Montag, 14. Juni 2010
Jörg Bohn
Neuer Finanzkollaps voraus – was tun?
Der Mai 2010 wird als Zäsur in die Geschichte der Europäischen Union eingehen: Die EU bricht ihre eigenen Regeln und gewährt Griechenland eine 750-Milliarden-Euro-Bürgschaft aus den Druckerpressen der Europäischen Zentralbank (EZB). Auch die EZB wirft ihre Grundsätze über Bord und akzeptiert die als Ramschanleihen eingestuften Griechenland-Bonds wider jede Abmachung nun als Sicherheiten, damit auf der Ägäis nicht das Licht ausgeht. In der Folge setzte eine massenhafte Flucht aus dem Euro-Raum in US-Dollar und Schweizer Franken ein.
Reaktion der Politiker: Sie wollen die „unpatriotischen“ Märkte maßregeln und „böse Spekulanten“ an die kurze Leine legen. Dabei haben nicht kurzfristig orientierte Anleger die Hellas-Anleihen zur Finanzierung des griechischen Staates gekauft, sondern Banken, Fonds und Versicherungen, die darauf vertrauten, dass es sich, wie deklariert, um mündelsichere Papiere handelte. Von den nun angeschobenen Euro-Interventionen werden hingegen wohl gerade jene profitieren, die die Politiker doch bekämpfen wollen: Spekulanten, die bei Euro-Kursen von 1,20 bis 1,25 Dollar mutig ins fallende Messer griffen. Wer jetzt noch glaubt, Volksvertreter besäßen ökonomische Vernunft, sieht wohl auch rosa Elefanten.
Ahnungslose Politiker
Die Ahnungslosigkeit der politischen Protagonisten in Sachen Ökonomie offenbart sich noch in einer anderen Dimension: Die Politik kann die Preise für einzelne Finanzgüter nicht dauerhaft beeinflussen. Versucht sie es dennoch, verschwendet sie Steuergeld und verzerrt damit die Preisbildung. Dadurch entstehen gravierende Fehlinformationen, die uns gerade in jenes Chaos geführt haben, indem wir uns aktuell befinden. Als Beispiel mag die iberische Halbinsel dienen. Allein in Spanien, das zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung der EU repräsentiert, stehen so viele unverkaufte Häuser wie in den USA! Dass dies so kam, hat mit falsch gesetzten Anreizen, etwa über zu niedrige Zinsen, zu tun.
Welcher „Retter“ wird auftauchen, wenn die nächste Insolvenzwelle der Hausbauer über die iberischen Sparkassen und Banken rollt – wieder Deutschland? Ich befürchte, irgendwann werden die Anleihemärkte zwei und zwei zusammenzählen und eine Antwort auf die Frage wollen, wie diese Rettungspakete überhaupt finanziert werden. Fällt den Politikern dann wieder nichts Besseres ein, als schlechten Billionen erneut gute Milliarden hinterher zu werfen, droht der Vertrauens-Crash am Bondmarkt. Wie können sich Anleger für ein solch harsches Umfeld positionieren?
Vier Schritte zur Absicherung
Vier Punkte erscheinen mir wesentlich – deren gemeinsamer Nenner heißt Kapitalsicherung, nicht Rendite. Erstens: Von mittel- und langfristigen Staatsanleihen sollten Anleger die Finger lassen. Mit mehreren hundert Billionen US-Dollar ist das Meer der öffentlichen Schulden zu weit und zu tief, um sich länger als einen Tag hinein zu wagen. Vielmehr könnte es sinnvoll sein, Liquidität bei einem der (noch) sichersten Schuldner der Welt zu parken – und zwar als Tagesanleihe bei der Bundesrepublik Deutschland. Dieses Geld wird derzeit zwar kaum verzinst, doch wer es benötigt, hat es zwei Tage später auf dem Bankkonto. Zudem ist der Zins an den Interbankenzins EONIA gekoppelt: Trocknet der Bankenmarkt aus, dürfte der EONIA und damit der Tagegeld-Zins steigen.
Zweitens: Als langfristige Wertsicherung empfiehlt es sich, etwa fünf Prozent des Vermögens in Edelmetalle zu investieren, auf die man physisch Zugriff hat – vornehmlich in kleinen Stückelungen von Gold und Silber. Darüber hinaus gehende Gold- und Silber-Anlagen sollten in mit Metallen hinterlegte Fonds fließen. Einen Blick wert ist auch der Craton Capital Precious Metal Fund, der in Aktien von Gold- und Silberminen anlegt. Drittens: Um die Auswirkung eines weiteren Euro-Crashs für das eigene Vermögen zu verringern, sind Fremdwährungskonten geeignet. Wer sich gegen Inflations- und Deflationsgefahren gleichzeitig absichern will, wählt eine Rohstoffwährung wie den Neuseeland-Dollar sowie den US-Dollar, der im Fall einer Deflation profitiert. Alternativ kann man entsprechende KfW-Anleihen zeichnen.
Gegessen und getrunken wird immer
Und last but not least: Getreu dem Motto „Gegessen und getrunken wird immer“ ist der einzige Sub-Index im Dow Jones Stoxx 600, der nach unserem Trendfolge-Modell noch kein Verkaufssignal ausgelöst hat, der Food-and-Beverage-Index. Wer darin etwa über einen Indexfonds (ETF) investiert, sollte die Stopp-Marke bei 302 Punkten beherzigen, denn Verluste, die man gleich realisiert, sind die geringsten. Generell gilt: In Aktien sollte nur investieren, wer ein striktes Risikomanagement befolgt und bei Auslösen eines Verkaufssignals tatsächlich die Reißleine zieht.
Die vier vorgestellten Schritte zusammen dürften helfen, das Vermögen durch die Zeitwirren zu bringen.
Der Autor Jörg Bohn ist Chefstratege der Vermögensverwaltung Artus Direct Invest und Experte des Internetportals Vermögensprofis.de.