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Raimund Brichta, n-tv Telebörse
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Raimund Brichta: Die Wahrheit über Schulden

Der Streit über Regierungshaushalt und Schuldengrenze in den USA hält viele in Atem. Er scheint vor allem jene zu bestätigen, die einen Schuldenabbau fordern. n-tv-Moderator Raimund Brichta hält dagegen: Staatsschulden können gar nicht nachhaltig abgebaut werden, meint er, zumindest nicht auf reguläre Weise. Warum, beschreibt er in seinem neuen Buch "Die Wahrheit über Geld". Diese Wahrheit beinhaltet für ihn auch ...

... die Wahrheit über Schulden

Deutsche Politiker sind stolz auf ihre sogenannte Schuldenbremse. Sie hat zwar noch gar nicht unter Beweis gestellt, ob sie wirklich funktioniert, aber wenigstens aus der Ferne betrachtet – sie soll ja erst 2019 richtig greifen – macht sie etwas her. Allerdings reicht schon ein Blick in die USA, um zu begreifen, dass sie wohl niemals greifen wird.

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In den Vereinigten Staaten gibt es eine Schuldenbremse nämlich schon seit Langem. Dabei meine ich nicht die gesetzlich festgelegte Obergrenze für den staatlichen Schuldenberg. Dieser Deckel wird einfach immer dann angehoben, wenn er erreicht ist. Nein, ich meine ein Gesetz, das in den 80er Jahren von den damaligen Senatoren Gramm und Rudman initiiert worden war und das für einen ausgeglichenen Haushalt sorgen sollte.

Vermutlich haben Sie noch nie etwas von diesem Gesetz gehört. Richtig? Dabei machten die amerikanischen Politiker damals genauso viel Brimborium darum wie jetzt unsere Regierenden um die Schuldenbremse. In den USA traten die Bestimmungen 1985 in Kraft und wurden 1987 noch einmal überarbeitet. Damals lagen die US-Bundesschulden bei etwa 2,3 Billionen Dollar, inzwischen sind es fast 17 Billionen. Sie haben sich seither also mehr als versiebenfacht. Was für eine Bremse! Oder war es doch eher ein Gaspedal?

Bei näherer Betrachtung wird auch klar, warum eine solche Bremse gar nicht funktionieren kann. Denn die Staatsschulden sind ein wichtiger Bestandteil der gesamten Schulden, die wiederum eine unverzichtbare Voraussetzung sind für unser Geldvermögen. Ja, Sie lesen richtig: Unserem Geldvermögen auf der einen Seite müssen zwangsläufig ebenso hohe Schulden gegenüberstehen. Sonst gäbe es das Geldvermögen nicht. Wenn zum Beispiel Millionen von Sparern Jahr für Jahr in Versicherungen investieren, um fürs Alter vorzusorgen, basiert ihr wachsendes Vermögen zu einem großen Teil auf den wachsenden Schulden anderer – zum Beispiel des Staates in Form von Staatsanleihen.

Erst kürzlich meldete die Allianz, dass das weltweite Geldvermögen auf Rekordhöhe gestiegen sei - trotz der Schuldenkrise, hieß es dann oft in Kommentaren. Dabei ist dies gar kein Gegensatz, sondern eher eine logische Konsequenz. Zu dieser Seite der Medaille hat die Allianz aber nichts gesagt: Wenn das Geldvermögen wächst, was wir alle wünschen, müssen auch die Schulden wachsen.

Und jetzt stellen Sie sich vor, die Schulden würden in größerem Umfang abgebaut. Wie sollte das geschehen, ohne gleichzeitig auch die Geldvermögen anzugreifen? Ein Ding der Unmöglichkeit! Sinkende Staatsschulden zögen vielmehr auch schrumpfende Geldvermögen nach sich. Es sei denn, private oder ausländische Schuldner würden für den Staat in die Bresche springen und sich ihrerseits noch mehr verschulden. Aber das ist unrealistisch, weil auch die privatwirtschaftlichen Schulden schon jetzt teilweise exorbitant hoch sind.

Trotzdem hört man immer wieder Leute, die sich für einen staatlichen Schuldenabbau stark machen. Es ist eben einfacher zu fordern "raus aus den Schulden!", als zu verlangen "Weg mit eurem Vermögen!" Man nimmt solche Menschen ernst und lädt sie in Talkshows ein, wo sie mit wichtiger Miene einem Millionenpublikum erklären dürfen, was ihrer Meinung nach zu tun ist. Leute, die für einen Vermögensabbau eintreten, hört man dagegen kaum. Nur manchmal – und dann eher aus der linken Szene, der es dabei aber hauptsächlich um das Geld der Reichen geht. Allerdings nimmt man diese Menschen in der Regel nicht so ernst wie die anderen, die den Schuldenabbau fordern - obwohl beide Appelle dieselbe Wirkung hätten, würde man sie befolgen.

Die Devise 'raus aus den Schulden' mag also für den Einzelnen sinnvoll sein – für die Masse der Vermögensbesitzer ist sie es nicht, meint Ihr

Raimund Brichta

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Quelle: n-tv.de

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