Kolumnen

Kolumne von Raimund Brichta: Liebe Angela Merkel!

Die Finanzkrise hält Sie und Ihre Experten ganz schön in Atem. In Anbetracht der ernsten Lage möchte ich Ihnen heute einen Vorschlag machen, der über die kurzfristige Lösung der aktuellen Probleme weit hinausgeht. Denn egal, was Ihnen Ihre Experten auch raten, mit all ihren Ideen können nur die SYMPTOME behandelt werden und nicht die URSACHE.
 
Der Volksmund sagt, ein Problem müsse man an der Wurzel packen. Und das trifft es sehr genau. Wenn Ihre Topfpflanze trockene Blätter bekommt, nutzt es wenig, die Symptome zu bekämpfen und jedes Blatt einzeln zu befeuchten. Stattdessen gießen Sie an der Wurzel. Genau das sollten Sie auch in diesem Fall tun. Zugegeben: An den Blättern Ihrer Pflanze ist das Grundübel um ein Vielfaches einfacher zu erkennen und zu beheben als an den Symptomen, die Sie zurzeit in der Finanzwelt beobachten können. Trotzdem muss die Vorgehensweise die gleiche sein, nämlich der Sache auf den Grund zu gehen.
 
Gerade Sie als Physikerin dürften dies gewohnt sein. Unzählige Erfindungen wären nie gemacht worden, wenn nicht intelligente Menschen den Dingen auf den Grund gegangen wären. Diese Leute haben zum Beispiel darüber nachgedacht, wie Licht oder Wärme entstehen und welche Eigenschaften sie haben. Haben Sie sich, liebe Frau Merkel, aber schon einmal gefragt, wie GELD entsteht und welche Eigenschaften es hat? Und wenn Sie sich diese Fragen - wie die große Mehrheit der Bevölkerung - noch nie gestellt haben, warum eigentlich nicht?
 
Gerade, wenn Sie Antworten auf diese Fragen suchen, kommen Sie nämlich der Wurzel des Übels ein gutes Stück näher. Nun sind Sie natürlich Physikerin und Politikerin und können nicht überall Expertin sein - das ist klar. Aber fragen Sie doch bitte einmal Ihre Fachleute - den Finanzminister zum Beispiel oder den Bundesbank-Präsidenten. Wissen diese Herren, wie es funktioniert? Und können sie es Ihnen auch erkläre n? Zur Vorbereitung auf das Gespräch können Sie sich schon einmal den Artikel "Beim Geld geht es um die Wurst" durchlesen (siehe Link unter meinem Bild), damit Sie den Herren dann auch die richtigen Fragen stellen können:
 
Darin erfahren Sie, dass unser Geld ausschließlich von Geschäftsbanken, Sparkassen und Notenbanken gemacht wird, indem diese Kredite vergeben. Das heißt, die gesamte umlaufende Menge an Geld hängt nur vom Volumen an existierenden Bankkrediten ab. Ohne Kredite gibt es kein Geld.
 
Sie können sich das wie zwei nebeneinander liegende Swimming-Pools vorstellen, die miteinander verbunden sind: in dem einen die Kredite, in dem anderen das Geld. Beide sind zunächst leer. Und erst, wenn in den einen Pool der ers te Kredit hineinkommt, fließt in den anderen automatisch die gleiche Summe an Geld. Wird dieser Kredit später getilgt, muss die gesamte Summe aus dem Geldpool wieder herausfließen. Aber dann wäre der Pool ja leer, und es wäre nichts mehr da, mit dem man sich beim Bäcker noch ein Brot kaufen könnte - oder eine Maschine beim Fabrikanten, um damit eine Brücke zu bauen.
 
Folglich müssen in den ersten Pool, den Kredit-Pool, immer wieder neue Schulden hineinkommen, damit im anderen Pool genügend Geld da ist, um sowohl die fälligen Kredite zu tilgen als auch gleichzeitig die Wirtschaft am Laufen zu halten (Brot, Maschinen etc.). Wenn nun besonders viele Kredite aufgenommen wurden, wie in den vergangenen Jahren, hat das zur Folge, dass auch wieder besonders viele neue Kredite aufgenommen werden müssen, wenn die alten fällig werden. Und das gleich gilt, wenn die neuen fällig werden und so weiter ?.
 
Aber damit nicht genug, liebe Frau Merkel, denn Sie wissen ja, dass man für Kredite auch Zinsen zahlen muss. Das heißt, man muss insgesamt mehr zurückzahlen, als man aufgenommen hat. Manchmal - bei besonders langlaufenden Krediten - sogar mehr als das Doppelte. Wo soll aber das zusätzliche Geld herkommen? Klar, es kann nur aus zusätzlichen Bankkrediten stammen. Es muss also laufend neues Geld in Form von Bankschulden geschaffen werden. Und für die zusätzlichen Schulden müssen wieder Zinsen gezahlt werden, die noch mehr zusätzliche Kredite erfordern. Und so weiter und so fort...
 
Das hat zur Folge, dass die Mengen an zusätzlichem Geld und an zusätzlichen Schulden exponentiell wachsen müssen, um das System aufrecht zu erhalten. Was das bedeutet, können gerade Sie sich als Physikerin vermutlich gut vorstellen: Ein solches Wachstum kann nicht ewig fortgesetzt werden. Dieses System ist dazu verdammt, irgendwann in sich zusammenzubrechen, um dann wieder von "null" beginnen zu können. Anzeichen für den drohenden Zusammenbruch sehen wir jetzt. Und auch wenn sich der Zusammenbruch ein weiteres Mal verhindern lässt, wird damit nur der oben beschriebene Prozess wieder in Gang gesetzt, der unweigerlich in die nächste Krise führt.
 
Also lassen Sie sich bitte nicht von den Symptomen ablenken, sondern nehmen Sie die Ursache ins Visier: So, wie unser Geldsystem funktioniert, ist es nicht nachhaltig. Es kommt nicht aus ohne immer wiederkehrende Krisen oder gar Zusammenbrüche. Und selbst wenn die Zusammenbrüche nur in großen Abständen erfolgen, sind sie für die meisten Menschen, die jeweils zu diesen Zeiten leben, äußerst schmerzlich.
 
Das kann man als unvermeidlich hinnehmen, nichts tun und weiterhin nur an den Symptomen herumdoktern, sofern sie gerade auftreten. Man kann aber auch an der Wurzel ansetzen und sich darüber Gedanken machen, ob es bessere Alternativen gibt. Vielleicht bringt unser Forschungsdrang ja auch in dieser Hinsicht etwas Überlegenes zutage.
 
Deshalb schlage ich Ihnen vor, liebe Frau Merkel, Ihren langfristigen politischen Zielen für mehr Nachhaltigkeit (z.B. im Klimaschutz oder in der Energieversorgung) ein weiteres hinzuzufügen: das Ziel, ein nachhaltigeres Geldsystem zu schaffen. Vergeben Sie Forschungsaufträge und stellen Sie Expertengremien zusammen, die sich damit beschäftigen, wie unser Geld sicherer werden kann. Tun Sie bitte etwas, denn es gibt noch viel zu tun - über die aktuelle Symptombehandlung hinaus. Der Blick auf die Wurzel wurde bisher fast gar nicht geschärft, weil diejenigen, die das gegenwärtige System betreiben, auch prächtig daran verdienen.
 
Ich freue mich auf eine Antwort und grüße Sie herzlich
 
Ihr Raimund Brichta

Quelle: n-tv.de

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