Kolumnen

Raimund Brichta: Kalinikta Euro

Raimund Brichta

Griechenland ist nur der erste Dominostein, den die Spekulanten zu Fall bringen wollen. Telebörse-Moderator Raimund Brichta erklärt, was die Krise für den Euro bedeutet.

Raimund Brichta
Raimund Brichta

Es war so gut wie sicher, dass Griechenland die angebotene Milliardenhilfe der anderen Euroländer in Anspruch nehmen würde. Genauso absehbar ist, was dem Euro nun bevorsteht. Zunächst hat er sich zwar nur am Schuldenschlendrian in Athen angesteckt, auf lange Sicht dürfte er aber eine handfeste "Schweinegrippe" kriegen.

Griechenland ist nämlich nur ein erster Dominostein, den die großen Spekulanten dieser Welt zu Fall bringen wollen. In Wahrheit haben sie es auf alle "PIGS" abgesehen, also auf Portugal, Italien, Griechenland und Spanien. Sie alle, so die Erwartung, wird der Schlendrian früher oder später reif für die Schlachtbank machen. Und mit Ländern wie Irland stehen noch weitere Kandidaten auf der Liste. Damit ist fraglich, ob die Schweinegrippe beim Euro so glimpflich verlaufen wird, wie sie bei uns Menschen verlaufen ist.

Schließlich nutzen die Mega-Spekulanten nur einen Geburtsfehler des Euro aus. Den Fehler nämlich, dass er als Einheitswährung über eine viel zu große Zahl ungleicher Länder gestülpt wurde. Das kann auf Dauer nicht gut gehen. Eigentlich sollte das jeder Ökonomie-Student wissen, aber die wenigsten Politiker haben schließlich Ökonomie studiert. Und ihre Wirtschaftsberater scheinen gerade diese Vorlesungen geschwänzt zu haben.

Es gibt kein Ventil mehr

Am Beispiel Griechenlands wird dieser Fehler deutlich: Die Griechen leben schlichtweg anders als wir. Ihre Steuermoral ist noch schlechter als die unsrige, sie gehen früher in Pension und kassieren im Vergleich zu ihren Löhnen eine viel höhere Rente, um nur einige Unterschiede zu nennen. Na und? Das war schließlich schon immer so und bewirkte, dass die Griechen im Verhältnis zu uns eben mehr Schulden machten. Andererseits mochten wir sie doch gerade wegen ihres lockereren Lebensstils, oder? Jedes Land hat schließlich seine eigene Mentalität und muss zusehen, wie es damit zurecht kommt. Wichtig ist nur, dass es ein Ventil gibt, mit dem diese Unterschiede ausgeglichen werden können. Früher einmal gab es dieses Ventil. Es hieß Wechselkurs und erlaubte es den Griechen, ihre Drachme abzuwerten und damit für Druckausgleich zu sorgen. Das Gleiche galt für Escudo, Lira oder Peseta.

Das Ventil wirkte sogar in zwei Richtungen: Zum einen halfen die Abwertungen den Unternehmen dieser Länder, weil ihre Waren dadurch im Ausland billiger und damit wieder konkurrenzfähig wurden. Zum anderen wirkte es aber auch disziplinierend. Denn die latente Abwertungsgefahr führte dazu, dass Griechen, Portugiesen, Italiener und Spanier viel höhere Zinsen zahlen mussten als zum Beispiel wir Deutschen. Dadurch wurden sie immer wieder ermahnt, das Lotterleben nicht auf die Spitze zu treiben. Seit der Euro-Einführung gibt es das Ventil aber nicht mehr. Und damit sind auch seine heilsamen Wirkungen verschwunden - ja sie haben sich sogar ins Gegenteil verkehrt. Die PIGS wurden fortan nämlich mit Zinsen verwöhnt, die fast so niedrig waren wie bei uns. Das hatten sie noch nie erlebt, und es kam für sie einer Einladung zum Schuldenmachen gleich.

Fehlkonstruktion des Eurogebäudes

Die Politiker versuchten zwar, das Ventil durch einen Vertrag zu ersetzen. Aber es war dumm von ihnen anzunehmen, man könne mit ein paar simplen Paragraphen Ländereigenarten aus der Welt schaffen, die sich über Jahrhunderte entwickelt hatten und die zum Großteil kulturell bedingt sind. Eine dieser vertraglichen Abmachungen sieht zum Beispiel vor, dass ein Land, das zu viele Schulden macht, Strafe zahlen muss. Diese Regel lässt sich an Albernheit nicht überbieten, weil sie im Klartext bestimmt, dass die begangene Straftat zur Strafe noch einmal begangen werden muss. Denn wenn einem Schuldensünder Strafzahlungen auferlegt werden, dann wird er diese im Zweifelsfalle nur leisten können, wenn er noch mehr Schulden macht. Das ist etwa so, als wenn man einen Dieb dazu verurteilen würde, noch einmal zu stehlen.

Diejenigen, die jetzt gegen die PIGS spekulieren, nutzen solche Dummheiten einfach nur aus. Zugegeben, mit ihren Methoden sind sie dabei nicht zimperlich. Aber wer nur über die Praktiken dieser Großspekulanten lamentiert, übersieht die eigentlichen Ursachen. Sie liegen tiefer, nämlich in der Fehlkonstruktion des Eurogebäudes.

Damit ist auch klar, wie es weiter gehen wird: Die Politiker werden sich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass ihr Euro auseinander genommen wird. Also werden sie die PIGS mit Geld füttern - zuerst nur Griechenland, aber später auch die anderen. Eine Währungsunion zwischen so unterschiedlichen Wirtschaftsräumen hat nämlich nur dann überhaupt eine Überlebenschance, wenn die Schwachen Stütze kriegen von den Starken. Es muss also Geld fließen. Auch das gehört eigentlich zum ökonomischen Grundwissen, und auch dagegen haben die Politiker verstoßen, indem sie solche Hilfen per Abmachung verbieten wollten.

Sozialamt für die Schwachen

Also wird ihnen nichts anderes übrig bleiben, als die Stütze soweit wie möglich zu kaschieren. Im Fall Griechenlands ist das nicht mehr möglich, weil er für die Politiker "überraschend" kam und sie deshalb unvorbereitet traf. Auf längere Sicht ist aber schon ein "Europäischer Währungsfonds" angedacht, den man zum Verteilen dazwischenschalten könnte, also eine Art Sozialamt für die Schwachen. Noch besser wäre es allerdings, wenn man gleich eine einheitliche Regierung schüfe, die über allen Euromitgliedern säße. Denn dann könnten die Almosen noch geräuschloser organisiert werden. Genauso etwa wie in Deutschland seit Jahrzehnten Geld von den starken Bundesländern zu den schwachen fließt, ohne dass die Öffentlichkeit größere Notiz davon nimmt.

Die U.S.E., die Vereinigten Staaten von Europa, die dafür nötig wären, sind auf absehbare Zeit jedoch nicht zu erwarten. Deshalb wird sich die Stütze auf Dauer auch nicht vor der Bevölkerung der starken Länder rechtfertigen lassen. Das wiederum wird zur Folge haben, dass der Euro irgendwann auseinander brechen wird, und zwar in mindestens zwei Teile: in einen starken "D-Mark-Block" und eine schwache "PIGS-Gruppe". Eine Rückkehr der D-Mark ist dafür nicht zwingend, aber auch nicht auszuschließen.

Doch bis es soweit ist, wird es noch eine Zeitlang dauern. In der Zwischenzeit können wir uns über Euro-Leiden wie die Schweinegrippe sogar freuen. Denn für die deutsche Wirtschaft, die hauptsächlich vom Export lebt, sind sie wie ein Geschenk der griechischen Götter. Sie wirken wie Konjunkturprogramme, indem sie "made in Germany" auf dem Weltmärkten billiger machen. Und da dort die Qualität unserer Waren ohnehin einen ausgezeichneten Ruf genießt, sind auch wir es, die von diesem Preiseffekt am meisten profitieren. Unsere Exporteure haben also allen Grund, auf dem Athener Schuldenberg Syrtaki zu tanzen. Kalimèra!

Quelle: n-tv.de

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