Dienstag, 06. Januar 2009
Kolumne von Raimund Brichta
Ziel 6000 plus
Wie weit kann sich der Dax noch erholen? Die Antwort darauf ist eindeutig: Er hat Platz bis in den Bereich 6000 bis 6200 Punkte. Das war die Unterstützungszone, die er in der Panik vom vergangenen Oktober durchbrochen hatte. Und es wäre durchaus normal, wenn er diese Zone wieder erreichen würde. Nicht sofort und in einem Rutsch, aber noch im Lauf dieses Jahres. Demnach hat der Dax also 20 bis 25 Prozent Potential!
Und danach? Nun, langfristig ist im vergangenen Jahr leider zu viel Porzellan zerschlagen worden, als dass man jetzt schon sagen könnte, das letzte Tief bei etwa 4000 Punkten wäre das tiefste in diesem Bärenmarkt gewesen. Im Moment ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass dieses Tief später noch einmal getestet und unter Umständen sogar UNTERBOTEN wird.
Werfen Sie einfach mal einen Blick auf einen ganz langfristigen Dax-Chart. Was Sie dabei sehen werden, ist furchteinflößend: zwei Spitzen bei rund 8000 Punkten - eine im Jahr 2000 und eine im Jahr 2007. Warum ist das furchteinflößend? Weil solche Doppel-Spitzen die unangenehme Eigenschaft haben, wahrhaft garstige Börsensignale zu sein. Signale dafür nämlich, dass die Talsohle ZWISCHEN den beiden Spitzen noch einmal erreicht wird. Und diese Talsohle lag bekanntlich bei 2200 Punkten!
Natürlich liefern solche Signale keine hundert Prozent sicheren Hinweise auf das, was tatsächlich folgen wird. Unsere Zukunft ist schließlich immer mit Unsicherheit behaftet. Aber immerhin lassen sie Aussagen über Wahrscheinlichkeiten zu: Da die Signale in der Vergangenheit in deutlich mehr als 50 Prozent der Fälle richtige Hinweise gegeben haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder funktionieren, ebenfalls mit deutlich über 50 Prozent anzusetzen.
In jedem Fall kann es also nicht schaden, spätestens dann vorsichtiger zu werden, wenn meine Zielzone "6000 plus" erreicht sein wird, und dann das Feld jenen zu überlassen, die bis dahin schon wieder gierig geworden sein dürften. Gewinne sichern und abwarten, könnte dann die Devise sein. Mit dieser Erwartung stehe ich - soweit ich es überblicke - im Gegensatz zur Mehrheit der Anlageprofis, die erst einen weiteren Rückschlag in Richtung 4000 Punkte (oder darunter) vorhersagt, bevor es wieder besser werden könnte. Aber sich auf etwas anderes festlegen, als es die Mehrheit tut, muss ja nicht immer falsch sein.
Apropos festlegen: Nur wer sich festlegt, kann daneben liegen. Mit diesen Worten hatte ich meine Dax-Prognose vor einem Jahr garniert - und ich hatte mich festgelegt: auf ein Dax-Plus von 10 bis 15 Prozent im Lauf des Jahres 2008. Nachdem ich in den drei Jahren davor mit meinen Prognosen ins Schwarze getroffen hatte (sogar jeweils punktgenau), lag ich diesmal also gründlich daneben. Und dies, obwohl sich ein anderer Teil meiner Erwartung hundertprozentig erfüllte: Dass nämlich US-Notenbankboss Ben Bernanke den Leitzins so tief schrauben und die Geldschleusen so weit öffnen würde, wie sich das vor einem Jahr noch kaum jemand vorstellen konnte. Nur haben die Aktienmärkte diese Geldschwemme nicht so umgesetzt, wie ich das damals erwartet hatte.
Dafür gibt es eine Reihe von Gründen, die ich hier nicht im Einzelnen erläutern will. Daneben ist daneben. Punkt. Wichtig ist nur, dass man nicht trotzig an seinen Erwartungen festhält, sondern dass man sie stets mit der Wirklichkeit abgleicht und auch anpasst, sobald neue Informationen vorliegen. Solche Informationen lagen schon ab Mitte/Ende Januar vor, und meine Erwartungen habe ich deshalb angepasst. Allerdings hätte es auch keinen Sinn gemacht, gleich nach dem ersten heftigen Einbruch zum Ausstieg zu blasen - schließlich folgen solchen Einbrüchen in der Regel ausgeprägte Erholungen. Und je mehr Zeit vergeht, desto mehr Informationen über die Börsenverfassung liegen vor, und desto klarer wird für mich das gesamte Börsenbild.
Deshalb habe ich gewartet, bis die ausgeprägte Erholung (die ja früher oder später kommen musste) ausgelaufen war. Anfang Juni war es dann soweit, und jeder, der meinem damaligen Rat zum Rückzug gefolgt ist, hat den Markt wenigstens noch bei etwa 6800 Dax-Punkten verlassen können - ein Niveau, das wir so schnell wohl nicht wiedersehen werden.
Im übrigen sind die damals von mir genannten kritischen Indexmarken von 6200 Punkten im Dax und von 11.700 Punkten im Dow Jones inzwischen n a c h h a l t i g durchbrochen worden, so dass der angerichtete Schaden nun auch längerfristig Bestand haben dürfte. Im Klartext: Bis auf weiteres rechne ich nicht damit, dass die Börsen wieder in
wirklich langfristige Aufwärtstrends einschwenken.
Schade, aber nicht zu ändern, meint Ihr
Raimund Brichta