Montag, 07. Dezember 2009
Markus Zschaber, V.M.Z.
Oberflächliche Marktteilnehmer
In unzähligen Medien auf der ganzen Welt sowie von diversen Nachrichtenagenturen wird die relative Veränderung der Arbeitsmarktdaten in den USA im November gegenüber dem Vormonat mit positiven Stimmungen und einem Gefühl von "Jetzt wird alles besser" nach der Veröffentlichung propagiert. Interessanterweise zeigten sich auch die Finanzmärkte von diesen Veröffentlichungen quasi angesteckt und die Investoren auf der ganzen Welt bejubeln den überraschenden Rückgang der Arbeitslosigkeit und die weit weniger ausgefallenen Arbeitsplatzverluste. Man kann sogar noch einige Stunden nach der Veröffentlichung dieser Daten, wenn man in den Markt "hineinhört", von einem beständigen Optimismus sprechen. Alleine der DAX legte anschließend um über 100 Punkte zu und bestätigt meine Skizzierung des Marktverhaltens. Als Vermögensverwalter, verantwortlich für das Kapital seiner Mandanten, ob institutioneller Investor oder Privatanleger, habe ich den Auftrag, diese konjunkturellen Signale bis ins letzte Detail zu überprüfen, um die wirtschaftlichen Potenziale daraus abzuleiten. Im Beispiel Arbeitsmarktbericht: Welche Signale deuten auf eine höhere Konsumleistung der Bevölkerung oder eine sich dadurch verbessernde volkswirtschaftliche Produktivität oder eine expandierende Wertschöpfung hin, was dann wiederum zu einer mittelfristigen Gewinn-, Umsatz-, Cashflow- und Rentabilitätssteigerung bei den Unternehmen führen könnte?
Die Veröffentlichung der Arbeitsmarktdaten konnte in vielen Medien ungefähr folgendermaßen vernommen werden: "Im November 2009 lag die Anzahl des vom Bureau of Labor Statistics (BLS) gemeldeten Stellenabbaus bei nur noch saisonbereinigten -11.000 Jobs! Die ist der niedrigste Stellenabbau seit Dezember 2007. Auch für Oktober und September 2009 wurde der Stellenabbau revidiert, es wurden 159'000 Stellen weniger abgebaut als ursprünglich angenommen." Ich stimme zu, dass sich diese Botschaft insgesamt durchaus optimistisch anhört. Es kann auch ein positiver Tenor herausgelesen werden. Einer meiner wichtigsten persönlichen Grundsätze innerhalb meiner Vermögensverwaltung besagt, dass jedoch jede relevante Information auf Herz und Nieren geprüft werden muss, um den wirklich entscheidenden Relevanzgrad herauszufiltern. Nur so können Fehlinterpretationen vermieden werden. Die Arbeitsmarktdaten lassen nämlich noch folgende weitere Informationen verlauten:
Bereits den 23. Monat in Folge führt die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem Stellenabbau in den USA, denn auch ein sehr verlangsamter Stellenabbau ist immer noch ein Stellenabbau. Fakt ist, dass die Arbeitslosenquote im November auf 10,0%, nach 10,2% im Vormonat und 6,8% im Vorjahresmonat anstieg. Anders ausgedrückt kann festgehalten werden, dass die aktuelle Arbeitslosenquote von 10,0% bedeutet, dass in den USA saisonbereinigt 15,375 Millionen offiziell registrierte Arbeitslose gemessen werden. Vergleicht man diese Zahl mit den Daten aus der jüngeren Vergangenheit, dann resultiert daraus, dass dies ungefähr 325.000 weniger Arbeitslose als im Vormonat sind. Allerdings, liebe Leserinnen und Leser, sind es immer noch 5,224 Millionen mehr Arbeitslose im Vergleich zum Vorjahresmonat. Insgesamt kumuliert sich der Stellenabbau auf gewaltige 7,156 Millionen verlorene Stellen in den letzten zwei Jahren, was trotz der aktuellen Hoffnung auf Besserung der längste und größte Einbruch seit vielen Jahrzehnten ist.
Doch weiter im Detail: Betrachtet man den Verlauf der Langzeitarbeitslosen, markieren diese auch in diesem Monat ein Allzeithoch. Es bestehen 5,887 Millionen, die länger als 27 Wochen keinen Job haben! Ein massiver Anstieg von über 160% zum Vorjahresmonat, in dem es 2,207 Millionen waren. Außerdem ist Fakt, dass im letzten Monat der Anteil der Arbeitslosen, die für 27 Wochen oder länger arbeitslos sind, über 38% der gesamten arbeitslosen Bevölkerung ausmacht. Die Frage ist, wenn die US - Wirtschaft wirklich nachhaltig Intakt ist, warum dynamisiert sich der Trend der Langzeitarbeitslosen? In der Bauwirtschaft wurden erneut im Monat November 27000 Stellen gestrichen, so dass aktuell noch etwa 5,9 Millionen Beschäftigte in den USA in der Bauwirtschaft angestellt sind, was aber im Vergleich zum Januar 2007 ein Stellenabbau von über 1,7 Mio. Stellen bedeutet. Auf der anderen Seite konnten im Monat November im Dienstleistungsbereich (insgesamt) 86.000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Betrachtet man diese Stellen aber im Detail, waren alleine 52.000 dieser Arbeitsplätze zeitlich befristete Aushilfsjobs. Das lässt auf die mangelnde Qualität dieser Stellen bzw. der nicht vorhandenen Nachhaltigkeit dieses Stellenaufbaus schließen. Die interessanten statistischen Veränderungen, welche die Statistikämter durch politische Maßnahmen in den letzten Wochen umsetzen mussten, möchte ich hier und heute nicht kommentieren, auch wenn diese mir sehr suspekt vorkommen.
Für mich stellt sich abschließend die Frage: Wenn große Teile unserer Gesellschaft bereits nur ein oberflächliches Gedankengerüst in ihrer Frei- und Arbeitszeit an den Tag legen, kann diesbezüglich vielleicht eine Übertragbarkeit auf die Marktteilnehmer an den Finanzmärkten erkannt werden. Und welches Risiko verbirgt sich dadurch auf die Kursentwicklung? Für mich steht fest, dass die Wachsamkeit an den Börsen nicht nur in den vergangenen Zyklen, sondern vor allem aktuell besonders groß sein sollte.
Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.