Montag, 14. Dezember 2009
Markus Zschaber, V.M.Z.
Fahrlässige Ergebnisorientierung
In wenigen Wochen geht das Börsenjahr 2009 zu Ende und für alle Kapitalmärkte weltweit gilt, dass dieses Jahr als eines der Jahre mit den höchsten Kursschwankungen seit Bestehen der internationalen Börsen in die Geschichte eingehen wird.
Die letzten Quartalsergebnisse der Unternehmen beiderseits des Atlantiks haben einmal mehr dokumentiert, dass nicht die Qualität der Bilanzen die Kurse, im kurzfristigen Kontext der aktuellen Marktphase, beeinflusst, sondern die Kunst des „Verkaufens“, also schlechte Zahlen positiv durch die Unternehmensvorstände zu präsentieren.
Wenn ich mir die einzelnen Unternehmensbilanzen vor Augen führe bzw. die der Branchensegmente oder auch übergreifend auf einen ganzen Markt blicke, dann liegen die Gewinnentwicklungen und deren Zuwachsverteilung nach wie vor ca. -40 Prozent unter den Vergleichswerten von vor einem Jahr. Identisch kann dies auch auf die Umsatzentwicklung bezogen werden, so dass ich die Konsistenz der Unternehmensbilanzen immer noch mit großer Skepsis betrachte, ob denn die Aufschwungphantasien, die die Märkte hegen, auch in der Realwirtschaft umgesetzt werden. Natürlich bewerte ich die Überraschungskomponente der Markterwartungen sehr genau, da diese einen markttreibenden Einfluss hat, was auch in den letzten Monaten und Quartalen immer wieder zu beobachten war.
Die Frage ist, welche Hürden den Unternehmen derzeit zusätzlich zu der konjunkturellen Lage noch bevorstehen. Zum einen sehe ich die schleppende Kreditvergabe an Unternehmen als Bedrohung. Die Geschäftsbanken haben in ihrer derzeitigen unternehmenspolitischen Ausrichtung kein wirkliches Interesse daran, ihre Bilanzaktiva auszuweiten. Im Gegenteil: Bestehende Unternehmenskredite werden oftmals nicht einmal mehr verlängert. Die Aussage, dass wir uns in einer sogenannten Kreditklemme befinden, was laut Definition ein angebotsbedingtes, umfassendes Erliegen des Kreditneugeschäfts bedeuten würde, erachte ich aber noch als überzogen. Es bestehen jedoch Anzeichen, dass auch gesunde Unternehmen zukünftig nicht ausreichend Kredite zu angemessenen Konditionen bekommen könnten.
Fakt ist, dass sich die Unternehmen immer noch in einer Restrukturierungsphase befinden, so dass höhere Zinsbindungskosten auf der Finanzierungsseite nicht gerade entlastend wirken. In den zahlreichen Bilanzkonferenzen, an denen ich Woche für Woche teilnehme, wurde mir sehr schnell klar, dass die Unternehmen in Zeiten markanter Nachfragereduktionen natürlich alles versuchen werden, um ihre Schwächen in den Bilanzen möglichst optisch zu schönen. Um die angesprochene Flaute bei den Neuaufträgen zu relativieren, wurden in allen Unternehmenssektoren massive Kostensenkungsprogramme umgesetzt. Dies führte dazu, dass die Gewinnentwicklung vieler Industrieunternehmen, trotz wegbrechenden Umsätzen, stimuliert wurde.
Einfacher ausgedrückt: Wenn ein Unternehmen reduzierende Umsätze hat, gleichzeitig aber die Kosten noch stärker senkt, resultiert daraus eine positive Gewinnentwicklung. Ganz nach dem Motto: Minus und Minus ergibt Plus. Vor allem in den USA konnte ich in der jüngsten Berichtssaison massive Kostenersparnisse in fast allen Sektoren und ganz besonders im Industriebereich feststellen. Durch die besagte massive Kostenersparnis wurde, auf Basis des Nettoertrags, sogar vielfach das erwartete Ergebnis übertroffen. Dies sorgte für eine positive Stimmung bei den Marktteilnehmern, weil die Ergebnisse schlicht und einfach besser ausfielen, als die Erwartungen zuvor angesetzt waren. In Deutschland ansässige Unternehmen gelten in den Kostenreduzierungsplänen als benachteiligt, da diese aufgrund der Gewerkschaften und Tarifverträge beziehungsweise der Sonderabkommen in puncto Kurzarbeit nur bedingt die Flexibilität besitzen sich im großen Umfang zu restrukturieren. Die Überkapazitäten in Deutschland gelten daher, vor allem im internationalen Vergleich, immer noch als sehr hoch.
Ich bin mir sicher, dass, gerade in den USA und in vielen Teilen Europas, der Schwerpunkt von den Unternehmenslenkern zukünftig nicht auf Investitionen gelegt wird, sondern auf weitere Kostensenkungsmaßnahmen. Dies gilt nach meinen Erkenntnissen auch als die größte Wachstumshürde der kommenden Periode, da nur durch eine Wiederbelebung der Investitionsdynamik nachhaltiges Wachstum erzeugt werden kann. Denn wenn Investitionen stocken, sollte es schwierig sein, zukünftiges Wachstum zu erzielen, vor allem wenn man bedenkt, dass die staatlichen Stützen auslaufen werden.
Ihr Markus Zschaber
Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.