Kolumnen

Outside Wall Street: Eine Kolumne zum Abschied

Von Lars Halter

Fünfzehn Jahre lang berichtete unser Kolumnist Lars Halter von der Wall Street – für n-tv, für andere Sender, für Radiosender, Zeitungen und Magazine. In den fünfzehn Jahren hat sich die Wall Street verändert, und nicht zum Guten. In seiner letzten Kolumne zieht Halter Bilanz.

Meine letzte Kolumne aus New York kommt aus Berlin. Seit meinem Umzug denke ich oft an die Wall Street zurück, fast jeden Tag. Mit ein bisschen Wehmut, aber auch mit Erleichterung. Nach fünfzehn Jahren "Inside Wall Street", auf dem Parkett der New York Stock Exchange, nach tausenden von Berichten für n-tv und andere Medien, vermisse ich meine Freunde dort. Und bin froh, dass ich den schleichenden Untergang einer großen Institution nicht mehr mit ansehen muss.

An der Wall Street schlägt das Herz des Kapitalismus. An guten Tagen kann man es spüren, wenn man durch die Katakomben der NYSE zieht, alten Tradern oder mächtigen CEOs begegnet. Man kennt die Stories der Wall Street, aus den Geschichtsbüchern, aus den Erzählungen von Händlern. Die ein oder andere Anekdote auch aus den Gesprächsfetzen der internationalen Tour Guides, die tagein, tagaus Besuchergruppen aus aller Welt vor dem Gebäude rauf und runter führen. Die Touristen blicken ehrfurchtsvoll auf die Säulenfassade der Börse, versuchen zu ahnen, was hinter dieser Kulisse abgeht.

Lars Halter bei der Arbeit für n-tv
Lars Halter bei der Arbeit für n-tv

Die traurige Wahrheit: Immer weniger geht hier ab. Selbst in den überschaubaren Jahren, die ich hier verbracht habe, hat die New York Stock Exchange ihre Seele verloren. Von tausenden Mitarbeitern sind noch ein paar hundert übrig. Statt Gedrängel und Ellbogen auf dem Parkett, dem hektischen Klackern bunter Keyboards mit mysteriösen Tasten steht man heute herum und liest Zeitung. Ab und zu schuffelt Art Cashin vorbei, der alte Floor-Chef der UBS, und raunt befreundeten Tradern das ausstehende Auftragsvolumen zu. Sie nicken freundlich, aber hören nicht mehr zu. Der Computer erledigt die Arbeit, für die man einmal solche Insider-Infos brauchte. Art Cashin ist ein Maskottchen der Trader, eine Erinnerung an die gute, alte Zeit - aber längst nicht mehr aktuell.

Einmal im Jahr, an Weihnachten, versammelt Art Cashin die Trader auf dem Parkett. "Nellie, 2pm XOM" steht auf seinen handgeschriebenen Zettel, und man weiß: um 14 Uhr am Stand von Exxon wird gesungen. "Wait till the sun shines, Nellie, When the clouds go drifting by. We will be happy, Nellie, don't you sigh...", ein Lied aus der Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre. Es macht Hoffnung auf bessere Zeiten und ist eines der letzten Relikte, die an die große Geschichte der Börse erinnern.

Relikt aus alter Zeit

Doch der New Yorker Börse ist längst nicht nur der Glanz früher Jahre abhanden gekommen, sondern auch die Bedeutung. Die Zeiten der Leitbörse sind längst vorbei. Der New Yorker Handelsplatz ist längst nur noch einer von vielen. Nicht der größte, nicht der wichtigste... nur noch der bekannteste. Und wer interessiert sich überhaupt noch für Aktien. An der NYSE, längst eine Tochtergesellschaft der Intercontinental Exchange, geht es um Futures und Optionen, und dass man für den Handel weder Parkett noch Open-Outcry braucht, zeigen andere Handelsplätze seit Jahrzehnten.

Für mich hat sich in den letzten Jahren allerdings nicht nur die Wall Street verändert, sondern auch Amerika und das Konzept Kapitalismus... den man an der Wall Street so feiert. Interessanterweise ist mir erst in Deutschland klar geworden, wie sehr der Kapitalismus in den USA aus dem Ruder gelaufen ist. Es war in Berlin, im Olympiastadion, bei einem Spiel von Hertha BSC. Ich hatte Durst und kaufte ein Bier für 4 Euro. Eine Monat vorher war ich im Yankee Stadium. Eine Dose Dünnbier ("Coors Light") kostete 11,25 Dollar. Das ist nicht nur ein anderer Preis, das ist eine andere Philosophie. Der Pächter im Olympiastadion verlangt einen fairen, marktüblichen  Preis – der Käufer ist zufrieden, der Verkäufer macht einen Gewinn. Der Pächter im Yankee Stadium weiß, dass der Baseballfan nun vier Stunden lang kein anderes Bier kaufen kann als eben seines. Egal was es kostet. Also verlangt er, soviel er verlangen kann. Der Verkäufer macht einen Riesengewinn, der Käufer wird verarscht.

Ich schätze den deutschen Kapitalismus. Deutsche Brauereien machen gute Gewinne. Allerdings keine astronomischen Gewinne. Das müssen sie auch nicht, zumal sie ihren Top-Managern auch keine Millionen-Beträge zahlen. Interessanterweise schaffen es deutsche Brauereien trotz schmaler Margen, qualitativ hochwertige Rohstoffe einzukaufen.

In Amerika wird dem Gewinn alles untergeordnet, auch in Bereichen, die weit wichtiger sind als Bier. Pharma-Konzerne verlangen in den USA absurde Preise für Medikamente, die sie im Ausland zu einem Bruchteil verkaufen. Krankenhäuser berechnen für kleinste Eingriffe absurde Beträge. Vor einem Monat verlangte ein Hospital in meinem früheren Wohnort Jersey City 15,000 Dollar von einem Patienten, dessen Platzwunde mit drei Stichen genäht werden musste.

Auf der einen Seite wird so viel Geld eingefahren wie möglich, auf der anderen wird extrem gespart. Wal-Mart zahlt seinen Mitarbeitern derart geringe Stundenlöhne, dass sich ein Großteil nur mit Lebensmittelmarken über Wasser halten kann. Industrieriesen leiten ihr Abwasser ungefiltert in Flüsse. Mastbetriebe pumpen ihre Rinder mit Antibiotika und Chemie voll, um eine bessere Rendite zu bekommen: mehr Fleisch in kürzerer Zeit. Einige der größten Konzerne in den USA zahlen seit Jahren keine Steuern. Das alles geht zu Lasten der Allgemeinheit. Zudem wird in den USA längst privatisiert, was eigentlich vom Staat organisiert werden sollte: Kindergärten und Schulen, Universitäten, Teile des Militärs, sogar die Gefängnisse, dadurch wird all das gewinnorientiert.

Wo der Gewinn zählt

Und wer ist an all dem Schuld: die Wall Street. Hier wird hofiert, wer nicht nur Gewinne macht, sondern ständig alle Erwartungen schlägt. Das geht am besten, wenn man kreativ ist und Tabus bricht. Im New Yorker Finanzviertel interessiert niemanden, wie Eltern mit Fastfood-Löhnen ihre Familien ernähren. Keiner will hören, dass man Umweltverschmutzung und Klimawandel massiv eindämmen könnte, wenn man – mit gewaltigen Investitionen – auf Solarenergien umrüsten oder Abwasser- und Abluftfilter verwenden würde. Hier zählt nur eines: der Gewinn am Ende des Quartals. Da knallen die Korken, so machen Anleger Geld. Übrigens: die Anleger sind auch längst nicht mehr die Kleinanleger, die sich einst mit gezielter Anlage ein kleines Vermögen zusammengespart haben. Die großen Gewinner an der Börse sind heute Banken, die mit günstigem Geld von der Notenbank spekulieren. Und mit den nahezu unverzinsten Einlagen ihrer Kunden.

Nein, die Wall Street ist heute nicht mehr das finanzielle Rückrat Amerikas. Ebenso wie die gesamte Wirtschaft immer mehr zum Problem und immer weniger zur Lösung wird. Die Zeiten, als ich noch mit Leidenschaft an der Wall Street stehen konnte, sind vorbei. Heute schaue ich auf die Börse mit Respekt vor ihrer großen Geschichte, aber auch mit Angst. Denn ich weiß nicht, welcher Schaden von hier noch ausgehen wird. Ich schaue mir das Ganze aus der Ferne ein, genieße ein System, das Kapitalismus nutzt, aber nicht vom Kapitalismus ausgenutzt wird.

Quelle: n-tv.de

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