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Bundeskanzlerin Merkel und Vergleiche mit Nazi-Deutschland: Südeuropa steckt in der Wirtschaftskrise und die angeblich Schuldigen sitzen in Berlin. Oder doch in Wolfsburg und München?
Bundeskanzlerin Merkel und Vergleiche mit Nazi-Deutschland: Südeuropa steckt in der Wirtschaftskrise und die angeblich Schuldigen sitzen in Berlin. Oder doch in Wolfsburg und München?(Foto: picture alliance / dpa)

Absurditäten einer Denkfabrik: Zerstören deutsche Autobauer die Eurozone?

Eine Analyse von Helmut Becker

Deutschland und die Sparpolitik sind schuld am Niedergang der Eurozone. Diese These wird vor allem von angelsächsischen Ökonomen vertreten. Aber ist da etwas dran? Könnte gar die deutsche Automobilindustrie für die Probleme im Süden der Eurozone verantwortlich sein?

Zerstören deutsche Autobauer die Eurozone? Der geneigte Leser mag verwundert den Kopf schütteln und sich fragen, ob der Autor noch bei Sinnen ist. Und das ganz zu Recht. Denn eine solche These ist so absurd, dass man meinen könnte, kein halbwegs kundiger Ökonom käme auf eine solche Kausalkette. Doch weit gefehlt. Diese These ist zwar nicht direkt für die Automobilindustrie, sondern zentral für Deutschland aufgestellt worden. Was aber gleichwohl auch die Automobilindustrie an den Pranger stellt, wie zu beweisen sein wird.

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Der Ökonom Adam S. Posen, Präsident des Peterson Institute for internationale Economics, einer angesehenen US-amerikanischen Denkfabrik ("Think Tank") für ökonomische Fragen, hat in einem umfangreichen Beitrag Deutschland und die Wirtschaftspolitik der Merkel-Koalition regelrecht "zerlegt". Seine Hauptthese: "Deutschland zerstört die Eurozone! Das Land ist besessen vom Export - und schadet damit den Krisenstaaten."

Er führt aus, dass die deutsche Wirtschaft schlechter dastehe als angenommen; dass sie ihr Job-Wunder und die hohe Wettbewerbsfähigkeit nur durch niedrige Löhne und eine Zunahme der prekären Arbeitsverhältnisse erkauft habe. Wörtlich: "Billige Arbeit ist der Hauptgrund des deutschen Exporterfolges der letzten zwölf Jahre." Mehr noch: "Lediglich 2012 übertrafen die Lohnsteigerungen die Summe von Inflation und Produktivitätswachstum, konnten die deutschen Arbeitnehmer also die Früchte ihrer Arbeit genießen. Deutschland hat eine interne Abwertung betrieben, um wieder wettbewerbsfähig zu werden."

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Allerdings gehören dazu immer zwei: Also auch derjenige, der auf der anderen Seite pari passu aufwertet. Und somit Wettbewerbsfähigkeit verliert, dafür aber für begrenzte Zeit Lebensqualität auf Pump gewinnt - siehe etwa Griechenland, Italien, Frankreich und Portugal.

Und es kommt noch schlimmer: Posen beklagt wenig später, ungeachtet der schändlich hohen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands, dass die deutschen Unternehmen in den vergangenen Jahren versäumt hätten, ihre Effizienz und Profitabilität durch technologischen Fortschritt und mehr Bildung zu steigern und seine Arbeitnehmer gut auszubilden. Wörtlich: "Idealerweise sollte ein wohlhabendes Hochtechnologieland seine Wettbewerbsposition verteidigen, indem es durch Forschung und Entwicklung sowie durch Investitionen technologisch führend bleibt. Doch die Investitionen gehen in Deutschland zurück." Das Ergebnis "ist, dass das Produktivitätswachstum in Deutschland verglichen mit seinen Wettbewerbern niedrig ist und nicht etwa hoch".

In "Think Tanks" ist es dunkel

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Die Überlegungen von Posen zur Position Deutschlands gipfeln dann in folgender Aussage: "Es gibt keine Belege für ein besondere Industrie-Erfolgsgeschichte Deutschlands, und das trotz der stagnierenden Reallöhne, die dem Sektor Schub geben. Die Debatte über die Wirtschaftspolitik sollte sich vor der Bundestagswahl daher weniger auf Strukturreformen in anderen Ländern konzentrieren, sondern auf die Frage, was im eigenen Land reformiert werden muss." Womit er recht hätte, wenn nicht offensichtlich ein "Praktikant" bei der Schlußredaktion des Textes an die Stelle, wo eigentlich USA stehen sollte, versehentlich Deutschland eingefügt hätte. Was bei der zu vermuteten Dunkelheit in "Think Tanks" ja schon einmal vorkommen kann.

Zu den sachlichen Ungereimtheiten an dieser Stelle nur so viel: In den "superreichen" USA leben inzwischen 48 Millionen Menschen von Sozialhilfe und Lebensmittelkarten - also fast jeder Fünfte. In Deutschland beträgt der Anteil der Hartz-IV-Empfänger an der Gesamtbevölkerung 7,5 Prozent. Gleichzeitig driftet in den USA die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander und hat inzwischen die größte Spanne unter allen westlichen Industrieländern erreicht.

Autoindustrie als Schlüsselbranche

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Genug davon - nun zur Automobilindustrie: Die Kernthese von Posen lautet: "Deutschland zerstört die Eurozone". Zu fragen ist: Wer ist Deutschland? Herr Gauck, Frau Merkel, Rainer Brüderle, Jens Weidmann, die Gewerkschaften, die Arbeitgeber, Verbände ...?

Nein, Deutschland, das sind 43 Millionen Menschen, die regelmäßig ihrer Arbeit nachgehen, sind 3,5 Millionen Unternehmen, davon allein 3 Millionen mittelständische, darunter über 1600 "heimliche" Weltmarktführer. Und alle ohne zentralistische Führung durch die Politik, sondern in eigener Entscheidungsverantwortung entsprechen den Freiheitsprinzipien einer Marktwirtschaft, fern jeglichem Turbokapitalismus.

Deutschland, das ist eben vor allem auch die Automobilindustrie, die zusammen mit dem Maschinenbau und der Chemie für über 60 Prozent der industriellen Wertschöpfung in Deutschland stehen. Nimmt man die Automobilindustrie mit allen dazugehörigen Bereichen, die ihre Existenz der Produktion, dem Betrieb, der Ver- und Entsorgung und der Verwaltung, Finanzierung des Autos verdanken, so erwirtschaftet allein diese Branche rund ein Fünftel des deutschen Bruttoinlandsprodukts, verdient jeder Siebte, also 15 Prozent aller Beschäftigten, ihren Lebensunterhalt rund ums Automobil. 

Von daher ist es gerechtfertigt, die Deutschland-These von Posen voll auf die Automobilindustrie umzuwandeln: Die deutsche Automobilindustrie zerstört die Eurozone! 

Deutschland trägt nicht die Schuld!

Aber: Nichts, gar nichts, was der US-Ökonom an Argumenten vorgebracht hat, trifft zu: Die Südländer der Eurozone stehen nicht deshalb unter Druck, weil die deutschen Premiumhersteller ihnen billige Autos aufgedrängt haben, sondern deshalb, weil sie über keine eigene Automobilindustrie verfügen und diese Autos auf Pump gekauft haben und konnten. Im Gegenzug ist beispielsweise der deutsche Importbedarf aus jenen Ländern vergleichweise überschaubar.

Die deutsche Automobilindustrie ist kein Billigheimer und hat auch in 2013 nach vor die höchsten globalen Lohnkosten. Trotzdem wird 70 Prozent der automobilen Wertschöpfung exportiert. Gleichzeitig weist die Branche aufgrund der über viele Jahre gleichbleibend hohen Investitionsquote - mit 16 Prozent liegt sie mit an der Spitze der Industrie - anhaltend hohe Produktivitätszuwächse und insgesamt stagnierende Lohnkosten und hohe Gewinne aus. Das Ausbildungssystem in der gesamten deutschen Industrie ist vorbildlich, die ganze Welt beneidet uns darum und versucht, es als Erfolgsmodell zu imitieren. 

Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist die niedrigste in ganz Europa: Die zahlreichen innerbetrieblichen Modelle zur Arbeitszeitflexibilisierung quer durch die gesamte Industrie, die in der Automobilindustrie bei BMW gemeinsam mit dem Betriebsrat bereits seit Mitte der 1980er Jahre fast zur Perfektion zugunsten der Arbeitnehmer ausgebaut worden sind, lässt die Unternehmen in Frankreich und anderswo vor Neid erblassen.

Nein, weder Deutschland noch die Automobilindustrie sind an den Überschuldungs-Problemen vieler Länder in der Eurozone (oder der USA) Schuld: Da müssen sich diese Länder schon selbst Asche aufs Haupt träufeln. Dauerhaft kann eben niemand über seine Verhältnisse leben. Das Fehlverhalten ist eindeutig zu lokalisieren und zwar nicht bei Deutschland. Auch die deutsche Automobilindustrie trägt mit massiven Absatzeinbrüchen in den Süd-Ländern ihren Teil dazu bei, dass diese ihre Handelsbilanzprobleme in den Griff bekommen. Aber die Probleme lösen, können die Länder nur selber. Das kann niemand ihnen abnehmen.

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Quelle: n-tv.de

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