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Von "exzellent" bis "phänomenal": "VW ist ein Gewinner des Autojahres 2016"

Skandale, Reinfälle, positive Überraschungen: Das zurückliegende Jahr ist für die Autoindustrie ein denkwürdiges, für manche Unternehmen sogar ein geschichtsträchtiges. Wieso ist VW ein Profiteur? Wer ist der Aufsteiger des Jahres? War es ein "E-Jahr"? Was passiert in China? Autoexperte Helmut Becker verrät es im n-tv.de-Interview.

n-tv.de: Herr Becker, das bestimmende Thema des Jahres war der Abgasskandal beim Volkswagen-Konzern und dessen Folgen für das Unternehmen und die Verbraucher. Dabei scheint VW glimpflich davonzukommen - oder wie schätzen Sie die Lage nun ein?

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Helmut Becker: Volkswagen ist in der Tat mehr als glimpflich davongekommen. Das war fast schon abzusehen, denn in den Hauptabsatzmärkten des Konzerns - Europa und China - wurde das Unternehmen nicht vor den Kadi gezerrt und mit Milliardenstrafzahlen belegt. Der US-Markt spielt beim VW-Absatz nur eine untergeordnete Rolle.

Also hat VW das Schlimmste hinter sich?

Ja, das glaube ich schon. Das gilt für die Marke Volkswagen. Was die anderen betrifft, wie etwa Audi, ist derzeit noch nicht absehbar.

Ist VW damit einer der großen Gewinner des Autojahres 2016?

(lacht) Philosophisch gesehen vielleicht. Objektiv bedeutet der Abgasskandal einen Riesen-Imageverlust für VW und auch die in der Welt anerkannte und hochgelobte deutsche Automobilindustrie. Dass gerade im Auto-Hightechland Deutschland mit solcherlei Mitteln gearbeitet wird - da fällt auch etwas Negatives auf die anderen deutschen Hersteller ab.

Und aus der "philosophischen" Betrachtungsweise?

Philosophisch hätte dem Konzern nichts Besseres passieren können! Die verkrusteten Strukturen innerhalb des Unternehmens wären ohne den Abgasskandal nie so aufgebrochen worden. Das ist extern passiert, von innen heraus wäre das nicht möglich gewesen, dafür fährt der Konzern schon zu lange in der Erfolgsspur, hat zu viele Ja-Sager und Kopf-Nicker im Management. Nun richtet sich der Konzern strukturell und personell neu aus - und das ist gut so.

Und wer sind dann bei den Herstellern die Gewinner des Jahres und warum?

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Der eindeutige Gewinner des Jahres ist der Daimler-Konzern. Auf den wichtigsten Absatzmärkten hat das Unternehmen mit neuen Modellen aufgeholt und die Konkurrenz zum Teil deutlich hinter sich gelassen. Daimler ist im Premiumbereich wieder die Nummer eins, nicht mehr BMW. Und das unangefochten! Kein Wunder also, dass Konzernchef Dieter Zetsche über 2016 sagt: 'Ein phänomenales Jahr, auf das wir noch eine Schippe draufgepackt haben'.

Gibt es bei den Autobauern Überraschungen - positiv wie negativ?

Sicherlich! Eine positive Überraschung - abgesehen von Daimler - ist die Entwicklung bei der VW-Marke Skoda. Auch die Marke Fiat hat sich berappelt. Geht man aus dem Volumenmarkt heraus, ist zweifelsohne Jaguar einer der Topgewinner 2016. Und wenn man das so nennen will: der Aufsteiger des Jahres.

Wieso?

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Die Jaguar-Landrover-Gruppe hat unter der deutschen Führung von Ralf Speth eine fulminante Entwicklung genossen. Das gilt sowohl für Innovationen als auch für Markterfolge an sich. Davor kann und muss man den Hut ziehen!

Und wie sieht es mit einem "Absteiger des Jahres" aus?

Negative Überraschungen bei den Marken sehe ich nicht, eher schon auf die nationalen Automobilindustrien bezogen. Hier ist zu allererst die chinesische Autoindustrie zu nennen, die trotz aller politischen Steuerungsversuche und Hilfen einfach nicht auf die Beine kommt und noch immer auf Hilfe von außen, aus dem Ausland, angewiesen ist. International ist von den chinesischen Herstellern nach wie vor nichts zu sehen. Problematisch könnte man auch die Entwicklung der südkoreanischen Branche sehen, die ihren Elan aus den 1990ern und 2000ern eingebüßt hat und zurzeit nur noch mitschwimmt.

Von den Herstellern zu den Märkten: Wie hat sich denn der Absatzmarkt weltweit entwickelt?

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Er hat sich wie vorhergesehen entwickelt, da exogene Schocks ausgeblieben sind - trotz eines schwierigen Gesamtmarktumfelds. Das heißt: So wie sich die Volkswirtschaften entwickelt haben, haben sich auch die Automobilmärkte entwickelt. In Amerika bedeutet das einen Absatz von etwa 17 Millionen Fahrzeugen. Das ist ein Höhepunkt, aber auch der Zenit. In Europa ist der Markt weiter im Aufwind, erholt sich nach wie vor vom Niveau der Finanzkrise 2008/2009: Der Absatz dürfte in diesem Jahr an der 14-Millionen-Marke kratzen. Aber: Auch dieser Markt ist gesättigt. Enttäuschend verliefen die Entwicklungen erneut in Russland und in Brasilien.

Welcher Markt ist denn für das Wachstum die treibende Kraft?

Das ist und bleibt China. Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind überraschend gewesen - und bleiben es wohl auch, auch wenn sich die Wachstumsdynamik verlangsamt hat. Der Strukturwandel ist spürbar. Die Wirtschaft muss umgebaut werden. Dieser Prozess läuft, gestaltet sich aber sehr mühsam. Trotz all dieser Probleme boomte der Automarkt auch 2016. Das lag zum einen daran, dass nach wie vor Nachholbedarf zu den westlichen Märkten herrscht. Und zum anderen haben auch die politischen Hilfsmaßnahmen wie etwa Steuervergünstigungen für Kleinwagen gegriffen. Gerade in den unteren Marktsegmenten gab es Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent. Das hat den Gesamtmarkt in die Höhe getrieben: Insgesamt werden 2016 in China rund 25 Millionen Neuwagen verkauft. Absoluter Weltrekord - und etwa ein Drittel des gesamten Weltmarktes!

China war und bleibt damit für die deutsche Autoindustrie ein Schlüsselmarkt?

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Absolut! China hat diese Position eingenommen, nach dem Ausbruch der Finanzkrise und den damit verbundenen Einbrüchen der anderen Kernmärkte wie USA und Europa. In dieser Situation war China der Retter der Weltwirtschaft und auch der deutschen Automobilindustrie. Allerdings haben sich die Hersteller wie auch die Zuliefererindustrie damit auch ein großes Stück abhängig vom Reich der Mitte gemacht.

Welches Risikopotenzial birgt das?

Das Risikopotenzial dieser Abhängigkeit ist enorm. Die jüngsten Pläne zu einer höheren Besteuerung von Luxusfahrzeugen sind ein Hinweis darauf. Das Erschweren von Kapitaltransfers aus dem Land heraus ebenso. China ist kein Staat mit einer klassischen Marktwirtschaft. Deren Gesetze gelten dort nicht. Willkürliche staatliche Eingriffe sind jederzeit möglich.

China pusht indes die E-Mobilität. Das hatte sich Bundeskanzlerin Angela Merkel einst ja auch auf ihre Fahnen geschrieben: Eine Million E-Autos bis 2020 lautete einst das Ziel. Ein Ziel, das nicht mehr erreichbar scheint, zumal auch 2016 kein "E-Jahr" war. Täuscht der Eindruck?

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Nein! 2016 war kein Jahr der Elektroautos. 2017 wird auch keins werden. 2018 mit Sicherheit auch nicht. (lacht) Alle gängigen Neuvorstellungen der Hersteller fußen noch immer auf dem Prinzip des Verbrennungsmotors. Die Autobauer kündigen zwar an, planen und so weiter. Aber wie Merkel machen die Autokonzerne die Rechnung ohne den Wirt. Der Verbraucher, der Autokäufer, will derzeit einfach noch kein Elektroauto. Daran ändern auch die neu eingeführten staatlichen Kaufanreize nichts. Die werden nicht einmal vollends abgerufen. Das Elektroauto ist nach wie vor und auch auf absehbare Zeit nicht wettbewerbsfähig.

Ein Thema war und ist auch der Brexit. So überraschend er nach den vorherigen Umfragen kam, so gelassen reagierte die deutsche Autoindustrie darauf. Wo liegen die Gründe dafür?

Ein Grund ist sicher der, dass der Brexit zwar laut Referendum gewollt ist, aber noch nicht annähernd durchgeführt oder eingeleitet worden ist. Sollte der Brexit dann tatsächlich kommen, werden die Auswirkungen in erster Linie über den Wechselkurs ausgetragen werden. Das Pfund hat bereits deutlich abgewertet. Das hat die beiden Konsequenzen, dass alle, die nach Großbritannien exportieren, es mit höheren Kosten zu tun bekommen. Andererseits profitieren diejenigen, die in Großbritannien selbst produzieren, von gesunkenen Kosten. Viele deutsche Autozulieferer und Hersteller sind vor Ort, sodass sich erst noch zeigen muss und wird, inwieweit es zu einer Nettobe- oder Nettoentlastung kommt.

Aus den Schlagzeilen nicht wegzudenken war 2016 zudem das Thema Autonomes Fahren. Ist das nur ein Medienhype, den die Hersteller forcieren, oder ist das wirklich ein bahnbrechender Zukunftstrend?

Autonomes Fahren ist erst einmal nur ein Teil eines viel größeren wirtschaftlichen Wandels, der Digitalisierung. Darin ist es eingebettet. Die Digitalisierung dringt und durchdringt alle Bereiche des Lebens und der Wirtschaft. In der Industrie und Produktion läuft das unter dem Schlagwort Industrie 4.0. Im Automobilbereich hat die Digitalisierung in Form des Autonomen Fahrens Einzug gehalten. Die Möglichkeit der Verarbeitung riesiger Datenmengen macht es möglich, Autos selbst fahren zu lassen. Das hat es vorher nicht gegeben.

Wird sich der Trend Autonomes Fahren durchsetzen?

Ja, da bin ich mir sicher. Sicher nicht heute und auch nicht morgen. Ich rechne da in Jahrzehnten. Vielleicht eins oder zwei? Wer weiß das schon. Aber langsam und sicher, denn: Alle technischen Neuheiten, die dem Menschen helfen, setzen sich am Ende auch durch. Derzeit steckt das Autonome Fahren noch in den Kinderschuhen mit all den damit verbundenen Problemen. Aber künftig wird an der Autonomisierung des Automobils kein Weg vorbeiführen. Diese Bewegung ist nicht mehr aufzuhalten!

Statt Zukunft noch einmal ein Blick zurück: VDA-Präsident Matthias Wissmann spricht von einem "guten" Autojahr 2016. Wie lautet Ihr Fazit?

(lacht) in diesem Fall kann VDA-Chef Wissmann voll und ganz unterstützen. Ja, rückblickend war 2016 ein exzellentes Automobiljahr. Global betrachtet wurden noch nie so viele Autos produziert und abgesetzt wie 2016. Wir haben inzwischen die 80-Millionen-Schwelle überschritten, liegen bei 82 bis 83 Millionen Fahrzeugen und das macht 2016 zum besten Automobiljahr der Geschichte - und das trotz großer politischer und gesamtwirtschaftlicher Unsicherheiten. 

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Den Ausblick für das Autojahr 2017 lesen Sie hier am 09. Januar 2017.

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Quelle: n-tv.de

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