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Tesla in der Klemme: Darwin würde keine Elektro-Autos kaufen!

Von Helmut Becker

Elektromobilität trägt den Namen Tesla. Die Stromer sind nicht billig, aber sportlich und erfolgreich. Erfinder Musk überrascht jüngst die Autowelt mit der Nutzungsfreigabe der Patente. Ein geschickter Schachzug oder ein Hilfeschrei?

Die Nachricht schlägt ein wie eine Bombe: Elon Musk, Investor und Haupteigentümer des Elektroauto-Pioniers Tesla Motors teilt Anfang Juni lapidar mit, dass er künftig die Patente hinter seinem ausschließlich batteriebetriebenen Automobil Tesla S - Anschaffungspreis 71.000 Dollar - mit jedem ernsthaften Interessenten der konventionellen Autoproduzenten teilen werde. Und zwar umsonst! Ebenso bietet er die kostenlose Mitbenutzung seiner bislang 100 Elektrotankstellen in den USA an.

Diese Meldung versetzt die alteingesessenen Autobauer in Erstaunen, die deutschen Medien geradezu in Raserei: "Aus dem Nischenanbieter machte (Musk) ... einen ernsthaften Konkurrenten für die großen Autohersteller", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Heute verkauft Tesla in den USA elegante Luxuslimousinen wie BMW, Audi und Daimler. Der Winzling zeigt Muskeln", heißt es da weiter. Und: "In Wahrheit bringt Musk die Europäer in die Defensive. Das freche Angebot des Kleinen, den Konkurrenten Teile der (eigenen) Technologie zu geben, legt deren Schwäche erschreckend offen. Die deutschen Autobauer, vor allem Marktführer Volkswagen, stehen batteriegetriebenen Autos skeptisch gegenüber. Sie verstehen noch zu wenig von dieser Zukunftstechnologie und fürchten, die Stromer könnten ihr bisheriges Geschäft mit PS-starken Benzin- und Dieselautos gefährden."

Völliger Quatsch!

Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als anerkannter Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Starker Tobak für eine Branche, die das Automobil vor knapp 130 Jahren erfunden und seither kontinuierlich weiterentwickelt hat. Und im Kern der Argumentation absolut daneben:

Vom Tesla S wurden 2013 27.000 Exemplare gebaut und fast ausschließlich in den USA verkauft. Die drei Nobel-Hersteller Audi, BMW und Daimler kamen 2013 auf einen Weltabsatz von rund fünf Millionen Premium-Autos. Wo da eine Bedrohung der Großen Drei durch Tesla gegeben sein soll, erschließt sich Autoexperten mitnichten.   

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Der deutschen Automobilindustrie sind die physikalischen Gesetze und Konstruktions-Prinzipien von Elektroantrieben und -mobilität seit 114 Jahren bekannt. 1896 konstruierte Ferdinand Porsche den ersten Elektroantrieb, der als Allrad-Radnabenantrieb im Jahr 1900 im Lohner-Porsche eingesetzt wurde. Nachdem er in den Batterien den Schwachpunkt seiner Konstruktion ausgemacht hatte, entwickelte Ferdinand Porsche kurzerhand das erste Hybridauto, den "Mixte"-Wagen. Während seine erste Konstruktion nur die vier Elektro-Radnabenmotoren an Bord hatte, ließ Porsche in seinem "Semper vivus" (lateinisch: stets lebendig) genannten Wagen zwei Daimler-Verbrennungsmotoren als Generatoren arbeiten und die Batterien während der Fahrt mit Strom versorgen - der erste Range-Extender. Wegen des hohen Gewichts der Batterien wurde auch diese Technik vom Markt verdrängt, als sich der Verbrennungsmotor in allen Belangen als überlegen durchsetzte. Daran hat sich bis heute nichts geändert!

Wer behauptet, die deutschen Autohersteller würden zu wenig von der elektrischen Zukunftstechnologie verstehen, kennt also die Fakten nicht. Richtig ist allerdings, dass sie alle rein batteriegetriebenen Autos skeptisch gegenüberstehen.

Keine reinen Elektroantriebe!

Gegen die Tesla-Offerte und das Konzept des reinen Elektroautos sprechen folgende Gründe:

- Die biedere Lebenserfahrung meiner Großmutter, die da lautete: "Was nichts kostet, taugt auch nichts!" Wenn ein Dritter - zumal ein Wettbewerber -, ein solches Geschenk macht, führt er Übles im Sinn. Oder ökonomisch ausgedrückt: Der Nutzen des Geschenkes für den Schenker ist größer als der Nutzen des Geschenkes für den Beschenkten.

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- Letzteres hängt wohl damit zusammen, dass Elon Musk wohl selbst erkannt hat, dass sein Tesla Konzept eines rein batteriebetriebenen Fahrzeuges im Weltmarkt keine Zukunft hat - heute so wenig wie vor 114 Jahren. Auch wenn - heutiger Stand der Batterietechnik - ein Tesla S mit einer Akkuladung und rund 300 Kilometer doppelt so weit fahren kann wie die besten E-Automobile der europäischen Hersteller. Und auch wenn Tesla-Ladesäulen es erlauben, seinen Autobatteriesatz in 30 Minuten bis zu 80 Prozent zu laden. Vielleicht liegt darin das Hauptmotiv für das voll vernetzte und computerisierte Auto, dass man die Wartezeit an der Tankstelle - vorausgesetzt, man kommt sofort an die Reihe - geschäftlich nutzen kann. Nebenbei: Für den gleichen Ladevorgang brauchen die deutschen E-Autos noch Stunden.

- Auch mit 100 Tesla-Tankstellen in den USA lässt sich angesichts der Flächengröße der USA keine sichere Heimkehr an den heimischen Herd garantieren. Da wäre das kleine Deutschland schon wesentlich bessergestellt: Da existieren heute schon etwa 4500 Elektrozapfsäulen, davon sind allerdings 1500 exklusiv nur Vertragskunden der RWE, dem Hauptbetreiber, vorbehalten. Nur 13 Prozent der Zapfsäulen kann nach Auskunft des Bundes-Verkehrsministeriums ein E-Mobil-Besitzer spontan ansteuern, was allerdings mangels Nachfrage nicht geschieht. Vier zusätzliche Säulen hat Minister Dobrindt auf der Bundesautobahn zwischen Leipzig und München geplant - vermutlich, um den BMW-Werkverkehr mit Elektroautos möglich zu machen.

- Um die Sache etwas anschaulicher zu machen: Das BMW i8 Elektroauto ist trotz seines hohen Kaufpreises von 126.000 Euro ohne Zweifel ein großer Erfolg. Es gibt bereits so viele Luxus-Konsumenten, dass angesichts begrenzter Liefermöglichkeiten für das Auto sogar Schwarzmarktpreise gezahlt werden. Für einen kalifornischen BMW-i8-Fahrer würde das bedeuten, dass er nach 37 Kilometern die nächste Tesla-Ladestation aufsuchen muss, um nach 30 Minuten Ladezeit weitere 30 Kilometer Freude am Fahren haben zu können. Aber BMW war weitsichtig genug und hat dem Sportwagen einen zusätzlichen Verbrennungsmotor mit an Bord gegeben, mit denen der i8 leicht über 300 Kilometer fahren kann - und das Batterie-Laden somit der Haus-Tankstelle vorbehalten bleibt.

- Elon Musk ist IT-Mann und hat mit dem Autogeschäft und mit Verbrennungsmotoren, geschweige denn mit den komplizierten Hybrid-Konzepten, also mit der nahtlosen Verzahnung beider Antriebssysteme im laufenden Fahrbetrieb, überhaupt keine Erfahrung. Wie sieht in den Jahren 2015 oder 2016 der Markt für gebrauchte Tesla S Autos aus? Dann, wenn ein neuer Batteriesatz für 15.000 Dollar fällig wird? Was geschieht am Ende des Lebenszyklus nach 20 Jahren? Elon Musk selbst räumt ein, dass er für den Erfolg seines Batterieauto-Konzeptes Partner aus der "alten" Automobilindustrie braucht: "Unsere wahren Konkurrenten sind nicht die paar Elektroautos, die irgendwo gebaut werden. Die wahre Konkurrenz ist die große Flut benzingetriebener Autos, die jeden Tag aus den Fabriken der Welt strömen." 2013 waren es global rund 75 Millionen, 20 Prozent davon gehörten Autos mit deutschem Markenzeichen.

Nicht so blauäugig, bitte!

Elon Musk befindet sich mit seinem reinen Elektroauto Tesla S in der Klemme. Die von Monat zu Monat größer wird, je näher seine bisher produzierten Autos dem Gebrauchtwagenmarkt oder der Verschrottung entgegenrollen. Mit einer gesunden Skepsis sollten die deutschen Automobilhersteller auch der Gratis-Offerte von Musks begegnen. Zu blauäugig würde man leicht in Pflicht und Haftung genommen, der sich Tesla-Eigentümer Musk leicht durch einen lukrativen Verkauf seiner Firma und Partnerschaften entziehen könnte. Gescheiterte Fusionen und Beteiligungen sind deutschen Premiumherstellern ja nicht ganz fremd. Wobei eine Mitbenutzung von Tesla E-Tankstellen durchaus eine nettes Beiwerk sein könnten - wenn man denn auf solche Tankstellen angewiesen ist.

Ob deutsche Premiumhersteller den Sirenen-Gesängen von Musk auf den Leim gehen, bleibt zunächst offen. Im Zweifel wird Musk sein Problem auf die gleiche Art lösen, wie die cleveren Wallstreet-Boys sich bis zum Ausbruch der Finanzkrise 2008 ihre giftigen Wertpapiere an Deutsche Landesbanken entledigten: Er wird sich einen naiven Investor aus der Branche (oder sonst woher) suchen, dem er seinen Laden, rechtzeitig verkauft. Top, die Wette gilt!

Völlig losgelöst von der Tesla-Frage ist genauso so wenig entschieden, ob sich Batterie-Elektroautos als Hybrid-Fahrzeuge, wie sie von den deutschen Herstellern entwickelt und propagiert werden, überhaupt am Markt durchsetzen werden. Noch ist der Beweis dafür nicht erbracht, im Gegenteil. Selbst die anfangs zitierte Zeitung muss in ihrem Kommentar verschämt darauf hinweisen, dass bei konkurrierenden technischen Systemen am Ende immer der Markt gesiegt hat. Darwin lässt grüßen!

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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