Montag, 21. Dezember 2009
Markus Zschaber, V.M.Z.
Was Anleger 2010 erwartet
Das Jahr neigt sich dem Ende zu und das gesamtwirtschaftliche Bild unserer globalisierten Wirtschaft wirft nach wie vor Fragen auf, die eine klare Richtungsvorgabe erschweren. Die Zahl der Insolvenzen bewegt sich auf Rekordniveau, die Unternehmen reduzieren massiv ihre Kosten, was wiederum zukünftige Investitionen begrenzen wird und auf den deutschen Arbeitsmarkt wird die Krise wohl erst in den kommenden Monaten richtig durchschlagen. Auf der anderen Seite wurden durch die Notenbanken und Staaten der ganzen Welt monetäre Investitionsprogramme geschnürt, welche das marktwirtschaftliche System stabilisierten.
Nach meiner Auffassung befinden wir uns zwar in einer Normalisierung der Stresseffekte, welche durch die Insolvenz von Lehman Brothers in einem besonders hohen Maße entstanden waren, nicht aber in einem sich selbst tragenden Aufschwung. Dies gilt besonders für das kommende Jahr, auch wenn ich hervorheben möchte, dass die Märkte wohl noch nicht in der Verfassung sind, dies zu begreifen und sich stattdessen immer noch über die Liquidität, welche die Notenbanken mehr oder minder "verschenken", freuen.
Pluszeichen auf Krisenniveaus
Die Prognosen für die Industrie suggerieren für das kommende Jahr auf den ersten Blick eine positive Entwicklung von ungefähr 7 bis 10 Prozent Zuwachs im verarbeitenden Gewerbe der industrialisierten Nationen. Genau das wird auch oftmals durch viele Fondsmanager oder Vermögensverwalter als Indiz dafür genommen, dass sich der Industriesektor in einer sehr aussichtsreichen Verfassung befindet. Wichtig zu beachten ist jedoch, dass die Zahlen nur bei oberflächlicher Betrachtung imposant wirken. Die Tatsache, dass sich diese relativen Zahlenwerke auf das markant niedrige Niveau von 2009 beziehen, als sich in diversen Branchen und Segmenten die Umsätze um über 30 Prozent reduziert hatten, wird oftmals unbeachtet gelassen. Genauso wie die Situation, dass durch die prognostizierten Zuwächse nur ein kleiner Teil des zuvor entstandenen Rückgangs wieder kompensiert wird. Genau dies gilt nach meiner Ansicht als Hauptkriterium in der Beurteilung der Marktverfassung. Die Qualität der konjunkturellen Erholung und der Unternehmensbilanzen ist weder sonderlich gut noch selbsttragend.
Insgesamt erwarte ich somit ein recht volatiles Jahr 2010, da nach meiner Überzeugung erst eine Anpassung der Erwartungen an die tatsächliche Konsistenz und Qualität der Konjunktur und der Bilanzen vorhanden sein muss, bevor eine nachhaltig fundamentale Rechtfertigung für eine höhere Gewichtung eines ganzen Aktienmarktes besteht. Daraus erschließt sich, dass ich die Aktienmärkte nur stark eingeschränkt als bevorzugte Asset – Klasse ansehe bzw. lediglich eine aktive Steuerung der Aktienquoten als interessant erachte. Darüber hinaus können in volatilen Phasen Short – Positionen ein sehr interessantes Instrument sein, um die Schwankungsintensität positiv auszunutzen.
Richtige Branchen wählen
Nicht zu leugnen ist aber auch, dass absolute Perlen an den Aktienmärkten zu finden sind. Kriterien, welche ich bei der Auswahl besonders betrachte, sind: Solide ertragskräftige Unternehmen mit niedrigem Verschuldungsrad und einer hohen, Cashflow-orientierten Produktivität und ganz besonders Dividendenstrategien, also Unternehmen mit hoher Dividendenrendite und günstigen Buchwerten. Diese Kriterien sollten in erster Linie bei Branchen wie Gesundheit, Telekommunikation, Grundstoffe, Pharmazie, Versorger und europäischen Ölunternehmen zu finden sein. Bezüglich dieser Segmentierungen sehe ich sogar die höchste Performancechance, unter Berücksichtigung der Dividende, im gesamten Assetsegment.
Im kommenden Jahr erwarte ich in der Eurozone ein inflationistisches Potenzial von 1,5 bis 1,8 Prozent, also noch ungefährlich, da die Kapazitätsauslastung in der Industrie nach wie vor sehr niedrig ist und somit eine steile Zunahme der Löhne und Güterpreise sehr unwahrscheinlich ist. Auf der anderen Seite sehe ich eine Preisanstiegsgefahr bei Rohstoffen, welche, in Kombination mit der Verschuldungskrise der weltweiten Regierungen, vielleicht schon ab dem Jahr 2011 für ein Comeback höherer Inflation verantwortlich sein kann, sofern sich auch die Kapazitäten wieder sukzessive erholen. Die Ergreifung von Schutzmaßnahmen vor der Inflation bewerte ich als eine aktuell noch verfrühte Thematik, allerdings sollte ab dem 3. Quartal des kommenden Jahres dieses ein relevanter werdendes Thema werden können. Investmentstrategien wie Immobilien, Rohstoffe bzw. Industriemetalle, Aktien, inflationsgeschützte Staatsanleihen und auch eventuell Gold können dann im besonderten Interesse stehen.
Das Börsenjahr 2010 wird mit Sicherheit ein Jahr voller Herausforderungen – Ich kann es kaum erwarten!
Ihr Markus Zschaber
Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.