Montag, 18. Januar 2010
Markus Zschaber, V.M.Z.
Die Woche der Wahrheit
Die erste Berichtssaison im Jahr 2010 kommt auf Touren. Allein diese Woche erwarten uns 13 Bilanzen aus den USA. Die Liste dieser besagten Unternehmen liest sich wie das „Who is Who“ der US–amerikanischen Firmenlandschaft.
Von Dienstag bis Freitag veröffentlichen die Citigroup, IBM, Bank of America, Ebay, Morgan Stanley, Starbucks, US Bancorp, Wells Fargo & Co, American Express, Google, Goldman Sachs, McDonald’s und General Electric ihre Bilanzabschlüsse, so dass diese Woche, mit Blick auf die kommenden Wochen, eine Trendrichtung für die Aktienmärkte vorgeben sollte. Bereits letzte Woche machte JP Morgan einen richtungsweisenden Anfang für die Bankenlandschaft. Im Großen und Ganzen bewerte ich die Zahlen als ordentlich, aber nicht als überragend.
Nach meiner Auffassung liegt genau hier aber die Problematik. Die Erwartungen für den Bankensektor sind, aufgrund der letzten beiden Quartale, welche durchaus als sehr ertragsstark einzustufen waren, sehr stark angestiegen. Die Zahlen sollten zwar, aufgrund der nach wie vor attraktiven Kapitalmarktbedingungen, bei Citigroup, Bank of America, Morgan Stanley und Goldman Sachs positiv ausfallen, aber unter den Ansprüchen der Marktteilnehmer liegen. Das Enttäuschungspotenzial ist durchaus als relativ hoch einzustufen, was zu volatilen Märkten führen sollte. Die Problematik, die nach meiner Meinung noch hinzukommt, ist, dass viele Marktteilnehmer gerade in puncto Banken die wahrscheinlich nicht ganz so optimistischen Zahlenwerke nutzen könnten, um die zuletzt immer höher angestiegenen Gewichtungen des Sektors innerhalb der Portefeuille zu reduzieren. Das wird die Stimmung eintrüben, falls die Controller der Banken nicht noch das ein oder andere Ass im Ärmel haben sollten.
Zusätzlich gilt das politische Risiko einer sogenannten Strafsteuer für die US – Banken als Belastung, so dass ich bereits innerhalb meiner vermögensverwaltenden Strategien und Fonds den Finanzsektor auf ein Minimum reduziert habe. Für mich steht fest, dass das aktuelle Geschäftsmodell, welches ausschließlich auf der ausgereizten Geldschöpfungspolitik basiert, sukzessive auslaufen wird und in Kombination mit den hohen Vorsorgemaßnahmen der Banken für nachhaltige Kreditausfälle zusätzlich Druck auf die Bilanzen der kommenden Monate ausüben wird. Doch wie sieht es in der Realwirtschaft aus?
Grundsätzlich bestehen meiner Ansicht nach diverse Sektoren, die durchaus ein höheres Umsatzpotenzial bieten und bei gleichzeitig andauernder Restrukturierung und Kostenkontrolle eine positive Gewinndynamik zeigen können. Diese Unternehmenssegmente sind zudem aktuell nicht auf der Watchlist der meisten Marktteilnehmer, da es sich um defensive Unternehmen handelt und nicht um die zuletzt stark gestiegenen zyklischen Unternehmen. Cash–Flow gilt als Schlüsselindikation, was soviel bedeutet wie, dass ich derzeit vor allem Unternehmen und Unternehmenssegmente favorisiere, die einen soliden Liquiditätsgrad und eine niedrige Verschuldungsquote vorweisen.
In der Quintessenz dokumentieren meine qualitativen Bewertungen in Kombination mit meinen Quant–Modellen, dass die künstlich geschaffenen Stabilisatoren durch Notenbanken und Regierungen Wirkung zeigen und das Auftragsvolumen der Realwirtschaft vor allem in Asien und Europa eine Erholung durchläuft.
Infrastrukturprojekte in den Bereichen Eisenbahn, Straßen, Flughäfen, Energieversorgung, Wissenschaft, Innovation, Gesundheitswesen und Bildung, geschaffen durch die staatlichen Eingriffe, haben die Weltwirtschaft vor einer noch größeren Depression bewahrt. Von einem sich selbsttragenden Aufschwung kann aber noch keine Rede sein, vor allem, wenn man die nach wie vor niedrigen Kapazitäten der verarbeitenden Industrie sowie die niedrige Produktivität der Unternehmen bewertet. Dennoch ist meine Überzeugung, dass vor allem realwirtschaftliche Sektoren wie Gesundheit/Pharmazie, Konsum- und Nahrungsmittelgüter, Basisgrundstoffe, Versorger, Telekommunikation und Dienstleistungen die chancenträchtigsten Segmente der nahen Zukunft darstellen.
Für den Gesamtmarkt sehe ich nach wie vor Gefahrenpotenzial, da das Umsatzwachstum des Marktes nicht so stark sein wird, wie es an diesem Punkt des ökonomischen Zyklus erwartet wird. Die Kostensenkungspolitik bzw. die Restrukturierungsmaßnahmen haben die relative Gewinnentwicklung der letzten Quartale zwar im allgemeinen Umfeld gesteigert, durch diesen Effekt erwarte ich allerdings für dieses Quartal nur noch eine eingeschränkte Stimulation. Die Berichtssaison wird zeigen, in welcher Verfassung sich die Unternehmen tatsächlich befinden und die aktuelle „Woche der Wahrheit“ wird einen ersten Vorgeschmack diesbezüglich liefern.
Ihr Markus Zschaber
Markus C. Zschaber ist leitender Fondsmanager der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft (www.zschaber.de) in Köln. Nach seinem BWL-Studium ließ er sich in den USA bei der Chase Manhattan Bank zum Fondsmanager ausbilden und kehrte danach wieder zurück in seine Wahlstadt Köln. Bereits mehrfach ausgezeichnet für sein Portfoliomanagement, zuletzt als "Bester Fondsverwalter 2008"durch den "Handelsblatt-Elite-Report", kennen ihn die n-tv-Zuschauer seit 1997 als Experte unter anderem in der Telebörse, dem Investment-Check, Börse@n-tv oder dem Geldanlagecheck. Zwei seiner Fachbücher konnten Leser bereits in den Bestseller-Listen finden, zuletzt das Buch "Der Börse voraus" als Gemeinschaftsproduktion mit dem Nachrichtensender n-tv.