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Mittwoch, 01. Februar 2012
C. Lammersdorf: Spezialisierung ist ein Muss
Interview mit Christoph Lammersdorf, Vorsitzender der Geschäftsführung der Börse Stuttgart
1. n-tv: Trotz des Scheiterns der Megafusion zwischen Deutscher Börse und NYSE ist der Trend hin zu einem Konsolidierungsprozess der Börsen nicht zu übersehen. Inwiefern sind private Investoren davon betroffen?
Christoph Lammersdorf: Im Jahr 2011 gab es nicht nur Marktbewegungen von historischem Ausmaß, auch die internationale Börsenlandschaft ist dabei, sich grundlegend zu verändern. Als Gründe werden hier unter anderem verbesserte IT-Services, geringere Kosten beim Clearing sowie Skaleneffekte im Aktienhandel angeführt. Allerdings stellt sich eine elementare Frage: Wo bleibt bei all den Elefantenhochzeiten und Geschwindigkeitsrekorden der Privatanleger? Denn unsere Hauptzielgruppe, die Privatanleger, stehen ganz eindeutig nicht im Fokus der Fusionsbemühungen. In den vergangenen Jahren haben wir uns erfolgreich spezialisiert und sind heute die Privatanlegerbörse in Deutschland. Wir werden uns in Zukunft noch stärker auf die Bedürfnisse von Privatanlegern konzentrieren, die wir auf Augenhöhe mit institutionellen Investoren bringen.
2. Was bedeutet die Konsolidierung der Börsenlandschaft für die Börse Stuttgart?
In der zunehmenden Konzentration der Börsenlandschaft in den kommenden Jahren sehe ich eine große strategische Chance für unseren Handelsplatz. Denn wenn die Bälle auf dem Spielfeld immer größer werden, dann bleibt zwischen ihnen mehr Platz für die kleinen Bälle. Zu unseren Stärken zählen die Betreuung von Privatanlegern und der Handel mit weniger liquiden Werten. Wenn man sich als Börsenplatz auf Privatanleger spezialisiert, braucht es auch die regionale Nähe – sowohl zu den Emittenten von Wertpapieren, die für Privatanleger geeignet sind, als auch zu den privaten Anlegern selbst. Stuttgart ist hier am weitesten vorangekommen. Wir haben die technologischen Fähigkeiten und sind groß genug, um viele Privatanleger zu erreichen. Mit einem Handelsvolumen von über 108 Milliarden Euro in allen Anlageklassen im Jahr 2011 ist die Börse Stuttgart der zweitgrößte Handelsplatz in Deutschland, europaweit liegt die Börse Stuttgart auf dem neunten Rang. Damit findet in Stuttgart mehr Handel statt als in Hauptstadtbörsen wie Wien oder Warschau.
3. Deutschland leistet sich im Gegensatz zu seinen europäischen Nachbarn eine Vielzahl von Börsen. Wie sehen Sie die Perspektiven der Regionalbörsen in diesem Umfeld in Zukunft?
Angesichts der unterschiedlichen Bedürfnisse von institutionellen und privaten Investoren sollten wir intensiv darüber nachdenken, ob man die Strukturen nicht so entwickeln kann, dass im Wesentlichen zwei Börsenorganisationen für den klassischen Wertpapierhandel in Deutschland entstehen. Eine für den internationalen und institutionellen Handel mit liquiden Werten und eine für den Privatanlegerhandel in allen Produkten und die Betreuung der wenig und nicht liquiden Werte. Für kleinere Börsen gibt es letztendlich nur eine Überlebensstrategie: die Spezialisierung. Wer kein eindeutiges Profil hat, wird irgendwann von der Bildfläche verschwinden.
4. Für und Wider einer Finanztransaktionssteuer werden derzeit kontrovers diskutiert. Welche Auswirkungen hat die mögliche Einführung einer Finanztransaktionssteuer auf die Privatanleger?
Wir sehen bei einer möglichen Finanztransaktionssteuer deutliche Nachteile für private Investoren. Die Privatanleger sind schließlich nicht Verursacher der Finanzkrise, obwohl sie die Hauptlasten der Krisenbewältigung tragen müssen. Hinzu kommt, dass Privatanleger ihre Investitionen zur Vermögensbildung und Alterssicherung überwiegend aus bereits versteuertem Einkommen bestreiten. Darüber hinaus sind sie auch von der speziellen Abgeltungssteuer auf Finanzgewinne betroffen. Daher fordern wir zwingend, die Privatanleger von einer Besteuerung auszunehmen. Sollte die Finanztransaktionssteuer nicht global, sondern in Europa womöglich nur teilweise eingeführt werden, so entstehen zudem Nachteile für die Anleger in den von der Steuer betroffenen Ländern.
5. Was können Privatanleger in der aktuellen Lage tun?
Bildung ist der beste Anlegerschutz. Deshalb müssen sich deutsche Privatanleger intensiver mit ihren Geldanlagen beschäftigen. Mit dem Thema Finanzen kann man gar nicht früh genug beginnen. Daher fordert die Börse Stuttgart auch, dass die Vermittlung von Finanzwissen fest in die Lehrpläne für das Unterrichtsfach Wirtschaft an allen weiterbildenden Schulen aufgenommen wird. Grundsätzlich hat der direkte Kontakt zu den Anlegern bei uns einen hohen Stellenwert: Wir organisieren pro Jahr bundesweit 140 Informationsveranstaltungen für Privatanleger. Wir haben jedes Jahr über 7000 Besucher bei uns in der Börse und sprechen auf der Anlegermesse Invest über 15.000 Besucher aus dem süddeutschen Raum an. Zudem werden pro Jahr rund 44.000 Anfragen über unsere kostenlose Kundenhotline abgewickelt.