Freitag, 20. Mai 2011
Frank Meyer
Nix los in der toten Hose
Unser Börsenreporter Frank Meyer verabschiedet sich vom Frankfurter Parketthandel - oder von dem, was noch davon übrig war. Aber er ist sich sicher: Auch künftig wird er nicht alleine dastehen, wenn die Kameras angehen.
Vielleicht ist die Überschrift angesichts der Geschehnisse an der Spitze im IWF etwas irreführend, beschreibt sie aber doch treffend den Frankfurter Parketthandel, oder das, was davon noch übrig geblieben ist. Am Freitag nach Handelsschluss wird diese Institution begraben, obwohl die Beerdigung schon früher stattgefunden hat. Alles neu macht dann der Mai…
Machen wir uns nichts vor, der Geist der Börse hat mit dem Einzug des Computerhandels XETRA das Haus fluchtartig verlassen. Der Computerhandel bestimmt inzwischen die Frankfurter Börse zu rund 95 Prozent. Man kann aber sagen, die Börse ist inzwischen das größte Fernsehstudio Deutschlands geworden, wo zweitweise mehr Börsenreporter ihrem Dienst nachgehen als Händler auf dem Parkett. Manchmal hat man den Eindruck, die Händler sind inzwischen nur noch Statisten in einem vor wenigen Jahren noch mit Millionenaufwand renovierten Börsensaal samt neuem Parkett. Hin und wieder bearbeiten sie vielleicht nur aus Versehen aufs Parkett geschickte Orders. Am Montag ist damit Schluss. Dann bestimmen nur noch die Computer den Handel mit Aktien und Anleihen. Im Rentenhandel ist es eine Revolution, sagt ein Anleihehändler. Die Deutsche Börse nennt den Umzug "Migration". Sind die Händler deshalb Migranten?
Nein. Künftig heißen die Makler "Xetra-Spezialisten", was gut klingt, wenn man sich einem Unbekannten vorstellt. Und es klingt auch etwas zeitgemäßer, wenn man die alten, aus den 90er Jahren stammenden Systeme abgeschaltet hat und dann auf dem hochmodernen "Xetra2" handelt. Die Deutsche Börse ist aber auch weiterhin auf die Kosten verursachende Händler angewiesen, denn…
Attraktive Kulisse
…ohne Kulisse sieht das Parkett ziemlich tot aus. Kameras brauchen sich bewegende Lebewesen, wenn sie vom sogenannten Treiben unter der DAX-Tafel berichten. Zum anderen werden auf dem Parkett rund 38.000 Wertpapiere gehandelt, davon 10.000 Aktien. Doch in nur rund 500 Werten läuft das Computersystem "Xetra" auch ohne das unbedingte Zutun menschlicher Hände. Hier kommen künftig die "Spezialisten" ins Spiel, die für Liquidität sorgen, indem sie Papiere auf das eigene Buch nehmen oder Aktien vorschießen. Damit gehen sie künftig stärker ins Risiko. Sie könnten ihren Job auch von jedem Platz der Welt aus erledigen, doch das ist von der Börse nicht gewollt. Für die Xetra-Spezialisten besteht Präsenzpflicht auf dem Parkett. Damit wäre das Problem mit den Statisten auch gelöst.
Ohne die Händler wird es ziemlich ruhig an der Börse werden (Bild: Karneval auf dem Parkett)
(Foto: dapd)
Es gibt weitere Dinge, die sich ändern werden: Statt der bisherigen Courtage wird die Deutsche Börse künftig eine Gebühr (fee) an die Händler zahlen, die geringer als bislang ausfallen wird und an Bedingungen geknüpft ist. Händler kritisieren, dass sie größere Risiken eingehen müssen, aber trotzdem schlechter bezahlt werden. Vermutlich ist das ein nicht ganz unwichtiger Grund, auch aus Kostengründen den Handel umzustellen. Und ein zweiter Punkt ist wichtig: Wenn alles auf "Xetra2" umgezogen ist, haben auch internationale Händler direkten Zugriff auf die neue elektronische Handelsplattform, was zusätzliche Liquidität in den Handel bringt.
Endlich effizient!
Anlegern wird ein effizienterer Handel versprochen. War er dies bislang etwa nicht? Preise sollen schneller und besser werden, so die Deutsche Börse AG. Das ist nett, doch wahrscheinlich geht es auch um ihren stetig schrumpfenden Marktanteil, seit außerbörsliche Handelsplattformen vom Börsenbetreiber die Umsätze absaugen. Große Jungs handeln inzwischen auch auf anderen Plattformen wie Chi-X und Turquoise.
Der kleine Anleger fragt sich, was er vom neuen System hat. Ist ein Cent-Vorteil bei An– und Verkaufskursen ein wirklicher Vorsprung im Markt, einer Angelegenheit, die inzwischen vom Hochfrequenzhandel und hirntoten Computerprogrammen bestimmt wird? In den USA entscheidet die Länge der Datenleitung zur Börse, wie schnell Mio. Orders in einer Nanosekunde die Systeme überfluten, sich vor die besten Preise setzen können und mit Zehntel US-Cents Preisunterschied die Börse auslutschen – alles legitim. Diese Zukunft blüht wahrscheinlich später auch hierzulande. Börsenhandel hat heute mehr mit Mathematik und Programmierung zu tun als mit Logik. Im Fachjargon werden die Computerprogramme, so wirr sie erscheinen, auch "Daddelmaschinen" genannt.Kein Wunder, wenn heute die Kurse öfters Nachrichten machen und nicht umgekehrt. Wer als Daytrader so gegen die Wand fährt, ist selbst daran schuld. Seltsamerweise gehen die meisten von ihnen nach einem Jahr pleite.
Handeln rund um die Uhr?
Und noch etwas Neues gibt es ab dem 1. Juni – längere Handelszeiten. Dann soll die Börsenglocke eine Stunde früher läuten. Macht es die Anlegerwelt besser? Zumindest verteilt sich dann der Umsatz auf eine größere Stundenzahl. Die Daddelmaschinen werden sich über weniger Leerlauf freuen. Warum eigentlich nicht die Börse rund um die Uhr öffnen? Hochfrequenzcomputer müssen weder auf die Toilette noch brauchen sie Pausen. Kann ja noch kommen.
Die "neue Börse" mit schnellen Kursen, geringen Gebühren und guten Preisen ist sicherlich anlegerfreundlich – den halben Tag lang kann man sich mit entsprechendem Kleingeld dort austoben. Wenn es die Leute für ihr Glück oder ihren Anlagenotstand brauchen? Letztlich verbessert nur die Börse unter einem gewissen Druck ihr Angebot. Die Tür der verkleideten Götter und Teufel sind sowohl für Investoren, Möchtegerne, Dummköpfe und Strategen offener denn je. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob man die ganzen Einladungen annimmt.