Montag, 02. November 2009
Frank Meyer
Boom der Wortgespenster
Frank Meyer
Was würde wohl Konrad Duden sagen, wenn er all unsere neuen modernen Wortkreationen sähe? Er würde wohl nach Luft schnappen, sich unwohl fühlen und sich vor den nächsten Worthülsen fürchten, die sein Buch verschmutzen könnten.
Von Schattenbilanzen war die Rede, gleich nach der Verankerung der Schuldenbremse, an der man den Hebel zum Betätigen vergessen hat. Haushaltswahrheit und Haushaltsklarheit sind mindestens so verräuchert wie Konjunkturprogramm und Umweltprämie. Diese Begriffe ärgern und erheitern zugleich. „Bildungsgutschein“ ist das neueste Buchstabenmonster aus der politischen Nebelküche, angelehnt an den damals heiß diskutierten „Konsumgutschein", garniert mit dem zynischen Kommentar eines Berliner Bezirksbürgermeisters, dass Bildungsgutscheine auch zum „versaufen“ taugen. Wie viel an staatlicher Beihilfen (Kindergeld, Elterngeld) werden heute für die täglichen Ausgaben zweckentwendet oder dienen Alltäglichkeiten? Notfalls kann man davon auch mal in den Urlaub fahren.
Letzte Woche wurde das „Wirtschaftsbeschleunigungsgesetz“ mit einem lauten "Hurra!" begrüßt. Was kommt als Nächstes? Wachstumsgesetz, Stabilisierungsdekret, Nachhaltigkeitsfonds, Rentnergeld, Haushaltsentlastungsfonds, Ökosoli oder CO2-Vermeidungskasse? Bunt angerichtet und appetitlich gereicht mit einer Salve aus „sollen“, „müssen“ und „angestrebt“ garantieren diese Worte kryptomanischen Spaß der Extraklasse, aber kein Weiterkommen. Verbal wird scharf ins Nichts geschossen, mit Wortdecken um sich geworfen, die Schwierigkeiten zudecken sollen. Zum Glück sieht das der Herr Duden nicht. Gott sei Dank, wollte er schnell noch sagen...
Egal, wie es heißt: Sparen ist angesagt
Wir kommen nicht drum herum. Wir werden sparen. Nicht, dass wir es wollen. Wir werden es müssen- jeder für sich.
Ich glaube nicht, dass sich Grundlegendes ändern wird. Dass es keine großen Würfe aus Berlin geben wird, hat Finanzminister Schäuble eindeutig gesagt und die FDP an die Wand gedrückt. Es gibt’s nichts zu verteilen, nur das Nötigste. Und das ist schon zuviel. Umso mehr spielen Aufmerksamkeit und Eigenvorsorge eine größere Rolle. Weniger ausgeben, als man einnimmt und Sparen in der richtigen Form. Gleichzeitig die Versprechungen hinterfragen und nicht auf jede gleich hereinfallen, scheint angesichts der Schwierigkeiten kein schlechter Weg zu sein. Vor zwei Jahren schrieb ich hier „Ausschau halten nach Schwierigkeiten“. Hier sind sie.
Menschen orientieren sich zu 20 Prozent an ihrem Kopf- und zu 80 Prozent an ihrem Bauchgefühl. Wer erfolgreich andere über den Tisch ziehen will, muss an die 80 Prozent im Bauch heran und genau dort wildern. Das sind die ersten Lektionen angehender Verkäufer aus Wirtschaft und Politik. Am Bauch setzen erfolgreiche Manipulationen an, die später erst durch den Verstand auffliegen – spät, zu spät - oder nie.