Kolumnen
Raimund Brichta, n-tv Telebörse
Raimund Brichta, n-tv Telebörse(Foto: n-tv)

Raimund Brichta: Ein nächtlicher Raubzug

von Raimund Brichta

Nach dem Schuldenschnitt in Griechenland folgt in Zypern der nächste Staats-Streich: Um das Land vor der Pleite zu bewahren, soll das Land einen Teil der privaten Bankguthaben im Land einkassieren. Für Telebörse-Moderator Raimund Brichta kommt die Nacht-und-Nebel-Aktion wenig überraschend.

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Stellen Sie sich vor, Sie wachen morgens auf und bemerken, dass jemand von all Ihren Bankkonten zehn Prozent Ihres Geldes geklaut hat. Sie würden natürlich sofort zur Polizei gehen, damit diese den dreisten Räuber möglichst schnell dingfest macht. Was ist aber, wenn die Polizei sagt: "Tut uns leid, der Dieb ist unser Arbeitgeber, nämlich der Staat. Der ist momentan etwas klamm und braucht das Geld dringend. Sie kriegen es also nicht zurück."

Bis gestern hätte man dies allenfalls für einen schlechten Traum gehalten, heute ist es Wirklichkeit. Und zwar nicht in irgendeiner weit entfernten Bananenrepublik, sondern in Zypern und damit immerhin in einem Land der EU. Angestiftet wurde dieser nächtliche Raubzug von den Finanzministern der Eurozone - ohne Vorankündigung versteht sich, denn ansonsten hätte ja jeder Bürger seine Bankkonten noch rechtzeitig selbst leer räumen können. Oder besser: Er hätte es zumindest versucht, denn unter diesem Ansturm wären die Banken des Landes mit Sicherheit zusammengebrochen.

Auch wenn es also nichts anderes als ein Geldraub ist, wird es doch nicht so genannt, sondern man nennt es verschämt "Solidaritätsgebühr". Eine solche Gebühr wird ein Staat doch wohl noch erheben dürfen - und sei es über Nacht! Klar darf er, ein Staat darf im Prinzip alles, sofern er es in die Form von Gesetzen oder Verordnungen gießt. Trotzdem dürfte dieser Raub immer mehr Bürgern die Augen dafür öffnen, auf welchem Weg sich die EU und die Eurozone inzwischen befinden.

Auch wir sollten uns nicht in Sicherheit wiegen und meinen, es träfe ja nur die Zyprioten und ein paar Ausländer, die Geld auf der Insel deponiert haben - vermutlich sogar Schwarzgeld. Heute trifft es zwar tatsächlich nur sie, aber morgen könnte es auch uns treffen.

Ich will darüber gar nicht lamentieren, sondern nur Ihren Blick schärfen für das, was noch vor uns liegt - verhindern können wir es ohnehin nicht. Schließlich lassen sich die Schulden fast aller Länder, also auch die deutschen Staatsschulden, letztlich nur dadurch reduzieren, dass auf der anderen Seite Vermögensbesitzer enteignet werden. Ob man dies dann Schuldenschnitt, Solidaritätsgebühr, Währungsreform oder sonst wie nennt, ist unerheblich. Im Falle Zyperns durften es die Politiker zum Beispiel nur deshalb nicht Schuldenschnitt nennen, weil sie versprochen hatten, es werde keinen zweiten Fall Griechenland geben. Das Ergebnis ist aber letztlich dasselbe.

Und noch etwas macht dieser Raubzug deutlich: Es gibt ein allgemeines Bestreben - auch der Staaten -, Bargeld im täglichen Gebrauch immer weiter zurückzudrängen. Dahinter steckt mehr, als dazu offiziell gesagt wird. Denn eine Nacht-und-Nebel-Aktion wie diese wäre mit Bargeld schlichtweg nicht möglich gewesen. Unter diesem Blickwinkel bekommt der Spruch "nur Bares ist Wahres" eine neue Bedeutung,

meint Ihr

Raimund Brichta

P.S. Sie mögen noch einwenden, ohne diese Aktion wären die zypriotischen Banken und ihre Regierung eben pleite, dann säßen die betroffenen Geldvermögensbesitzer auf noch höheren Verlusten. Das ist zwar vollkommen richtig, ändert aber nichts an den geschilderten Zusammenhängen. Es untermauert vielmehr meine Erwartung, dass jedem Abbau von Staatsschulden - welchen Weg man dabei auch immer beschreiten mag - ein Abbau von Geldvermögen gegenüberstehen wird.

Quelle: n-tv.de

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