Kolumnen

Raimund Brichta blickt zurück: Ein Dämpfer zum Jahresende

Eine Kolumne von Raimund Brichta

Der Frankfurter Aktienmarkt schließt das Jahr mit einem satten Plus ab. Ist also alles eitel Sonnenschein an der Börse? Nein, durchaus nicht.

Eigentlich lief 2015 an der Börse vieles wie erwartet: Der Dax erreichte schon im März die Marke von 12.000 Punkten, die ich im Januar als Pflichtziel vorgegeben hatte. Als dann die Stimmung drehte und die Kurse im August auf ein Paniktief fielen, ging ich zu Recht davon aus, dass auf diesem Kursniveau das Schlimmste überstanden sei. Allerdings musste ich mir dafür auch heftige Kritik anhören. Im Oktober schließlich lag ich mit meiner Erwartung einer substanziellen Kurserholung im letzten Quartal des Jahres ebenfalls nicht vollkommen daneben.

Nur einmal war ich etwas voreilig, als ich schon Anfang August ein Ende der Korrektur für möglich hielt. Das war mindestens drei Wochen zu früh. Aber mit vorübergehenden Kursabweichungen muss man als Navigator immer rechnen, und deshalb kann ich damit leben. Dazu kommt, dass der Dax trotz aller Turbulenzen derzeit ein Jahresplus von rund 10 Prozent aufweist. Auch das ist nicht schlecht.

Eigentlich könnte ich mich also zufrieden zurücklehnen und das Jahr abhaken. Eigentlich. Die letzten Wochen haben mich jedoch vorsichtiger werden lassen. Es gab nämlich einen auffälligen Dämpfer, der die Kurserholung ins Stocken brachte. Was aber war die Ursache?

Super Mario war’s nicht

Moderiert bei n-tv die "Telebörse": Raimund Brichta.
Moderiert bei n-tv die "Telebörse": Raimund Brichta.

Viele hatten zunächst EZB-Chef Mario Draghi als Schuldigen im Visier. Denn just nach der Entscheidung, die Geldschleusen länger offen zu halten als ursprünglich geplant, setzte ein erster Abwärtsschub die Aktien unter Druck. Der Markt hätte mehr erwartet, hieß es dann überall zur Begründung. Dabei ging man aber eher nach dem Motto vor: Die Kurse fallen, also suche ich mir dafür eine passende Begründung. Denn im Großen und Ganzen hat Super Mario das geliefert, was er zuvor versprochen hatte.

Oft war in den Börsenkommentaren aber noch eine andere Begründung für den Kursdämpfer zu lesen: Der Ölpreis falle, und dies deute auf eine bevorstehende Konjunkturschwäche hin. Tatsächlich gehört der anhaltende Ölpreisrutsch zu den Top-Ereignissen des zu Ende gehenden Börsenjahres. Wer aber unterstellt, die Richtung des Ölpreises sei ein Indikator für die künftige Konjunkturentwicklung, muss die letzten Jahre verschlafen haben. Sonst wäre ihm unschwer entgangen, dass der Ölpreis zum Beispiel bis Mitte 2008 rasant anstieg, obwohl noch im selben Jahr eine Rezession begann. Ihm wäre auch nicht entgangen, dass der aktuelle Ölpreisrutsch schon seit anderthalb Jahren anhält, sich seither aber keine Rezession einstellt. Kurzum: Den Ölpreis auf diese Weise als Konjunkturindikator einzusetzen, halte ich für abwegig.

Ölmarkt mit Wasserkopf

Der Ölpreis steigt und fällt vielmehr aus einem ganz anderen Grund: Hauptsächlich wegen der riesigen Summen, die Anleger und Spekulanten an den Ölterminmärkten bewegen. Ihre Geschäfte haben sich von der realen Angebots- und Nachfragesituation beim Öl längst abgekoppelt. Sie sind wie ein riesiger Wasserkopf, der auf den Ölmarkt aufgepfropft ist.

Um das zu erkennen, genügt ein Blick auf die Statistik, die zeigt, wie viel Öl tatsächlich gefördert und verbraucht wird: In den vergangenen 15 Jahren sind sowohl das reale Angebot als auch die reale Nachfrage um durchschnittlich 1 bis 2 Prozent pro Jahr gestiegen. Eine gemächliche Entwicklung also. Was aber hat der Ölpreis in dieser Zeit gemacht? Er stieg zunächst um mehrere hundert Prozent, um sich danach zu dritteln, wieder zu verdreifachen und anschließend erneut zu dritteln. Das alles, während sich Angebot und Nachfrage stetig und nur im kleinsten Prozentbereich veränderten.

Somit steht fest: Die horrenden Preisschwankungen werden ausschließlich durch virtuelles Angebot und virtuelle Nachfrage am Finanzmarkt für Öl verursacht. Die dort vorherrschenden Trends werden zwar mit Argumenten befeuert, die sich auf den realen Markt beziehen. Die Finanzakteure kreieren damit aber nur eine Scheinwelt, die suggeriert, sie wäre die Realwirtschaft. Tatsächlich ist sie bloß ein Zerrbild derselben.

Warnsignale am Kreditmarkt

Zurück zum Aktienmark: Wenn also weder Mario Draghi noch Ölpreis und Konjunktur Schuld am letzten Dämpfer waren, wer oder was war es dann? Auffällig war in den letzten Wochen, dass die New Yorker Börse streckenweise zu besonderer Schwäche neigte. Hier beobachtete ich Signale, die nahelegen, dass Großinvestoren verstärkt verkauften. Warum aber taten sie das ausgerechnet in einer Jahreszeit, in der viele von ihnen eigentlich an steigenden Kursen interessiert sind, um zum Jahreswechsel eine gute Performance vorweisen zu können? Verkaufte man da etwa unfreiwillig, um Löcher an anderer Stelle zu stopfen?

Bekannt ist, dass die Lage am Markt für Anleihen weniger kreditwürdiger Schuldner angespannt ist. Zum Beispiel bei Ölfirmen, denen der niedrige Ölpreis zu schaffen macht. Kündigen sich also größere Probleme an den Kreditmärkten an? Oder sogar eine neue Finanzkrise? Und das ausgerechnet zu einer Zeit, zu der die US-Notenbank mit ihrer Zinserhöhung die Finanzkrise offiziell für beendet erklärt hat?

Jedenfalls könnte der Ölpreisverfall über diesen Umweg dann auch die Aktienmärkte in größere Schwierigkeiten bringen. Wie groß die Gefahr ist, wird Thema meines Börsenausblicks sein, der Anfang Januar folgt. In der Zwischenzeit können Sie gerne hier mit mir diskutieren.

Einen angenehmen Jahreswechsel wünscht Ihnen Ihr

Raimund Brichta

Quelle: n-tv.de

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