Montag, 25. Januar 2010
Die Busch-Trommel
Stürmischer Herbst im Frühjahr
Friedhelm Busch
Börsenkommentator Friedhelm Busch sieht mit Sorge, wie das Narrenschiff Börse auf neue Jahresrekorde zusteuert. Er fürchtet, das schon bald viele Narren über Bord gehen könnten.
Getrieben von einer schier unerschöpflichen Dollarliquidität zum Nulltarif steuert das Narrenschiff der Börsenspekulanten seit Monaten volle Kraft voraus mit Kurs auf neue Jahresrekorde. Doch plötzlich kommt Sturm auf.
Geschockt von dem schwindenden Vertrauen der US-Amerikaner versucht Präsident Obama zu punkten, indem er gegen die ungeliebten Banken zu Felde zieht. Macht und Größe der US-Banken sollen zurückgeschnitten, ihr Eigenhandel mit Wertpapieren drastisch eingeschränkt, wenn nicht gar ganz verboten werden. Damit würde den Finanzmärkten in erheblichem Umfang Liquidität entzogen, denn es waren in den letzten Monaten nicht zuletzt die Banken selber, die mit den billigen Krediten der Notenbanken die Kurse gepuscht haben.
Selbst wenn die Pläne des angeschlagenen Präsidenten am Widerstand seiner politischen Gegner scheitern sollten, allein die Diskussion darüber bringt die internationalen Finanzinvestoren um den Schlaf. Doch damit nicht genug. Als erste große Wirtschaftsmacht hat China die Zinsen angehoben und vorübergehend sogar die Kreditvergabe seiner Banken eingefroren. Die Angst vor Inflation und daraus folgenden Unruhen in der Bevölkerung ist offenbar größer als der Wunsch nach Wirtschaftswachstum.
Noch sind die westlichen Industriestaaten weit entfernt von einer Explosion der Verbraucherpreise, und angesichts der Arbeitslosigkeit bei geringer Kapazitätsauslastung ist auch auf Jahressicht kaum damit zu rechnen. Verständlich also, dass die Börsen einen Kurswechsel in der Geldpolitik der Notenbanken frühestens im Herbst dieses Jahres erwarten. Vorher wird es keine Anhebung der Leitzinsen geben, so das beruhigende Mantra der Marktbeobachter. Doch ganz so sicher ist man sich jetzt nicht mehr. Die ausufernden Staatsschulden in den USA und in Europa treiben die langfristigen Zinsen auf den Kapitalmärkten nach oben.
Noch steht Griechenland allein am Schandpfahl der europäischen Stabilitätsapostel, aber schon bald könnten weitere Länder folgen. Deutlich mehr als 6 % an Zinsen muss die griechische Regierung aufbringen, will sie ihre Ausgaben langfristig über den Markt refinanzieren. Der Staat ist praktisch bewegungsunfähig. Die Folgen sind in den Abendnachrichten zu besichtigen.
Doch sollten wir uns in Deutschland angesichts der Straßenkämpfe in Athen nicht allzu entspannt im Fernsehsessel zurücklehnen, auch hier zu Lande könnte es mit der Ruhe schnell vorbei sein, wenn die Regierungen in Bund und Ländern mit ihrer verschwenderischen Ausgabenpolitik fortfahren. Die dann zwangsläufige Vollbremsung mit ihren gesellschaftspolitischen Konsequenzen würde auch in Deutschland zu einem erheblichen Geschrei auf der Straße führen.
Ganz so weit, wie unsere Politiker behaupten, sind wir von griechischen Verhältnissen nicht mehr entfernt. Auch bei uns steigen angesichts des staatlichen Kapitalhungers die langfristigen Zinsen, manövriert sich die Politik allmählich ins Aus. Die Börse mag das noch kalt lassen, aber auf Dauer werden die hohen Kapitalmarktzinsen die niedrigen Tagesgeldzinsen mit nach oben ziehen. Ob das den Notenbanken nun passt oder nicht. Vieles spricht also dafür, dass trotz niedriger Inflationsraten die Zeit überschäumender Liquidität schneller als erwartet ausläuft. Mit den entsprechenden negativen Konsequenzen auf den Wertpapiermärkten.
Und als ob diese Albträume für die Finanzmärkte nicht schon schlimm genug wären: In den USA mehren sich die Zeichen, dass Notenbankchef Bernanke um die bevorstehende Verlängerung seiner Amtszeit wider Erwarten bangen muss, weil mancher Politiker in ihm einen der Verursacher der Geldschwemme sieht, die die ganze Finanz- und Wirtschaftswelt in die Krise gestürzt hat. Kommt es tatsächlich zu einem Wechsel an der Spitze der US-Notenbank wäre dies für Obama eine schallende Ohrfeige. Für das Narrenschiff Börse aber wäre es eine Katastrophe, verlöre es doch seinen wichtigsten Mann auf der Brücke. Verständlich, dass immer mehr Narren über Bord springen, aus Angst vor einem stürmischen Herbst im Frühjahr.