sparten zieht: Maschinenbau, Stahlkocher, Autokonzerne. Lange ist es nicht her, da standen Unternehmen dieser Branchen gefühlt unmittelbar vor dem Abgrund. Heute sind sie jedoch nicht den sprichwörtlichen Schritt weiter, sondern – wie über eine Zauberbrücke – auf der anderen Seite des Jammertals gelandet. War es das mit dem Konjunktureinbruch? Ist die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression ausgestanden? Schön wär's, aber viel spricht nicht dafür.

Seifenblasen in China

Das größte Problem der deutschen Wirtschaft in dieser Erholung ist die hohe Abhängigkeit vom Export, der besonders stark am Schicksal der Konjunktur in Asien hängt. Insbesondere die wachsende Stärke Chinas spiegelt sich dabei in der Exportstatistik wider. War China 1990 mit Rang 27 in der deutschen Exportstatistik noch eine Randerscheinung, rückte das Land bis 2009 auf Rang 8 vor und war für beinahe jeden 20. umgesetzten Euro verantwortlich. Der gesamte Anteil Asiens am deutschen Export liegt sogar bei 14 Prozent.

So lange das Wachstumsmodell China funktioniert, gibt es für die deutsche Wirtschaft alle Hände voll zu tun. Doch bei allen faszinierenden Wachstumsraten entsteht in China derzeit, was wenige Jahre zuvor die weltweite Rezession auslöste: eine Immobilienblase, die sich gewaschen hat. Wie ernst die Lage ist, zeigen die jüngsten Versuche der chinesischen Regierung, Exzesse bei Immobilien zu verhindern. So sollen Investoren, die in Städten wie Peking, Schanghai oder Shenzhen mehr als zwei Immobilien besitzen wollen, dafür keinen Kredit mehr erhalten. In diesen Boomzentren kosten Apartments nicht selten das Zwanzigfache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Sollte es am chinesischen Immobilienmarkt zu Preiseinbrüchen kommen, würde das den dortigen Aufschwung abrupt bremsen - mit fatalen Folgen nicht nur für die Bevölkerung, sondern auch für die Weltwirtschaft und damit den deutschen Exportmotor. Ohne anhaltend hohes Wachstum in der Region verkaufen wir dort künftig weder so viele Maschinen noch so viele teure Autos - und das würden wir schmerzlich spüren.

USA und Europa schwach auf der Brust

Doch nicht nur China bereitet Sorgen. Auch die USA, einer unserer wichtigsten Handelspartner, scheint die Wende noch nicht geschafft zu haben. Die US-Notenbank musste jüngst ihren Ausstieg aus den Konjunkturhilfen stoppen, weil die schwache wirtschaftliche Entwicklung sich sonst noch verstärken würde und ein erneutes Abrutschen in die Rezession vorprogrammiert wäre. Doch auch vor der eigenen Haustür sind die jüngsten Indikatoren alles andere als rosig ausgefallen. In der Euro-Zone, in die Deutschland die meisten seiner Produkte verkauft, kam die Industrieproduktion am Ende des so erfolgreichen zweiten Quartals überraschend ins Stocken. Zum Vormonat sank die Produktion, obwohl Volkswirte mit einem deutlichen Plus gerechnet hatten. Zurückhaltend hatte sich zuvor bereits Europas oberster Währungshüter geäußert. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erwartet eine schwächere zweite Jahreshälfte. "Wir müssen vorsichtig bleiben. Ich erkläre den Sieg noch nicht", sagte er.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Es ist gut, dass deutsche Produkte überall auf der Welt so beliebt und gefragt sind. Doch das Wachstum in Deutschland ist mit dieser Exportorientierung auf Gedeih und Verderb auf die Weltkonjunktur angewiesen. Ein zweites Standbein, nämlich eine lebendige Inlandsnachfrage, ist nirgends in so weiter Ferne wie in Deutschland. Zwar macht die heimische Nachfrage mehr als die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus. Sie ist aber deutlich geringer als in anderen Industrieländern und verglichen mit der gesamten Wirtschaftsleistung auf dem Rückzug.

Als durch die weltweite Wirtschaftskrise 2009 die deutschen Exporte einbrachen, sackte die Wirtschaft um beispiellose 4,7 Prozent ein. Der Nachbar Frankreich mit einem deutlich geringeren Exportgeschäft kam deutlich besser davon, hier schrumpfte die Wirtschaft nur halb so stark. Was sagt uns das? Wir sollten alles daran setzen, unserer Katze genug Futter vor der eigenen Haustür zu bieten. Sonst macht der jüngste Sprung nicht lange Freude.

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Kommentare
Michael sagt:
13.08.2010 13:53

Vielen Dank für die treffende Analyse! Es handelt sich in der Tat um ein künstliches Wachstum ohne solides Fundament. Es ist finanziert aus gigantischen Schuldenprogrammen in aller Welt und einer massiven Verschleuderung von deutschen Steuergeldern durch ein völlig überzogenes Ausweiten von Kurzarbeit und absurden Subventionen wie der Abwrackprämie!


Mattes sagt:
13.08.2010 14:23

Der gigantische Knall kommt spätestens 2016 oder früher.


Thomas sagt:
13.08.2010 17:37

So ein Scheiß. Wieso kommt jetzt so ein blöder Aufschwung? Der Deutsche braucht doch schlechte Nachrichten. So, so...die Indikatoren. Es ist noch nicht lange her, da haben uns hochdekorierte Volkswirte mit Hilfe dieser Indikatoren den Weltuntergang prophezeit. Jetzt sollen wir Angst haben, weil wir so viel exportieren. Selbst mehr konsumieren macht aber kaum Sinn, denn wir haben ja schon fast alles wenn man das Allgemeinwesen betrachtet und blöderweise kaum Nachwuchs, der evtl. was kaufen könnte. Vor wenigen Monaten haben noch alle gehofft, dass genau dieses Chinas die Welt aus dem Sumpf zieht. Vor dem Platzen einer Immobilienblase in China habe ich weniger Sorgen als bei uns. Ein kleiner aber wichtiger Punkt wird bei aller Schwarzmalerei gern vergessen. China hat eine unglaubliche Sparquote von 35 und sitzt nicht zuletzt deshalb auf gigantischen Währungsreserven. Und wenn da der ein oder andere Wolkenkratzer leer rumsteht wird der eben wieder abgerissen. Diese Konsequenz schätze ich am Chinesen.


grenzer sagt:
13.08.2010 20:29

Wenn einer aufsteht, nachdem er gestürzt ist, dann ist das kein XL-Wachstum, Herr Bürderle!


Matze sagt:
13.08.2010 22:06

ich freue mich, dass ich Thomas recht geben kann. er trifft genau das, was ich mir auch gedacht habe. in der Krise und im Artikel wurde Deutschland für seine hohe Exportabhängigkeit kritisiert. wenn jetzt wieder die Gewinne sprudeln und in Frankreich und co nicht, dann soll man sich über die Exportabhängigkeit wohl auch nicht freuen dürfen?! ... unser Konsum im Bezug zum BIP ist vlt nicht so hoch wie in anderen Ländern, dafür ist er nicht in den Maßen kreditfinanziert USA, sondern konnte auch in der schlimmsten Krise seit langem erstaunlich konstant gehalten werden. sieht also nicht so schlecht aus wie uns immer wieder manche glauben lassen möchten. natürlich sind die Sorgen in China und den USA berechtigt, aber gibt ja auch noch andere die unsere Produkte abnehmen. zudem trau auch ich den Chinesen konsequentes Handeln zu wenn es notwendig ist.


Jochen Pfahl sagt:
14.08.2010 04:27

Es wäre in der Tat ein Fehler, die aktuelle Momentaufnahme der Konjunktur überzubewerten. Weshalb ausgerechnet der EZB-Präsident Trichet überhaupt die Begrifflichkeit von einem möglichen Sieg in den Raum stellt, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Griechlandkrise ist noch keineswegs überwunden, es ist eher zu befürchten, dass diese Angelegenheit noch schlimmer wird und hier Bürgschaften eingefordert werden, Spaniens Imobilienblase ist im Zuge des Sommerlochs auch kaum noch disktutiert worden und viele andere Euroländer wie Portugal und Belgien haben ebenfalls erhebliche Finanzprobleme. Gerade die EZB ist meines Erachtens für die Überschuldung der bisherigen Geberländer mitverantwortlich. Die wirtschaftsstrategische Ausrichtung der deutschen Industrie und Politik ist in der Tat sehr bedenklich. Ohne die USA als Wirtschaftsmortor läuft zumindest in Deutschland so ziemlich nichts. Das Beispiel Opel und der überzogenen Subventionen für GM haben es deutlich gemacht, von welchem Staat wir am meisten abhängig sind. Wenigstens hat Hr. Brüderle hier weiteren Subventionen gegenüber GM eine klare Absage erteilt. Als höchstproblematisch sind immer noch die Hedge-Fonds zu betrachten. Selbst wenn es in Europa oder in den USA zu den einen oder anderen Regulierungen kommt, wird sich das nicht zwingend auf die asiatischen Märkte auswirken und Zwischenlösungen und Lücken gibt es immer. Die G20-Gipfel, wo sich insbesondere Barack Obama als der grosse Regulator aufgespielt hat, erscheinen somit als reine Farce. Aber seien wir nicht allzu pessimistisch, auch wenn dieses Konjunkturzwischenhoch langsam an Fahrt gewinnt, schafft es zumindest erst einmal eine Erholung für die angeschlagene Wirtschaft. Jetzt kommt es aber darauf an, aus den subventionierten Geldern fundierte Ergebnisse abzuleiten. Wenn die Politik, was leider zu befürchten ist, wieder in das alte Schema zurückfällt, könnte der nächste Wirtschaftseinbruch in der Tat noch schwerwiegender sein.


Britt sagt:
14.08.2010 06:54

Kommentar zu Thomas. So so WIR haben ja alles? Ich brauche einen neuen Kühlschrank! Mein Fernseher ist auch schon 20Jahre alt und schwächelt! Eine Renovierung der Mietwohnung ist überfällig! Und selbst ikeamöbel halten nicht ewig,meine sind 25Jahre jung. Ich will sagen,BEDARF ist da,aber durch die LOhndrückerei,ist kein SPrung mehr drinn,es reicht für die UMkosten und für Lebensmittel,....PUNKT! Na ja,wir haben ja alles,auch wenn es teilweise durch Leim repariert wird!


franz-josef sagt:
14.08.2010 10:24

icn gehör derzeit zu den pessimisten, es liegt nicht allein in der hand er chinesen. die schlechte binnennachfrage ist doch hauptsächlich dadurch verursacht,daß der normale mensch im lande vielzu wenig verdient. niedriglöhne, lohndumping wo hin man schaut. ohne sozialversicherungspflichige jobs, gehen die sozialkassen pleite. hohe staatverschuldung, die jedes jahr mehr schulden macht. es dauert nicht mehr allzulang, da kann die zinslast, die der schuldenberg verursacht gar nicht mehr durch das steueraufkommen gedeckt werden. die reichen haben das land ausgeplündert. das geld wird via jersey verschoben, alles anonym die politik kann gar nix machen sind eh bloss marionetten siehe klimawandel, die lobbyisten schreiben ihre eigenen gesetze. meine devise lautet leben und leben lassen. aber davon ist unsere welt derzeit weit entfernt raubtiere an der macht die geschichte hat uns überhaupt nix gelehrt mfg franz-josef


Marc sagt:
14.08.2010 11:45

Wo soll denn die Inlandsfrage herkommen, wenn jedem der arbeitet sein Geld aus der Tasche gezogen wird und volkswirtschaftlich weniger wichtige Kapitaleinkünfte überdurchschnittlich gefördert werden? Das hat Herr Schröder nicht geändert und Frau Merkel noch schlimmer gemacht. So lange hier nicht endlich die Mitte spürbar entlastet wird, werden wir in Deutschland nie eine starke Inlandsnachfrage bekommen. Leider - es funktioniert ja auch so, damit kein Handlungsbedarf. Keine Partei will hier ernsthaft was tun...


Heinz sagt:
14.08.2010 20:49

.... zu diesem Argument mit der Exportabhängigkeit: Das ist Propaganda ausländischer Konkurrenz von geringerer Wettbewerbsfähigkeit - aus Ländern, in denen das Volk teilweise - wie in den PIIG-Staaten - weit über seinen langfristigen wirtschaftlichen Möglichkeiten konsumiert hat. Maschinenbauer, Stahlkocher, Autokonzerne sind nun Mal in zyklischen Branchen unterwegs und glücklicherweise weltweit stark. Dass für den Weltmarkt produziert wird, das verringert doch gerade die zyklischen Bewegungen - aus den gleichen Gründen, aus denen man auch sein Depot diversifizieren sollte. Die hauptsächlich für den Inlandsmarkt produzierenden, nichtzyklischen Unternehmen, die gibt es halt in D nicht mehr so oft - wozu auch, wenn man doch zusätzlich noch Geld mit Export verdienen kann. Natürlich werden jetzt die Gewerkschaften zu Recht satte Lohnerhöhungen fordern und durchsetzen. Aber an soll doch nicht glauben, dass man die Krise besser überstanden hätte, wenn die Löhne oder die Sozialhilfen schon 2008 erhöht worden wären ...