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Montag, 09. Januar 2017

Brexit, Trump, Fed und Syrien-Krieg: "Autoindustrie vor Fahrt ins Ungewisse"

2016 war für die Automobilindustrie ein Rekordjahr. Doch das werde sich nicht wiederholen, sagt Autoexperte Helmut Becker im n-tv.de Interview. Warum das so ist und wer dennoch ein "Gewinner des Autojahres 2017" sein wird, verrät er auch.

n-tv.de: Unlängst kündigte Hyundai-Chef Chung zwar weiteres eigenes Wachstum für 2017 an, allerdings in deutlich "unsichereren" Zeiten. Ist das eine Blaupause für die Entwicklung der Autoindustrie in diesem Jahr?

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.

Helmut Becker: Absolut! Das kann man: Die Autoindustrie steht vor einer Fahrt ins Ungewisse. Die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die jahrzehntelang fest verankert zu sein schienen, sind ins Rutschen gekommen. Syrien-Krieg, Russland-Sanktionen, Brexit, Trump-Wahl - Sicherheit sieht anders aus. Der Automarkt selbst befindet sich im Zenit, weiteres Wachstum ist vorerst nicht vorgesehen.

Welche Probleme wiegen dabei schwerer, die politischen oder die gesamtwirtschaftlichen?

Früher konnte man sich auf die politischen Rahmenbedingungen verlassen, die Autobauer mussten nur auf die konjunkturellen Umstände reagieren. Jetzt hat sich aber das politische Zusammenspiel der Großmächte verändert. Wir haben nicht mehr feste Fronten zwischen Russland, den USA und China; die Frontlinien verwischen, lösen sich teilweise sogar auf. Wir als Europäer stehen da irgendwo dazwischen. Für die exportgetriebene deutsche Automobilindustrie bedeutet das eine hohe Unsicherheit.

Abgesehen von den schwer einzuschätzenden politischen Unsicherheiten: Wenn alles normal läuft, wie wird sich das Autojahr 2017 entwickeln? Immerhin war 2016 ja ein "Rekordjahr".

Das stimmt. Aber es wird sich nicht wiederholen. Die Wachstumsmöglichkeiten, die 2016 vorlagen, sind nicht mehr gegeben. 2017 wird die Autoindustrie auf Sicht fahren. Stagnation auf hohem Niveau. Aber: Es wird auch kein Jahr des Einbruchs.

Inwiefern?

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Der US-Markt beispielsweise befindet sich im Zenit. Er hat seinen Höhepunkt überschritten. China als weltgrößter Absatzmarkt hat 2016 vieles vorweggenommen, bedingt durch steuerliche Effekte. Und Europa hat seinen Aufholprozess nach der Krise 2008/2009 weitgehend abgeschlossen.

Und der deutsche Automarkt?

Auch der deutsche Markt hat 2016 seinen Höhepunkt mit fast 3,5 Millionen Neuzulassungen überschritten. Das Wachstum von rund 5 Prozent gegenüber 2015 wird sich nicht wiederholen.

Was werden denn die bestimmenden, markttreibenden Themen sein, die die Hersteller beschäftigen?

Wenn Wachstumsimpulse ausbleiben, wird der Konkurrenzdruck größer, der Wettbewerb verschärft sich - das wird ein bestimmendes Thema sein. Dazu bleiben Autonomes Fahren, Verbesserung der Abgaswerte und Elektromobilität auf der Tagesordnung.

Stichwort E-Mobilität: Tesla will 2018 500.000 E-Autos herstellen, 2020 sogar eine Million. Im abgelaufenen Jahr waren es rund 83.000. Das erinnert an das große Ziel von Bundeskanzlerin Angela Merkel bis 2020 eine Million E-Autos auf deutschen Straßen fahren zu lassen ...

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(lacht) Ja, es herrscht da eine gewisse Diskrepanz zwischen Zielen und der Wirklichkeit. Meiner Meinung nach sind die Zahlen, die Tesla in die Welt gesetzt hat, reine Luftnummern. Die werden so nicht kommen. Die E-Mobilität wird sich weder bei Tesla im Kleinen noch im großen Ganzen in diesem Maß entwickeln. Zudem muss man berücksichtigen, dass Tesla nach wie vor kein Massenhersteller ist, sondern preislich im Premiummarkt angesiedelt. Zum Vergleich: Weltweit wurden 2016 etwa 80 Millionen Neuwagen verkauft - mit Verbrennungsmotoren. In Deutschland rollen etwa 43 Millionen Verbrenner auf den Straßen. Eine Elektrifizierung in dieser Größenordnung ist kurzfristig nicht möglich.

Tesla ist hochpreisig unterwegs und damit in Konkurrenz zu Daimler, BMW und Audi. Daimler konnte 2016 die Spitzenposition von BMW im Premiumsegment zurückerobern. Verteidigen die Stuttgarter den Platz an der Sonne?

Mit Sicherheit! Der Konzern ist mittlerweile in der Produktentwicklung, Motorentwicklung und auch regional so stark und breit aufgestellt, dass die Konkurrenz das Nachsehen hat. Auch in China, einst ein Schwachpunkt, hat Daimler aufgeholt. Ich sehe daher keinen Wettbewerber, der Daimler auf absehbare Zeit gefährlich werden könnte.

Was haben die Wettbewerber Audi und BMW denn noch zu bieten?

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Beide Hersteller haben ihre Oberklassemodelle erneuert. Aus dieser Richtung sind daher wenige Impulse zu erwarten. Die Konzerne werden 'business as usual' betreiben. Große Sprünge sind auch im Premiummarkt nicht mehr möglich, da auch dort der Wettbewerb an Schärfe deutlich gewonnen hat.

Wer könnte Ihrer Meinung nach bei den Herstellern ein Gewinner des Jahres 2017 werden?

Bugatti (lacht). Nein, im Ernst - auch da wird es im Vergleich zu 2016 wenig Bewegung geben: Daimler im Luxussegment und Volkswagen im Massenmarkt. Der VW-Konzern bleibt trotz aller Unwägbarkeiten weltgrößter Hersteller. Das haben die Wolfsburger auch 2016 geschafft - trotz Abgasskandal.

Apropos Abgasskandal: Was steht denn da noch an, für VW?

Es ist ja bereits etwas ruhiger geworden um das Thema. Neue Störfeuer kommen aus Deutschland, wo einige eine Sammelklage gegen den Konzern anstreben. Alle anderen Feuer sind ausgetreten oder zumindest unter Kontrolle gebracht: In den USA hat man sich etwa auf Strafzahlungen geeinigt. Die fallen zwar hoch aus, aber es dürfte von dieser Seite zumindest nichts mehr nachkommen. Der Abgasskandal ist damit weitgehend abgearbeitet und der Konzern kann sich der Verbesserung seiner Dieselmotortechnik und seiner Verbrennungsmotoren widmen. Das steht auch bei anderen Herstellern übrigens im Vordergrund.

Also wird Matthias Müller auch Ende 2017 noch Chef des VW-Konzerns sein?

Bisher hat Müller keine so großen Fehler gemacht, dass er abgelöst werden müsste. Wenn es dabei bleibt und es auch keinen Besseren für diesen zugegebenermaßen nicht ganz einfachen Job gibt, sehe ich keine Veranlassung für einen Vorstandschefwechsel beim Volkswagen-Konzern.

Zurück zu Hyundai. Der VW-Konkurrent plant ein Modell-Feuerwerk. Welche anderen Marken rücken darüber hinaus noch in den Fokus?

Modell-Feuerwerke kündigen sie alle an (lacht). Auch das ist 'business as usual'. Es wird viel getrommelt und gemacht. Was dann am Ende herauskommt, ist eine ganz andere Sache - vor allem in gesättigten Märkten.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

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Quelle: n-tv.de

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